INT / Reproduktionsmedizin: Zunehmend beschönigende Berichte über Leihmutterschaft

IEF, 19.10.2020 – Ein bedenklicher Trend: Berichte pro Leihmutterschaft nehmen zu.

Nur scheinbar „positive Aspekte“

Die durch die erschreckenden Videos der „gestrandeten“ Babys (das IEF hat berichtet) aktuell vermehrt ins Bewusstsein gerückte Debatte rund um Leihmutterschaft, nimmt neue Züge an. Immer mehr Berichte internationaler Medien widmen ihre Artikel vermeintlich positiven Aspekten.

Indien: Leihmutterschaft als Weg aus der Armut

„Es war ihre Gebärmutter, die Warsa Solanki aus erdrückender Armut befreite“, so beginnt etwa ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung vom 1. Oktober, der die kommerzielle Leihmutterschaft in Indien behandelt. 2018 habe die damals 28-jährige Inderin für ein unfruchtbares Paar als Leihmutter ein Kind ausgetragen. Mit den 4.000 000 Rupien, einer „lebensändernden Summe“, die sie als Gegenleistung für die Geburt erhalten habe, sei sie nach der Entbindung in eine „veränderte Realität“ zurückgekommen. Hätte sich mit ihrem Mann Land gekauft, die Hütte verbessert, in der sie lebten. Das Entgelt dafür, dass sie erneut Leihmutter ist, wolle sie in die Ausbildung ihrer Kinder stecken. Sie selbst sei Analphabetin, ihr Sohn soll studieren. Über die Rolle als Leihmutter sage sie: „Ich bin so glücklich. Ich konnte die Situation meiner Familie auf Generationen hinaus verbessern.“ Sie werde „keine Tränen vergießen“, wenn sie das Baby nach der Geburt an die Wunscheltern übergebe.

Der monetäre Wert eines Menschenlebens

Für die Direktorin des Akanksha Hospitals Nayana Patel, die seit 2004 über 1.600 Babys an Bestelleltern übergeben hat, ist Leihmutterschaft eine „Win-win-Situation“. „Wir helfen dem unfruchtbaren Paar genauso wie der Leihmutter. Beide gehen reicher nach Hause: die einen mit Kind, die anderen mit Geld.“ Seit 2002 ist Leihmutterschaft in Indien zugelassen, seitdem ist das Land Ziel des Baby-Tourismus zu Dumpingpreisen. Für rund ein Siebtel des Geldes, das man in den Vereinigten Staaten zahlen muss, bekommen Bestelleltern ihr Wunschbaby in Indien, so die Neue Zürcher Zeitung. Dass einige Frauen zur Leihmutterschaft gezwungen wurden, oder ihnen ungewollt drei Embryos eingepflanzt wurden, erwähnt der Artikel nur am Rande. Dass als Folge dessen, die Leihmutterschaft 2015 reglementiert wurde und Inderinnen seitdem nur für ihre Landsleute beziehungsweise Ausländer indischer Abstammung Kinder austragen dürfen ebenso. Über jene Bestrebungen, die Leihmutterschaft zu entkommerzialisieren hingegen wird kritisch berichtet. „Dies ist eine der wenigen Methoden, mit denen Frauen in Indien viel Geld verdienen können“, wird die Aktivistin Trupti Rajput zitiert, die „2008 ein Kind für ein New Yorker Ehepaar austrug und von dem Geld eine Eigentumswohnung kaufte“.

Ukraine: Leihmutterschaft aus “gelebter Nächstenliebe”

Euronews weist in seiner Reportage mit Fokus auf die Ukraine zwar auf die Ausbeutung der Frauen hin, behandelt jedoch ebenso ausführlich die angeblich positiven Seiten und zitiert eine Leihmutter so: „Ich habe diese Entscheidung getroffen, um bei meiner Mutter ausziehen zu können, um ein kleines Haus kaufen zu können. Sonst hätte ich sehr lange hier oder im Ausland arbeiten müssen. Ich wollte meine Tochter nicht zurücklassen, weder bei ihrer Großmutter noch bei sonst jemandem. Deshalb habe ich nicht lange gezögert, ein Programm für Leihmutterschaft anzufangen. Ich habe in einem Jahr genug Geld verdient, um mir ein kleines Haus kaufen zu können. Am Anfang habe ich es natürlich wegen des Geldes getan. Aber als ich schwanger wurde, wurde mir klar, dass ich eine Familie für andere Menschen schuf. Meine Einstellung hat sich geändert. Geld ist gut, aber jemandem das Leben zu schenken ist noch besser.“ Ihre leibliche Tochter stimmt ihr zu: „Meine Mutter hat ein neues Leben geschaffen. Ich finde das großartig, ich sehe das positiv. Ja, ich bin stolz auf meine Mama.“ Für die französische Bestellmutter sei Leihmutterschaft eine Reproduktionstechnik wie jede andere, sie habe aber das Gefühl, dass „die Leute manchmal glauben, dass man jemandem das Kind stiehlt“. Das sei „völlig falsch“. „Weil es gar nicht das Kind der Frau ist, die das Kind gebärt, der sogenannten Leihmutter. Sie trägt das Kind aus, aber sie ist nicht die Mutter, denn es ist nicht ihr genetisches Kind. Es sind entweder die Eizellen der eigentlichen Mutter, wenn möglich, oder von einer Spenderin, wenn nötig. Aber es sind nicht ihre Eizellen.“ Das französische Paar ist sich einig: „Wir sprechen über ein kleines Wunder, 30 Zentimeter lang, ein bisschen größer, das das Leben vieler Paare verändert, jeden Tag. Warum sollen wir das nicht erleben dürfen? Das soll mir mal jemand erklären.“, so der Jungvater.

Kritische Aspekte werden nicht gehört

Genau das versuchen weltweit zahlreiche, vornehmlich feministisch geprägte Organisationen. Allein: ihre Argumente und Berichte werden kaum gehört. So weist etwa die Initiative Stoppt Leihmutterschaft in Österreich darauf hin, dass durch einen Leihmutterschaftsvertrag das Kind immer zum Objekt wird und Frauen systemimmanent ausgebeutet werden. Aktivistinnen wie die Österreicherin Eva Maria Bachinger, die Inderin Sheela Saravanan oder auch  die Schwedin Kajsa Ekis Ekman warnen seit Jahren vor der neuen Form von Ausbeutung, die nur aufgrund des wirtschaftlichen Gefälles zwischen Bestellern und Leihmüttern funktioniere. Und der Verharmlosung bis Beschönigung des stattfindenden Kinderhandels. Denn Leihmutterschaft sei nichts anderes als Kinderhandel, betont auch Dr. Stephanie Merckens vom Institut für Ehe und Familie (IEF). Und das Argument, Frauen könnten sich dadurch eine eigene finanzielle Existenz schaffen bzw. verbessern, trägt bei Leihmutterschaft genauso wie beim „klassischen“ Kinderhandel – oder es trägt eben nicht.

Baby stirbt ohne elterliche Fürsorge

Unterdessen hat die kommerzielle Leihmutterschaft in Russland ein neues Opfer gefordert: ein Baby, dessen chinesische Bestelleltern es aufgrund der Corona-Pandemie nach seiner Geburt nicht abholen konnten, starb vergangene Woche aufgrund unbekannter Todesursache in der Obhut einer Kinderbetreuerin. Die russischen Behörden leiteten umgehend Ermittlungen ein. Die leibliche Mutter war nach erfolgter Bezahlung spurlos verschwunden und hatte das Kind zurückgelassen. Ihre Arbeit war getan. (KL)

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