IEF, 27.01.2020 – Die Studie untersuchte wie es Frauen über einen Zeitraum von fünf Jahren nach einer Abtreibung ging und ob sie ihre Entscheidung bereuten.

Forscher der University of California in San Francisco haben im Auftrag des sich für die Abtreibungsrechte einsetzenden „Bixbay Center for Reproductive Health“ Daten von 667 Frauen aus 30 verschiedenen Abtreibungszentren in den USA ausgewertet. Die von ihnen verwendeten Daten stammen aus der Turnaway Study, die die physischen, sozialen, emotionalen und ökonomischen Auswirkungen von Abtreibungen auf Frauen untersuchte und die Ergebnisse mit Erfahrungen jener Frauen verglich, die ihr Kind aufgrund der Überschreitung der Frist austragen mussten.

Beginnend eine Woche nach der Abtreibung und danach zwei Mal jährlich wurden die Frauen zu ihrem emotionalen Wohlbefinden befragt. Die Studienautoren wollten auch wissen, wie sich eine allfällige Abtreibungsstigmatisierung auf die Frauen auswirkt.

Ergebnisse der Studie

Die Forscher, die ihre Studie im „Social Science & Medicine“ Journal publizierten, kamen zum Ergebnis, dass alle Emotionen, sowohl gute als auch negative, mit der Zeit abflachen. Eine Woche nach der Abtreibung gaben 51% der Befragten an positive, 17% negative und 20% keine oder kaum Emotionen zu empfinden. Je mehr Zeit verging, desto mehr schwanden auch die mit der Abtreibung verbundenen Gefühle bei den Frauen. Nach fünf Jahren verbanden 84% der Befragten entweder positive oder gar keine und lediglich 6% negative Emotionen mit dem Schwangerschaftsabbruch.

Kurz nach der Abtreibung gab die überwiegende Mehrheit (97,5%) der Frauen an, die richtige Entscheidung in Bezug auf das Beenden der Schwangerschaft getroffen zu haben. Nach fünf Jahren teilten sogar 99% der Frauen diese Überzeugung.

Die Studienautoren kommen zum Fazit, dass die mit einer Abtreibung verbundenen negativen Emotionen vor allem auf die persönliche Situation der Frau und die gesellschaftliche Einstellung zur Abtreibung, nicht jedoch auf die Abtreibung selbst zurückzuführen seien. Die Ergebnisse der Studie wären laut den Studienautoren zudem auch im Zusammenhang mit den gesetzlichen Beratungsregelungen und anderen den Zugang zur Abtreibung beschränkenden Maßnahmen, die sich auf die emotionale Schädlichkeit von Abtreibungen berufen, relevant.

Die Studienleiterin Corinne Rocca sprach gegenüber der Washington Post davon, dass es wohl eine kleine Gruppe von Frauen gebe, die die Abtreibung bereuen würde. Sie wolle ihnen auch das damit verbundene Leid nicht absprechen. Aber der Mehrheit der Frauen die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs aufgrund der Schwierigkeiten dieser Minderheit nehmen zu wollen, sei schlicht und einfach falsch.

Zahlreiche Medien, wie der Standard, die Frankfurter Allgemeine und viele englischsprachige Zeitschriften haben fast euphorisch von den Studienergebnisse mit Headlines, wie „95 Prozent der Frauen bereuen ihre Abtreibung nicht“ oder „Die Frauen finden ihre Entscheidung richtig“ berichtet. Doch die der Studie zugrundeliegenden Daten wurden bereits vor Jahren als mangelhaft kritisiert.

Mängel der Studie

In einem bereits 2018 im Linacre Quarterly, einem Ethikjournal der Catholic Medical Association, publizierten Aufsatz wies David Reardon auf zahlreiche Mängel der „Turnaway Study“, auf der die zuletzt präsentierten Ergebnisse basieren, hin.

Die „Turnaway Study“ wurde von der Forschungsgruppe „Advancing New Standards in Reproductive Health“ (ANSIRH), die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt, in Auftrag gegeben.

Reardon ging in seinem Aufsatz unter anderem auf die sehr niedrige Teilnehmerquote ein. Ursprünglich sollen 3.045 Frauen angefragt worden sein, an der Studie teilzunehmen. Pro Interview wurde ihnen eine Aufwandsentschädigung in Höhe von $50 angeboten. Trotz des finanziellen Anreizes hätten nur 1.132 Frauen (das entspricht 37%) die Teilnahme zugesagt. Von den 37% wären weitere 15,5% noch vor dem ersten Interview ausgeschieden. Insgesamt hätten es lediglich 17% der ursprünglich angefragten Frauen bis zum Ende des mit fünf Jahren angesetzten Studienzeitraums geschafft.

Reardon zieht auch die Repräsentativität der Studie in Zweifel. Die Studienautoren würden selbst zugeben, dass jene Frauen am ehesten in der Studie verblieben, die beim ersten Interview acht Tage nach der Abtreibung, den höchsten Grad an Erleichterung und Freude äußerten. Das würde laut Reardon nahelegen, dass jene Frauen die die Abtreibung als eher negativ erlebten, weniger geneigt waren an der Studie teilzunehmen, zumal sie befürchteten, dass die Interviews ihre mit dem Eingriff verbundenen negativen Emotionen wiederaufleben lassen könnten. Reardon meint weiter, dass die Verweigerung der Teilnahme sogar als ein Indiz für eine aus der Abtreibung resultierende posttraumatische Stressreaktion interpretiert werden könnte.

Außerdem hätten die Studienautoren die Auswahl der Studienteilnehmerinnen den Mitarbeitern der Abtreibungseinrichtungen überlassen. Ob diese die Auswahl nach objektiven Kriterien trafen, sei dahingestellt. Reardon weist noch auf eine andere folgenreiche Einschränkung der Studie hin: das Studienprotokoll soll Frauen, die sich einer Abtreibung nach einem auffälligen Befund im Rahmen der Pränataldiagnostik unterzogen, explizit ausgeschlossen haben. Genau diese Gruppe von Frauen wäre jedoch anderen Studien zu Folge besonders anfällig für negative psychische Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs.

Die Studie gebe zudem keine Auskunft darüber, ob die an der Studie teilnehmenden Frauen bereits mehrere Abtreibungen hinter sich hätten. Auch im Fall von diesen Frauen hätten anderweitige Studien ein erhöhtes Risiko für psychische Folgen nach einer Abtreibung nachgewiesen.

Der Aussage der Studie, wonach die meisten Frauen die Abtreibung nicht bereuen würden, hält Reardon die unpräzise Fragestellung, aus der die Aussage abgeleitet wurde, entgegen: Die Studienautoren hätten Frauen lediglich gefragt, ob die Entscheidung für eine Abtreibung, für sie die richtige war. Reardon fragt an dieser Stelle, wie hier „richtig“ zu interpretieren sei: als moralisch richtig, richtig in Bezug auf ein bestimmtes Ziel oder einfach als die beste Entscheidung in Bezug auf die Umstände? Er gibt auch zu bedenken, dass so eine Frage eine „Reaktionsbildung“, einen unbewussten Abwehrmechanismus, auslösen könnte, der das Geschehene, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, bejaht. Reardon zitiert auch eine detailliertere Studie aus Schweden, die zu dem Ergebnis kam, dass 80% der Studienteilnehmerinnen, die mit ihrer Abtreibung zufrieden waren, gleichzeitig angaben bei einer weiteren ungewollten Schwangerschaft keine Abtreibung mehr vornehmen lassen zu wollen.

Zuletzt kritisierte Reardon auch, dass ANSIRH sich geweigert hätte den ganzen, im Rahmen der Studie verwendeten, Fragebogen zu publizieren und die gesammelten Daten zur Überprüfung und Analyse herauszugeben. Dabei wäre es denkbar, dass ANSIRH gerade jene Informationen zurückgehalten hat, die seiner ideologischen Agenda widersprechen würden. ANSIRH begründete seine Entscheidung damit, die Privatsphäre der Studienteilnehmerinnen schützen zu wollen. Für Reardon eine faule Ausrede und ein Verstoß gegen die Standards der American Psychological Association. Denn die Patientenprivatsphäre hätte durch die Entpersonalisierung der Daten ohne weiteres gewahrt werden können. (AH)

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