BE_NL / Lebensende: Suizidbeihilfe statt Lebenshilfe

IEF, 07.09.2020 – Ist Sterbehilfe einmal legalisiert, bleibt den Bürgern als letzte staatliche „Hilfsleistung“ in manchen Fällen nur mehr der finanzierte Suizid.

Das Gesetz „zum erfüllten Leben“

Diese Entwicklung lässt sich sehr gut am Beispiel der Niederlande aufzeigen. Dort wird seit längerem „Sterbehilfe“ auch für lebensmüde, jedoch gesunde ältere Menschen, die ihr Leben für „abgeschlossen“ oder „vollendet“ halten, diskutiert. Das IEF hat dazu bereits berichtet.

Ein diesbezüglicher Gesetzesentwurf, der vielsagender Weise unter dem Titel „completed life law“ Wellen schlägt, stammt von der linksliberalen, niederländischen Partei D66. Diese hat nun laut der NL Times eine überarbeitete Version im Parlament eingebracht. Die Überarbeitung wurde notwendig, nachdem im Februar dieses Jahres Ergebnisse einer vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Studie bekanntgegeben wurden. (Das IEF hat berichtet). Laut diesen wollen mehr als 10.000 der über 55-jährigen Niederländer ohne an einer schweren Erkrankung zu leiden, ihrem Leben ein Ende setzen. Ausschlaggebend für den Sterbewunsch war für 56 Prozent der Befragten Einsamkeit, für 42 Prozent das Gefühl, anderen zur Last zu fallen und für 36 Prozent der Mangel an Geld.

Laut Pia Dijkstra, der Parlamentsabgeordneten der D66, auf die die Gesetzesinitiative zurückgeht, hätte der Entwurf ursprünglich viel früher eingebracht werden sollen, was jedoch durch den Ausbruch der Corona-Krise verhindert wurde. Das Gesetz gibt Menschen ab 75, die mit ihrem Leben „abgeschlossen“ haben, die Möglichkeit „Sterbehilfe“ in Anspruch zu nehmen.

Kritik an dem Gesetzesvorstoß äußerten die niederländischen christlichen Parlamentsparteien. Gert-Jan Segers, der Vorsitzende der ChristenUnie, findet es unerhört, dass D66 in einer Zeit, in der sich ältere Menschen besonders verletzlich fühlen, einen Vorschlag einbringt, der ihre Angst noch weiter schüren wird. „Wenn Corona uns irgendetwas gelehrt hat, dann jenes, dass echte Aufmerksamkeit und gute Betreuung den Unterschied im Leben eines Menschen ausmachen“, so Segers weiter. Die CDA stellen sich daher gegen den Entwurf und wollen sich lieber dafür einsetzen, dem Problem der Einsamkeit, das so viele Menschen als Grund für ihren Sterbewunsch angeben, wirksam zu begegnen.

Boer: Jeder der nicht autonom, gesund und produktiv ist, gerät in eine Gefahrenzone

In diesem Zusammenhang erinnerungswürdig ist auch das ausführliche Interview, das der Ethiker und ehemaligen Proponent der niederländischen Sterbehilferegelung Theo E. Boer im Februar gegenüber der Zeit gegeben hat. Angesichts einer gesellschaftlichen Tendenz nur das erhalten zu wollen, was autonom und gesund ist und zur Wirtschaft etwas beitragen könne, gerate jeder, der von diesem Idealbild abweiche in eine „Gefahrenzone“, so Boer. Selbstkritisch meint er weiter „Meine Vorstellung war auch, was man reglementiert, hat man im Griff. Das hat sich nicht bewahrheitet. Vielmehr hat sich gezeigt: Wenn man eine umstrittene Praxis legalisiert, stellt man sie in einem Schaufenster aus als Warenangebot. Ich habe feststellen müssen, dass das Angebot zum Teil tatsächlich die Nachfrage weckt,” so der ehemalige Befürworter der „Sterbehilfe“. Boer bedauert in dem Interview zudem das niedrige Niveau der Palliativmedizin in den Niederlanden in den Achtzigerjahren. Wäre diese auf demselben hohen Stand gewesen, wie heute, wäre man in den Niederlanden aus seiner Sicht nie den Weg der „Sterbehilfe“ gegangen.

Boer wird im Übrigen auch bei den Salzburger Bioethik Dialogen vom 9.-10. Oktober als Speaker erwartet. (AH)

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