INT / Reproduktionsmedizin: Studie widerlegt Vorteile der Präimplantationsdiagnostik

IEF, 15.03.2021 – Es gebe nachweislich keine Verbesserung im Hinblick auf Schwangerschaftsrate bzw. Lebendgeburt. Zudem betreffe die Aussortierung auch gesunde Embryonen.

Die Präimplantationsdiagnostik (PID) ist ein „Add-On Verfahren“ zur In-vitro-Fertilisation (IVF) geworden, wie aus einer kürzlich in Cell Press veröffentlichten Studie hervorgeht. Ziel der PID ist eine Untersuchung künstlich befruchteter Embryonen auf Anomalien, also genetische Abnormalitäten, als Ausgangslage für einen etwaigen Transfer in den Mutterleib. Basierend auf der Annahme, dass die PID zu einer höheren Lebendgeburtenrate im Zusammenhang mit In-Vitro-Fertilisations-Verfahren führe und Fehlgeburten reduzieren würde, kam es zu einer hohen Nachfrage nach diesem Selektionsverfahren vor Embryonentransfer. Die Autoren der Studie können die Ausgangsthesen jedoch nicht bestätigen.

Mangelhafte Validierung, leere Behauptungen

Norbert Gleicher, Studienleiter und Direktor des Center of Human Reproduction in New York, kritisiert vor allem die mangelhafte Validierung des Verfahrens. Die PID werde aufgrund falscher hypothetischer Voraussetzungen angewendet, eine klinische Testung hätte es nie gegeben und somit erfülle die PID „nicht einmal minimale Standards für eine klinische Anwendung in der routinemäßigen IVF-Praxis“. Die der PID zugrunde gelegte Annahme, dass eine auffällige Chromosomenzahl Hauptfaktor für eine Fehlgeburt sei, sei schlichtweg nicht richtig, wie aus der Studie hervorgeht. Es sei schon länger bekannt, dass Embryonen in einem sehr frühen Stadium Anomalien aufweisen können, jedoch eine hohe Tendenz zur Autokorrektur hätten und sich folglich zu völlig gesunden Kindern entwickeln könnten. Eine eindeutige Diagnose sei außerdem nicht abschließend möglich, da sich „gesunde“ und „kranke“ Chromosomensätze in den verschiedenen Zellen ein und desselben Embryos befänden, so Gleicher.

Selektion gesunder Embryonen

Die Studie stellt zudem klar, dass durch eine einzige Biopsie, wie es auch Wunschbabykliniken in Österreich suggerieren, nicht abschließend diagnostiziert werden könne, ob eine chromosomale Anomalie des Embryos vorliege. Eine Biopsie im Blastozystenstadium könne aus rein biologischen Gründen niemals das endgültige chromosomale Schicksal eines Embryos mit ausreichender klinischer Genauigkeit bestimmen, um die Unterlassung seines Transfers (und damit sein unweigerliches Versterben) zu rechtfertigen, betonen die Autoren in der Studie. Diese Tatsache bringe ein weiteres Dilemma mit sich, da die hohe falsch-positiv Rate der PID dazu führe, dass potentiell gesunde Embryonen vernichtet werden, was im Umkehrschluss die Wahrscheinlichkeit einer IVF-Lebendgeburt für viele Patientinnen verringere. Gleicher macht zudem die Methode der PID für eine erfolglose IVF-Behandlung verantwortlich. Es verstehe sich von selbst, dass menschliche Embryonen äußerst empfindlich auf Manipulationen und Biopsien reagieren würden. Die durch die Biopsie verursachten Schäden an Embryonen könnten den Hauptgrund für die enttäuschenden IVF-Ergebnisse nach PID sein, so Gleicher.

Lukrative Zusatzeinnahme für IVF-Kliniken

Angesichts der Studienerkenntnisse unterstreicht Susanne Kummer, Ethikerin und Geschäftsführerin des IMABE, die kommerziellen Erwägungen im Zusammenhang mit der PID. Eine PID sei eine lukrative Zusatzeinnahme für eine IVF-Klinik, da sie zwischen 1. 400 und 4. 000 Euro koste. „Wir erleben eine zunehmende Industrialisierung der Reproduktionsmedizin. Es ist bedauerlich, dass offenbar immer mehr kommerzielle Erwägungen im Fokus stehen“, so Kummer. Mit dem Angebot einer PID schaffe man Anreize, um damit „das Geschäft mit der Hoffnung“ anzukurbeln, und das, obwohl die kostspielige Methode nachweislich zu keinen höheren Schwangerschaftsraten bei einer künstlichen Befruchtung führe. „Die Anwendung von medizinischen Verfahren ohne vorherige Validierung und ohne klinische Standards ist eigentlich ein Skandal, der in keinem anderen Feld der Medizin toleriert wird“, kritisiert Kummer.

Millionenklage gegen australisches IVF-Unternehmen

Ein PID Verfahren des australischen Unternehmens Monash IVF hat zu einer derzeit laufenden Sammelklage geführt, wie SBS News berichtet. Der zwischen Mai 2019 und Oktober 2020 angebotene Test, der inzwischen zurückgezogen wurde, hatte eine hohe falsch-positive Rate, wodurch gesunden Embryonen aussortiert wurden. Bis zu 13.000 betroffene Personen fordern in dem derzeit laufenden Verfahren Entschädigungen in der Höhe von mehreren Millionen Dollar für das verursachte Trauma und den Verlust der Möglichkeit, mit ihnen genetisch verwandte Kinder zu bekommen. (TS)

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