IEF, 9.12.2019 – Belgische Ärzte, die Tötung auf Verlangen und assistierten Suizid prinzipiell befürworten, kritisieren Lücken in der Forschung.

Oregon/USA: Assistierter Suizid seit 21 Jahren

Vor 25 Jahren, am 8.11.1994, stimmte die Mehrheit der Bewohner des US-Bundesstaats Oregon für den „Death With Dignity Act“, der 1998 in Kraft trat. Bis Ende 2018 wurden laut offizieller Statistik 2217 Rezepte für tödliche Medikamente geschrieben und 1459 Menschen starben in Folge der Einnahme. In den zehn darauffolgenden Jahren wurde assistierter Suizid (bzw. teilweise Tötung auf Verlangen) in den Niederlanden, Belgien und der Schweiz erlaubt. Zwischen 2009 und 2018 folgten Luxemburg, Kolumbien und Kanada, die US-Bundesstaaten Washington, Vermont, Montana, Kalifornien, Colorado, Hawaii und Washington DC und der australische Staat Victoria.

„Sterbehilfe“ betrifft 180 Millionen Menschen

Mittlerweile leben weltweit mehr als 180 Millionen Menschen in Staaten, in denen assistierter Suizid bzw. Tötung auf Verlangen legal ist. Obwohl das Thema so relevant ist und bereits seit gut zwei Jahrzehnten praktiziert wird, sind die Statistiken darüber mehrheitlich defizitär. Zu dieser Meinung kommen die belgischen Ärzte, Sigrid Dierickx and Joachim Cohen, in ihrer aktuellen Studie. Unter dem Titel „Medical assistance in dying: research directions“, der in der Fachzeitschrift BMJ Supportive & Palliative Care erschienen ist, decken die Autoren, die die Legalisierung von assistiertem Suizid grundsätzlich befürworten, zahlreiche Mankos in der Forschung und Datenerhebung über assistierten Suizid auf.

Lückenhafte Statistik

Die betreffende Studie wurde vom Nachrichtenportal mercatornet analysiert und legt dar, dass in manchen Gesetzgebungen die Datenerhebung über assistierten Suizid gar nicht vorgesehen sei, was die Forschung erschwere. Doch auch in Ländern, die eine Statistik vorsähen, gebe es die Tendenz zu Meldelücken. So könnte davon ausgegangen werden, dass rund ein Fünftel der Fälle in den Niederlanden und ein Drittel der Fälle in Belgien nicht aufgezeichnet wurden.

Statistik geht am Patienten vorbei

Die Autoren kritisieren außerdem, dass es in der Erforschung des Entscheidungsprozesses zu wenig um die vulnerablen Personengruppen, insbesondere der alten Menschen und der psychisch Erkrankten, gehe. In der Forschungspraxis würden meist Ärzte befragt. Um ein umfassenderes Bild der Realität zu bekommen, seien jedoch die Erfahrungswerte der betroffenen Patienten und deren Angehörigen nötig. Welche Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden assistierter Suizid auf darin verwickelte Angehörige haben kann und welche Unterstützungsangebote diese benötigten, komme in der Forschung ebenfalls zu kurz, so Dierickx und Cohen.

Auswirkungen von assistiertem Suizid auf Palliative Care

Auch Zusammenhänge zwischen der Praxis von assistiertem Suizid und dem Angebot und der Qualität von Palliativversorgung kämen in der Forschung zu kurz. Wichtig wäre beispielsweise die Erforschung, wie legalisierter assistierter Suizid die Praxis und das Angebot von Palliativmedizin beeinflusse und wie Palliativmediziner und Pflegepersonal die Auswirkungen von assistiertem Suizid im Arbeitsalltag wahrnehmen würden.

Einfluss auf gesellschaftlichen Umgang mit Leid, Alter und Sterben

Bedenken hätten die Autoren auch, dass die Möglichkeit von assistiertem Suizid den Druck auf Personengruppen erhöhen könnte, die sich aufgrund ihrer Krankheit ohnehin als Last ihres Umfelds empfinden würden. Sie befürchteten, dass assistierter Suizid vorschnell als Lösung für Leiden gesehen werde. Daher sei unbedingt Wissen darüber notwendig, wie und ob die Gesetzgebung betreffend assistierten Suizid den gesellschaftlichen Diskurs über Palliativversorgung, Leid, Alter und Sterben beeinflusse. (TSG)

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