Entwicklungsrisiko
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AT / Lebensanfang: Spezielle Beratung und Begleitung für Familien und Kinder mit erhöhtem Entwicklungsrisiko

IEF, 13.04.2021 –  Frühe Begleitung von Familien mit Kindern, dessen Entwicklung aus verschiedensten Gründen beeinträchtigt oder verzögert verläuft, setzt verstärkt auf Kompetenz der Eltern.

Heilpädagogische psychoedukative Beratung und Begleitung (HPpeBB) im Rahmen von stationärer Familienbegleitung und Frühförderung ist ein aufsuchendes und niederschwelliges Angebot am Landesklinikum Baden- Mödling. Es ist kostenlos und freiwillig mit dem Ziel, Familien mit Kindern mit erhöhtem Entwicklungsrisiko von Geburt an beratend und unterstützend zu begleiten. Barbara Tüchler, die dieses Programm als präventive Maßnahme bei erhöhtem Entwicklungsrisiko entwickelt hat, wurde dafür mit dem heilpädagogischen Förderpreis 2020 ausgezeichnet. „Aus meiner langjährigen Erfahrung im frühkindlichen Bereich kann ich sagen, dass eine möglichst frühe heilpädagogische Unterstützung und Begleitung nach der Geburt die wirkungsvollste Maßnahme für die Entwicklung einer positiven Eltern-Kind-Bindung und der Grundstein für die bestmögliche kindliche Entwicklung ist.“, betont die Heilpädagogin in ihrem Artikel aus der Fachzeitschrift “heilpädagogik” (Ausgabe 1/2021, Artikel-Link mit freundlicher Genehmigung des Verlags), die den Schwerpunkt dieses Ansatzes bei der Stärkung der Eltern sieht. Fundament für diese Programm sei ein wertschätzender und feinfühliger Umgang mit den Eltern, welche auch die Auftraggeber sind.

Psychoedukation und positive Eltern-Kind-Bindung

Die Eltern würden von Beginn an beim Aufbau einer positiven Eltern-Kind-Bindung begleitet und bestärkt, erhielten Information über dieses Angebot auf der Station und entschieden dann, ob und in welchem Ausmaß sie es in Anspruch nehmen möchten. Indem Eltern und Angehörige in individuellem Tempo mehr Fachwissen und Überblick über die Erkrankung, die erforderlichen Therapiemaßnahmen und die möglichen Selbsthilfestrategien, erhielten, könnten sie Zusammenhänge von körperlichen, kognitiven und seelischen Risikofaktoren in Bezug auf die kindliche Entwicklung besser verstehen lernen. Diese Methode, die Betroffene aus einem Zustand der Unwissenheit herausholt und aktiv in die Therapie miteinbezieht, wird als Psychoedukation bezeichnet. Mit Aneignung des jeweiligen Fachwissens könnten betroffene Eltern selbstbestimmter handeln und wären in ihrer Kompetenz bestärkt, das fördere die Eltern-Kind-Beziehung. In der Regel wirke sich das auch positiv auf die kindliche Entwicklung aus. Während sich die medizinische Behandlung üblicherweise auf Fähigkeiten und Abläufe konzentriert, die von der Norm abweichen, orientiere sich der Ansatz der HPpeBB grundsätzlich auf die Stärken des betroffenen Säuglings. Gerade in den schweren ersten Wochen nach einer Frühgeburt seien beispielsweise möglichst häufige schöne und positive Eltern-Kind-Interaktionen besonders wichtig.

Emotionale Bindung als Schlüssel

Diesem Ansatz liegt die Bindungstheorie von J. Bowlby zugrunde, die sich mit der Neigung auseinandersetzt, mit anderen Menschen enge emotionale Beziehungen einzugehen. Die Gestaltung dieser Beziehungen hat Auswirkung auf die psychische Gesundheit und somit auch auf die weitere Entwicklung des Kindes. Durch unerwartete Komplikationen in Schwangerschaft und Geburt könne es jedoch für Eltern schwer sein, einen positiven Bindungsaufbau zu ihrem Baby zu entwickeln. Je früher deshalb ein Unterstützungsangebot vorhanden ist, umso effektiver wirke es sich auf die Bindung und infolge dessen auf die Gesamtentwicklung des Kindes aus.

Zielgruppe für das Angebot der HPpeBB seien Familien auf der Frühgeborenenstation, die unter anderem aufgrund von Frühgeburtlichkeit, Geburtskomplikationen, Geburtstraumen mit daraus resultierenden bzw. zu erwartenden Entwicklungsrückstand, Verdacht auf Syndrome oder schweren chronischen Erkrankungen, die die Entwicklung beeinträchtigen können im Landesklinikum Baden- Mödling, stationär aufgenommen sind. Erweitert wird das Angebot durch ambulante Betreuung für Familien, wo sich in der frühen Kindheit eine Entwicklungsverzögerung aus unterschiedlichen Gründen abzeichnet.

Wünschenswert sei, dass dieses Angebot ein fixer Bestandteil auf allen Frühgeborenenstationen wird, um die kindliche Entwicklung von Geburt an positiv zu stützen, so Tüchler.

IEF-Fortbildungsreihe „Frühe Hilfen-Empowerment von Anfang an“

Im Rahmen der IEF-Fortbildungsreihe mit dem heurigen Schwerpunkt „Frühe Hilfen-Empowerment von Anfang an“ lädt das Institut für Ehe und Familie zum Vortrag „Ganz besonders – von Anfang an“ mit Mag. Barbara Tüchler (Pädagogie, Sonder- und Heilpädagogik/Psychologie) ein. Der bereits zweite Teil der Schwerpunktserie findet am 3. Mai 2021, 18.00 – 21.00 Uhr statt und stellt Kinder mit besonderen Bedürfnissen und deren Eltern in den Fokus. Anmeldung und weitere Information finden Sie hier.

Im ersten Teil dieser Fortbildungsreihe stellte am 16. März 2021 Maria Elisabeth Schmidt das Thema: „Sicher gebunden von Anfang an“ in den Vordergrund. Schmidt ist klinische Entwicklungspsychologin und autorisierte Neufeld Beraterin sowie Gründerin des „Gipfel der Herzensbildung“. Anhand vieler sehr praktischer Beispiele präsentierte Schmidt, wie durch Beziehung, Anerkennung und Selbstwirksamkeit die Basis für eine sichere Bindungsentwicklung und Resilienz geschaffen werden könne. Dieses Fundament schenke Kindern das nötige Vertrauen und den sicheren Rückhalt, ihre Welt mutig zu erforschen. Die drei Grundbedürfnisse nach echtem Spiel, echter Ruhe und echten Tränen erforderten zwei zentrale Bedingungen: richtige Beziehungen und weiche Herzen. Mit einer gesunden Bindung an die emotionalen Bezugspersonen entwickelten Kinder sich nachweislich emotional, sozial, kognitiv, sprachlich und motorisch besser als andere und wären besser geschützt gegen Vernachlässigung, Missbrauch und Gewalt. (EF)

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