IEF, 20.05.2019 –  In einem offenen Brief wendet sich die Plattform Sexuelle Bildung an den Bildungsminister, kritisiert den jüngsten Erlass zur Sexualpädagogik in Schulen und fordert mehr finanzielle Unterstützung.

Die Plattform Sexuelle Bildung ist ein Zusammenschluss verschiedener sexualpädagogischer Vereine und Institutionen, die sowohl in der sexualpädagogischen Arbeit als auch in der Ausbildung und Beratung tätig sind. Gemeinsam mit der Gesellschaft für Sexualpädagogik (gsp) Deutschland und zwei weiteren Plattformen aus der Schweiz und Südtirol bilden sie die „Sexualpädagogische Allianz“. Ziel sexualpädagogischen Arbeitens sei vor allem die „umfassende Förderung sexuellen Wohlbefindens“, heißt es auf der Homepage der Plattform. Inhaltlich verweist man außerdem auf die Standards für Sexualaufklärung des Regionalbüros für Europa der Weltgesundheitsorganisation (bekannt unter dem Schlagwort „WHO-Standards“), verfasst von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung Deutschlands in Köln, und auf den Österreichischen Grundsatzerlass Sexualpädagogik aus 2015. Die Plattform sexuelle Bildung arbeitet im Wesentlichen nach den Grundsätzen der  “Sexualpädagogik der Vielfalt”.

Forderungen an BM Faßmann

In einem offenen Brief richtet sich die Plattform nun an Bildungsminister Faßmann. Darin loben die Vereine die Empfehlung des Ministers, nicht mit TeenSTAR zusammenzuarbeiten, zugleich stellen sie Forderungen und kritisieren die zuletzt vom Bildungsministerium herausgegebene Weisung zur Zusammenarbeit sexualpädagogischer Vereine mit Schulen in Österreich. Das IEF hat berichtet.

Es wird die Einrichtung eines Budgets vorgeschlagen, dass von Bundesseite an Schulen ausgezahlt werden soll, um so die Arbeit der sexualpädagogischen Vereine zu bezahlen. Lehrer seien laut der Plattform ebenfalls wichtige Ansprechpersonen, jedoch nicht für alle Themen. Für bestimmte Fragen brauche es spezifische Fachkompetenzen, über die Lehrer nur in den seltensten Fällen verfügen würden. Außerdem würden Schüler über intime Themen lieber mit Personen sprechen, die keine Noten geben. Nach Meinung der Plattform brauche es ein Zusammenspiel von  Lehrern mit Grundkenntnissen in Sexualpädagogik und externen Fachkräften. Die Weisung des Bildungsministeriums, dass Lehrer während der Workshops externer Anbieter anwesend sein müssen, halte man für falsch. Schüler würden damit daran gehindert, sich offen äußern zu können.

Zur Einrichtung einer zentralen Akkreditierungsstelle für sexualpädagogische Vereine und Materialien gibt man zu bedenken, dass das Verfahren transparent und nachvollziehbar gestaltet sein müsse und hier sowohl wissenschaftliche Expertise als auch praktische Erfahrungen die leitenden Faktoren sein sollten. Besonders begrüßen würde man außerdem, wenn mit der Akkreditierung auch eine finanzielle Förderung einherginge, um die fortwährende Professionalisierung zu gewährleisten.

Verweis der Plattform auf problematische Standards und Grundsatzerlässe 

Jene Referenzpunkte, auf die die Plattform sich bei ihren Forderungen an BM Faßmann und in ihrer Arbeit generell bezieht, wie die Standards des Europabüros der WHO oder die einschlägigen österreichichen Grundsatzerlässe aus 2015 und 2018, sind aus Sicht von Johannes Reinprecht, Direktor des Instituts für Ehe und Familie, durchaus problematisch (siehe IEF Blogbeitrag). Erst jüngst veröffentlichte die Biologiedidaktikprofessorin Karla Etschenberg nebst ihrem Buch „Sexualerziehung. Kritisch hinterfragt“ auch eine Stellungnahme zu den WHO-Richtlinien, auf die sich auch die Plattform sexuelle Bildung beruft. Darin kritisiert sie unter anderem, dass die Erstellung dieser Richtlinien einer kleinen Gruppe intransparent ausgewählter Forscher vorbehalten war, die damit für sich in Anspruch nehmen würde festlegen zu können, wie „qualitativ hochwertige Sexualaufklärung“ aussehen solle. Die Inhalte seien weder mit Schulen noch mit den für die Lehrpläne zuständigen Behörden rückgesprochen worden. „Es wird versucht, für die Sexualerziehung eine gesonderte außerschulische Zuständigkeit aufzubauen, die sich der Mitsprache und Abstimmung innerhalb gesellschaftlicher Gruppen entzieht, und für die Sexualerziehung eine eigene Berufsgruppe (der Sexualpädagogen) zu etablieren“, so Etschenberg. Auch wissenschaftlich müssten die Standards hinterfragt werden, so die Professorin. Viele der Quellenhinweise gingen auf nicht deutschsprachige Autoren zurück. Bei weiterer Nachforschung zeige sich, dass Aussagen etwa auf den Wissenschaftler Theo Sandfort gestützt werden, der sich unter anderem für einvernehmlichen Sex zwischen Kindern und Erwachsenen ausspreche. Auch andere Forscher, die sich zu diesem Thema zumindest uneindeutig äußern, werden laut Etschenberg in den Richtlinien zitiert. Aber neben einzelnen problematischen Verweisen sei schon die grundsätzliche Herangehensweise an das Thema „Kindersexualität“ in den Richtlinien zu hinterfragen. Ungesicherte Kenntnisse, die auf vereinzelten Beobachtungen beruhen, würden als Norm angenommen und als förderungswürdig vorausgesetzt wie etwa sexuelle Spiele im frühen und späteren Kindesalter. Diese und weitere Kritikpunkte stehen für Etschenberg einer „Übernahme in Curricula für Kita und Schule entgegen.“ (LG)

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