IEF, 3.11.2019 – Frauen, die in ihrer Pubertät regelmäßig mit der Pille verhütet haben, können als Erwachsene deutlich leichter an Depressionen erkranken. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie, die im Journal of Child Psychology and Psychiatry publiziert wurde. Sie zeigt zeigt, dass das Depressionsrisiko für diese Frauen um ein Mehrfaches höher ist als bei jenen, die erst im Erwachsenenalter zur Pille griffen.

Bis zu dreifach höheres Risiko für Depressionen

Die kanadische Studie ging der Frage nach, ob und warum weibliche Jugendliche, die die Pille nehmen, anfälliger für Depressionen sind. Dafür untersuchte das Team rund um die Psychologin Christine ANDEL von der British Columbia University die Daten des Sexual- und Verhütungsverhaltens von 1.236 amerikanischen Frauen, wobei mögliche Co-Faktoren für Depressionen ausgeschlossen wurden. Das Ergebnis: Mädchen, die schon im Jugendalter mit der Pille verhüteten, hatten ein 1,7- bis 3-fach höheres Risiko eine Depression zu entwickeln verglichen mit jenen, die ganz auf eine hormonelle Verhütung verzichteten oder erst im Erwachsenenalter damit begannen. Auffallend war, dass das Risiko, eine Depression zu entwickeln, auch noch Jahre nach der Einnahme erhöht war.

Pille stört die Etablierung eines gut aufeinander abgestimmten Hormonsystems während der Pubertät

Die Studie bestätigt, was viele Frauen selbst und auch Gynäkologen erleben. So etwa die Wiener Frauenärztin Dr. Doris Maria Gruber: „Ich kenne das seit Jahren. Viele Patientinnen erzählen, dass es ihnen nicht gut ginge mit der Pille.“ Speziell bei Jugendlichen sei sie daher äußerst zurückhaltend bei der Verschreibung eines hormonellen Verhütungsmittels: „In der Pubertät wird das Gehirn „umgebaut“. Wenn ein so genannter „hormonal disruptor“ diese Neuausrichtung stört, dann kann das durchaus zu  Depressionen, Phobien und anderen psychischen Irritationen führen – und zwar auch noch Jahre später.“ Die jüngste Studie zeige das deutlich und auch vorangegangene Untersuchungen weisen immer wieder darauf hin. So wurde etwa im Jahr 2017 eine dänische Studie veröffentlicht, bei der ebenfalls ein Zusammenhang zwischen der Anwendung hormoneller Verhütungsmittel und einem höheren Suizidrisiko dargestellt wurde, wobei auch die damaligen Erkenntnisse gezeigt haben, dass das Risiko bei jugendlichen Anwenderinnen am höchsten sei (siehe dazu etwa einen Bericht von IMABE).

„Das kann man sich ja ganz leicht vorstellen: Man greift in ein gerade im Entstehen befindliches,  kompliziert  zu verschaltendes Hormonsystem ein und stört es, dabei können dann „Fehler“ passieren“, erklärt Frauenärztin Dr. Gruber.  Und weiter: „Das Ziel jeder hormonellen Verhütung ist, die Ovulation und somit die Fruchtbarkeit für einen definierten Zeitraum zu unterdrücken. Geschieht eine Ruhigstellung zu früh, kann dies mit Nachteilen für die Gesundheit der Frau verbunden sein.“  Das Problem sei natürlich, dass nicht nur die Teenies selbst, sondern oftmals auch die Eltern unbedingt möchten, dass ihren Mädchen die Pille verschrieben wird. „Da braucht es viel Aufklärungsarbeit“, erzählt sie aus ihrer Praxis und ihrer langjährigen Erfahrung. Ein grundsätzlich richtiges Alter, um mit der Pille zu beginnen, nennt sie nicht – auf jeden Fall erst, wenn der Körper hormonell ausgereift ist – und da gibt es große individuelle Unterschiede. Gruber steht der Pille grundsätzlich sehr positiv gegenüber, aber sie betont, dass man sich ihrer Wirkung – insbesondere auch der unerwünschten  und oft erst langfristigen – bewusst sein solle. Um auf diese verstärkt hinzuweisen hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (European Medicines Agency, EMA) empfohlen, dass in den Beipackzetteln von hormonellen Verhütungsmittel stärker vor einem Depressions- und Suizidrisiko gewarnt werden solle (das IEF hat berichtet). Zwar sei aufgrund der Datenlage kein eindeutiger Zusammenhang zwischen hormonellen Verhütungsmitteln und einem Suizidrisiko festzustellen, dennoch müsse zur Kenntnis genommen werden, dass depressive Verstimmungen mit der Verwendung hormoneller Verhütungsmittel einhergingen, so die EMA. (ER)

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