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US / Ehe: Chancen für die Liebe

Die Tagespost, 31.1.2018 – Wie die Erzdiözese Detroit die Ehevorbereitung zur Neuevangelisierung nutzt. Von Barbara Stühlmeyer

Das Evangelium freisetzen“ überschreibt Erzbischof Allen Vigneron von Detroit in einem Pastoralbrief sein Konzept für die Erneuerung der spirituellen Strahlkraft der Menschen in
seiner Diözese. „In den letzten drei Jahren haben wir, Gottes Familie in der Kirche von Detroit, bereits eine spirituelle Erneuerung erfahren, als wir uns gezielt auf eine missionarische Transformation unserer Erzdiözese vorbereitet haben.“ Damit die Frohe Botschaft ihre Kraft entfalten kann, muss sie manch einem neu verkündet werden. Um diese wichtige Aufgabe auf eine breite Basis zu stellen, veranstaltete das Bistum 2016 eine Synode, die, wie der Bischof sagte „der zündende Funke war, um die Erzdiözese zu entflammen“. Dabei ging es Vigneron vor allem
um „einen Wandel unserer Kultur, so dass jeder Gläubige auf jeder Ebene der Kirche durch eine persönliche Begegnung mit Jesus Christus seine oder ihre Identität als Sohn oder Tochter Gottes umfangen und in der Kraft der Heiligen Geistes geformt und als von Freude erfüllter missionarischer Schüler gesendet wird.“ Für eine in den Familien verortete Neuevangelisierung ist dieser Prozess essenziell.

Den sie, die nach einem von Papst Johannes Paul II. bereits auf der Familiensynode von 1980 formulierten Anstoß Keimzellen des Glaubens sein sollen, können diese Aufgabe aus vielen Gründen nicht mehr ausüben. Zum einen fehlt es vielen an Glaubenswissen. Kaum ein junges Ehepaar kommt heute noch aus Elternhäusern, in denen das gemeinsame Gebet, und sei es nur das bei Tisch, gepflegt wird. Der regelmäßige Kirchgang ist im Terminkalender nicht vorgesehen und auf die Frage nach den Inhalten der kirchlichen Hochfeste wird mit vielsagendem Schweigen geantwortet. Deshalb brauchen die Familien, wie der Weihbischof der Diözese Gerard Battersby betont, ein zweites Katechumenat. Diese Neuevangelisierung ist Teil eines Programmes für die Begleitung christlicher Familien, das statt auf äußerliche Vollzüge mit eventorientierten Liturgien, in denen zum Einzug die Titelmelodie von Startreck erklingt,
weil die Brautleute das so schön finden oder statt aus der Heiligen Schrift eine rührselige Geschichte vorgetragen wird, auf innere Werte und echte Überzeugungen setzt. Die Familien sollen sich wie die Mönche oder Nonnen eines Benediktinerklosters als Schüler und Schülerinnen in der Schule des Evangeliums verstehen. Diese Haltung der Schülerschaft, die den Willen zu einem lebenslangen Lernen mit dem Ziel des Gleichförmigwerdens mit Jesus Christus verbindet, kann dann das gesamte Leben durchdringen. Die angehenden Eheleute sollen, so hat es auch Papst Franziskus wiederholt gefordert, innerhalb der Gemeinden das christliche Leben erlernen. Dabei sind für die Ehevorbereitung und das Einüben der katholischen Glaubenshaltung nicht nur die Priester gefordert. Jedes Brautpaar soll ein erfahrenes katholisches Ehepaar als Mentoren erhalten, die es auch über die Eheschließung hinaus begleiten und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Der Erfolg des Modells überrascht selbst jene, die ohnehin davon überzeugt waren, mit ihrer Idee einer Kombination aus Katechese und Lebensbegleitung auf dem richtigen Weg zu sein. Denn bei den so begleiteten Paaren tendiert die Rate der Scheidungen gegen Null, wohingegen die Anzahl derjenigen, die regelmäßig am Gottesdienst ihrer Gemeinde teilnehmen, in die Höhe geschnellt ist. Tatsächlich gibt es eine große Sehnsucht für die Schönheit des Modells der natürlichen Familien-Planung und entgegen politisch motivierten Stellungnahmen sind es auch bei den jungen Paaren in Detroit Ehe und Familie, die sie als ihre Zukunft ersehnen. Mary Rose und Ryan Verret, die das Ehebegleitungsmodell „Witness of Love“, Zeugen der Liebe, initiiert haben, haben über 400 engagierte katholische Ehepaare interviewt, bevor sie ihr Mentoring-Programm gestartet haben, das die Eheleute befähigen soll, ihre Beziehung auf den Glauben an eine in Treue durchgehaltene und auf Jesus Christus ausgerichtete Ehe wachsen und sich vertiefen zu lassen. Gerade Letzteres befreit die sonst auf sich selbst fokussierten Paare. Denn wenn sie ihre Erfahrungen mit Jesus Christus Teil ihrer Gespräche werden lassen und ihre persönliche Entwicklung im Gebet vor Gott tragen, erleben sie, so die Ehebegleiter aus Detroit, wie
wegweisend es sein kann, vom Druck der Selbsterlösung befreit zu sein.

Es ist nur folgerichtig, davon auszugehen, dass sich die Kirche durch ein solches Katechumenatsmodell erneuern kann, denn die Kirche folgt, wie schon Johannes Paul II. in Erinnerung brachte, in ihrem Zustand der Familie. Die aber ist vor allem deshalb aus dem Gleichgewicht geraten, weil viele, auch christliche Familien, ihre Orientierung an Jesus Christus aufgegeben haben. Wohin das führt, kann man am Zustand der Pfarrgemeinden trefflich ablesen. Auch sie kreisen häufig um sich selbst und entwickeln als Spiegel der Familien eine Haltung, die zwischen Fordern und sich Beschweren hin und her pendelt. Die Nabelschau aber bringt weder Familien noch die Kirche voran, sie führt vielmehr zu einer Stagnation der spirituellen Entwicklung, zu Spaltung und Unfrieden. Genau dies will das Programm des Erzbischofs von Detroit ändern. Fachleute seiner Diözese wie die Theologieprofessorin Janet Smith vom Michael J. McGivney Lehrstuhl für Lebensethik am Großen Seminar vom heiligsten Herzen in Detroit sind begeistert. Sie hält „Unleash the gospel“, wie der Brief des Bischofs im Original heißt, für das wichtigste Dokument der letzten 25 Jahre. Der Streit um die Treue zum kirchlichen Lehramt, der in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils entbrannt ist, entzog, wie die Theologin herausstellt, der
Kirche viel Energie, die dafür hätte verwendet werden sollen, die wirkliche Vision des Konzils umzusetzen. Sie sieht in dem Programm der auf der Schülerschaft Jesu basierenden Neuevangelisierung einen Beweis dafür, dass das Konzil erst jetzt beginnt, Früchte zu tragen. Tatsächlich ist der Prozess nicht nur für die davon profitierenden jungen Paare, sondern auch für jene Eheleute und Priester, die sie begleiten, ein großer geistlicher und menschlicher Gewinn. Die Kombination aus dem Unterricht im Glauben und der Lebensbegleitung ist auch deshalb notwendig und sinnvoll, weil, wie Janet Smith erklärt, viele Paare bereits durch die menschlichen Brüche, von denen es in der derzeitigen Kultur so viele gibt, geprägt sind. Als Stichworte nennt die Professorin Pornografie, Abtreibung und das Zusammenleben unverheirateter Paare.

Das erste US-Bistum, das die Neuevangelisierung im Rahmen der Ehevorbereitung eingeführt hat, war Cincinnati. Der Erfolg in den dortigen Pfarreien gibt den Planern Recht. In Detroit und weiteren US-Bistümern, die die Einführung von „Das Evangelium freisetzen“ planen, erhoffen sich ebenfalls eine Stärkung der Familien und über diese eine neue Verlebendigung der Pfarreien und der Kirche als Ganze. Es erforderte auch in den USA Mut, sich einzugestehen, dass jedes junge Paar, das eine kirchliche Ehe schließen möchte, ein Missionsgebiet für sich ist.
Doch diese Ehrlichkeit, mag sie im ersten Moment auch schmerzlich sein, ist allemal besser als das „Augen zu und absegnen“-Prinzip, das hierzulande in Erstkommunion- und Firmkatechese, Ehevorbereitung und bei Taufen praktiziert wird. Auch diejenigen, die sich darum bemühen, im Gießkannenprinzip ein paar Tröpfchen vom Springquell des Glaubens und der Gnade zu verteilen, glauben selbst im Grunde nicht mehr wirklich daran, dass dies Sinn hat. Und die Tatsachen sprechen ja auch für sich. Denn die in Jahrgängen „abgefirmten“ Jugendlichen lösen sich nach dem Empfang des Sakramentes auch deshalb, was ihre Präsenz in den Pfarreien angeht, in Luft auf, weil ihre Familien oft genauso wenig im Glauben verwurzelt sind wie sie. Das kann sich aber ändern, wenn die Neuevangelisierung bereits vor der Eheschließung beginnt. Die Paare lernen so, dass der Glaube etwas ist, das man ernstnehmen muss. Und sie sehen am lebendigen Beispiel ihrer Mentoren, wie sehr er auch ihnen Stütze und Halt wird geben können. Wer so lernt, begreift nachhaltig, worum es beim Leib Christi, der Kirche, geht.

Der Artikel wurde dem IEF dankenswerterweise von der Tagespost bereitsgestellt.

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