IEF, 25.11.2019 – Im Rahmen des Symposiums „Grenzsituationen in Medizin und Pflege“ des Wiener Bioethikinstituts IMABE positionierte sich Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres in einem kurzen Eröffnungsstatement klar gegen Sterbehilfe. Renommierte Vortragende beleuchteten Grenzsituationen, Handlungsmöglichkeiten und Potentiale in Gesundheitsberufen.

„Kein Mensch hat das Recht, einen anderen ins Jenseits zu befördern“

Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres richtete ein kurzes Begrüßungswort an die Teilnehmer des Symposiums und ergriff die Chance, sich für eine Kultur der Heilung und des Beistands von Sterbenden auszusprechen. Von der Politik forderte er die notwendigen Mittel dafür zur Verfügung zu stellen. „Aktive Sterbehilfe (Tötung auf Verlangen und assistierter Suizid, Anm. d. R.) ist für uns als Ärztekammer nicht akzeptabel“, so Szekeres. Er sei stolz, dass es sich dabei um eine Mehrheitsmeinung der Ärzteschaft handle.

Auch Österreichische Gesundheitskasse gegen Sterbehilfe

Nach Szekeres ergriff Martin Schaffenrath von der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) das Wort und betonte die entschiedene Ablehnung von Sterbehilfe seitens der ÖGK. Der Beistand der Sterbenden sei eine Pflicht, weshalb eine flächendeckende Hospizversorgung unbedingt notwendig sei und wesentliche Aufgabe der ÖGK ist.

Grenzsituationen in Pflegeberufen: Krise und Chance

Entscheidungen am Lebensende etwa über Behandlungsabbruch oder -verzicht, Sorge um Patienten und Angehörige bei gleichzeitigem wirtschaftlichem Druck und Zeitknappheit: Grenzsituationen in Gesundheitsberufen, die die diesjährige IMABE-Tagung im Wiener Raiffeisenforum zum Thema machte. Wie kann mit Grenzen im medizinischen Alltag umgegangen werden? Welche Werthaltungen und Kompetenzen sind nötig, um auch in schwierigen Therapiesituationen bestehen zu können? Die Vortragenden aus verschiedenen Disziplinen gingen darauf ein, welche Schwierigkeiten sich im medizinischen Alltag auftun und welche Potenziale gleichzeitig entstehen können.

„Kunst des Heilens“: Mensch in seiner Ganzheit in Fokus stellen

Thomas S. Hoffmann, Philosophieprofessor an der deutschen Fernuniversität Hagen, eröffnete den Teilnehmern die Perspektive, Grenzsituationen in der Medizin als „existentielle Lebensereignisse“ wahrzunehmen. Die Öffnung dafür könne als positive Möglichkeit verstanden werden, ohne Masken und Rollenspiel miteinander zu kommunizieren. Derzeit herrsche das Bild einer Medizin vor, die sich vor allem als technisch-naturwissenschaftliche Disziplin definiere. In Hoffmanns Augen sei sie aber vielmehr die „Kunst des Heilens“, in der ein konkreter, besonderer Mensch in seiner Ganzheit im Mittelpunkt stehen müsse. Dafür brauche es neben der naturwissenschaftlichen auch die ethische Kompetenz, so Hoffmann.

Umgang mit Angehörigen: Mitgefühl versus Mitleid

Elisabeth Medicus, die mehr als 20 Jahre ärztliche Leiterin in Einrichtungen der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft war, nahm in ihrem Referat die Angehörigen von sterbenskranken Menschen in den Blick. Angehörige seien in der Palliativmedizin, im Unterschied zu anderen medizinischen Fächern, Teil der umfassenden Behandlung des Patienten. Die Angehörigen müssten in ihren Kompetenzen gestärkt werden und Ressourcen belebt werden. Dies könne zum Beispiel durch Einbindung in die Pflege des Kranken geschehen und durch Wissensvermittlung über die Krankheit, ihre Symptome und deren Behandlung.

Der Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl

Medicus betonte, dass hierbei Mitleid hilflos mache, weil sich der mitleidende Mensch vom Leid des anderen anstecken lasse, dessen Stimmung übernehme. Eine hilfreiche Haltung sei vielmehr das Mitgefühl, bei der der Mensch bei sich selbst bleibe, sich jedoch um den anderen sorge und die Motivation habe, zu helfen.

Ingrid Marth, Leiterin des Mobilen Palliativteams der Caritas Socialis in Wien, betonte, dass Personen in Gesundheitsberufen, sich „zuallererst selbst mit Verunsicherung, Irritation und den grundlegenden Fragen des Lebens auseinandergesetzt haben“ müssten. Nur so sei bei der Begleitung von Menschen am Lebensende Mitgefühl möglich, ohne dabei selbst den Boden zu verlieren, so Marth.

Annehmen von Fehlern als Schutz vor Burnout

Auf die Gefahren des Burnouts in medizinischen Heilberufen ging der Wiener Psychiater Raphael Bonelli ein. Laut Österreichischen Ärztekammer litten überproportional viele Ärzte daran. Schutz vor Burnout sei laut Bonelli die Annahme der eigenen Grenzen und die Absage an einen Perfektionismus, der das Ich in den Mittelpunkt stelle.

Tagungsband ab 2020 erhältlich

Der Tagungsband “Grenzsituationen in Medizin und Pflege” über das Symposium erscheint im Frühjahr 2020 und kann unter postbox@imabe.org bei IMABE bestellt werden. (TSG)

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