IEF, 13.3.2019 – Ab dem Schuljahr 2020/21 wird Ethik an AHS-Oberstufen und an Polytechnischen Schulen zum Pflichtfach – allerdings nur für jene Schülerinnen und Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen. Diese Pläne hat die Regierung letzte Woche der Öffentlichkeit präsentiert.

In den Folgejahren soll das Fach Ethik auch in berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) eingeführt werden. Ziel des neuen Pflichtgegenstandes soll eine „fundierte Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens sein“, außerdem die „Schaffung von Orientierungshilfen, die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen philosophischen, weltanschaulichen, kulturellen und religiösen Traditionen und Menschenbildern“ sowie ein „Beitrag zur individuellen Persönlichkeitsentwicklung“, so das Bildungsministerium in einer Aussendung.

Rolle der Kirche nimmt ab – gemeinsames ethisches Verständnis für die Gesellschaft wichtig

Bei einer Pressekonferenz vergangene Woche erklärte Bildungsminister Heinz Faßmann, dass es „in einer religiös pluralistischen Gesellschaft, in der die Rolle der Kirche abnimmt, ein gemeinsames ethisches Verständnis brauche.“ Gleichzeitig gab er, wie u.a. die Kathpress berichtet, Einblicke in die geplanten Inhalte des Ethikunterrichts. So soll es beim Themenbereich mit dem Titel „Ich und du” um den gegenseitigen Respekt sowie um den Umgang mit Konflikten gehen, bei „Wir und die Welt” u.a. um Nachhaltigkeit, die Nord-Süd-Problematik, das Konsumverhalten und Reflexionen über den Umgang mit der Technik. Im dritten Schwerpunkt „Überblick verschaffen” stünden die Weltreligionen, sowie verschiedene philosophische Strömungen im Zentrum.

Kritik von Opposition: Ethikunterricht muss verpflichtend für alle sein

Für die geplante Einführung des Ethikunterrichts gab es Lob und Kritik von unterschiedlichen Seiten. SPÖ-Bildungssprecherin Sonja Hammerschmid begrüßte grundsätzlich die Einführung eines Ethikunterrichts, forderte diesen aber für alle, und zwar bereits in der Unterstufe. Auch die Grünen möchten den Ethikunterricht für alle Schüler verpflichtend einführen, so David Ellensohn, Klubobmann der Grünen Wien: „Ein gemeinsamer, verpflichtender Ethikunterricht für alle SchülerInnen einer Klasse ist für die Erarbeitung eines gemeinsamen Gesellschafts- und Demokratieverständnisses sehr wichtig.“

Ähnlich sieht es sein Parteikollege Georg Ecker, Bildungssprecher der niederösterreichischen Grünen: „Der Ethikunterricht leistet nachweislich einen wertvollen Beitrag zur Integration, indem Kinder und Jugendliche lernen, andere Kulturen, Religionen und Traditionen zu akzeptieren und zu respektieren“, meinte er in einer Aussendung.  Auch Stephanie Cox, Bildungssprecherin der Liste JETZT, möchte keine Auswahlmöglichkeit zwischen Ethik- und Religionsunterricht: „Wie kann Minister Faßmann sicherstellen, dass der konfessionelle Religionsunterricht ebenso die Lehrplaninhalte des Ethikunterrichts übernimmt und etwa für Gewaltprävention sensibilisiert?“

„Religionsunterricht hat Mehrwert gegenüber Ethikunterricht“ 

Andrea Pinz, Leiterin des Schulamtes der Erzdiözese Wien und als solche zuständig u.a. für alle Angelegenheiten des Religionsunterrichts, sieht allerdings keine Konkurrenz zwischen Ethik- und Religionsunterricht: „Die Schnittmengen zwischen Ethik- und konfessionellem Religionsunterricht sind größer als die Unterschiede.“ Auch der Religionsunterricht greife zentrale ethische Themen auf, biete aber zugleich mehr als Ethik, nämlich existenzielle Fragen rund um das Woher, Wohin und den Sinn des Lebens, wird Pinz auf der Website der Erzdiözese Wien zitiert.

Kirchenvertreter: Ethik- und Religionsunterricht nicht in Konkurrenz zueinander

Auch sonst gab es von Seiten der katholischen und evangelischen Kirche durchwegs positive Rückmeldungen zum aktuellen Vorschlag der Bundesregierung. Der für Bildungsfragen zuständige evangelische Oberkirchenrat Karl Schiefermair sieht in den Plänen der Bundesregierung ebenfalls keine Konkurrenzsituation zum schon bestehenden Religionsunterricht, wie er in einer Aussendung des Evangelischen Pressedienstes (epdÖ) versicherte. Für ein allgemeines Pflichtfach Ethik auch für jene Schüler, die den Religionsunterricht besuchen, sehe er aber keine Notwendigkeit. Die Katholische Aktion Österreich (KAÖ) zeigt sich zufrieden mit der Einführung des Ethikunterrichts: „Damit wird ein jahrzehntelanger, eigentlich untragbarer Zustand abgeschafft, nämlich, dass es junge Menschen gibt, die das ganze Schulsystem durchlaufen, ohne jemals Wissen über Werte und Religionen vermittelt bekommen zu haben”, erklärte KAÖ-Vizepräsident Armin Haiderer laut Kathpress. Dass die Freistunde bei einer Abmeldung vom Religionsunterricht künftig wegfalle, würde sowohl Ethik- als auch Religionsunterricht zugute kommen, „von den Schülern und Schülerinnen ganz zu schweigen”, so Haiderer.

Jeder fünfte Schüler ohne Religionsunterricht

Laut Medienberichten ist beinahe jeder fünfte Schüler in Österreich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig und nimmt daher auch an keinem schulischen Religionsunterricht teil. Umgekehrt besuchen laut der Schulamtsleiterin der Erzdiözese Wien, Andrea Pinz, von rund einer Million katholischer Schüler in Österreich 90 Prozent den Religionsunterricht trotz der bestehenden Abmeldemöglichkeit; die Zahl der Abmeldungen seien auch beim steigenden Anteil an Konfessionslosen und der wachsenden religiösen Vielfalt in Österreich stabil zwischen acht und neun Prozent geblieben.

Ethikunterricht bereits seit 20 Jahren erprobt

Die Frage nach einem verpflichtenden Ethikunterricht beschäftigt das österreichische Bildungswesen schon lange: Seit den 1990er-Jahren wurde Ethikunterricht im Rahmen diverser Schulversuche an zahlreichen Schulen angeboten, nun sollen diese Erfahrungen in den Regelunterricht eingebracht werden. Im Laufe der kommenden Jahre sollen Unterrichtsmaterialien geschaffen und österreichweit rund 1.300 Lehrkräfte für den Ethikunterricht durch eine entsprechende Fortbildung an den Pädagogischen Hochschulen (PH) qualifiziert werden, so das Bildungsministerium in seiner Aussendung. (ER)

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