IEF, 18.03.2020 – Die Kampagne von Down-Syndrom Wien/NÖ fokussiert sich vor allem auf das Bildungswesen und möchte statt Sonderschulen Regelschulen für alle.

„Warum wollen wir das? Wir wollen das, weil die Österreichische Bundesverfassung,  Artikel 7. (1), auch gelebt werden soll: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“, so das Positionspapier des Vereins Down-Syndrom Wien/NÖ, der die Kampagne im Jänner 2020 ins Leben gerufen hat. Zudem gewähre das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN 2008) ein Recht auf Inklusion.

Lücken im Bildungssystem

Anlässlich der Staatenprüfung Österreichs zur Einhaltung der UN-Behindertenrechtskonvention (das IEF hat berichtet) im Jahre 2013 wies der UN-Fachausschuss besorgt darauf hin, dass die Zahl der SchülerInnen, die in Sonderschulen unterrichtet werden, steige. Im Gegenzug dazu sinke der Anteil von Kindern mit Behinderung, die in Integrationsklassen unterrichtet werden. Dem Positionspapier zufolge werde Eltern oft geraten, ihre Kinder in die Sonderschule zu geben – Regelschulen und Kindergärten in Wien seien für Inklusion schlecht ausgestattet. 2018 wurden in Wien erstmals mehr Kinder in Sonderschulen unterrichtet als in Integrationsklassen. „Unsere Kinder werden selbstverständlich durch unser Bildungssystem segregiert“, klagt der Verein Down Syndrom/NÖ in seinem Positionspapier an. Genau dieser Entwicklung will die neue Kampagne entgegensteuern. Kindern mit Down-Syndrom soll dieselbe Vielfalt an Bildungsmöglichkeiten zustehen wie Kindern ohne Behinderung.

„Ein anderes Selbstverständnis“

Bei der Präsentation der Kampagne am 15. Jänner hob der Pressesprecher Mischa Kirisits, DSA, hervor, dass man vorrangig „ein anderes Selbstverständnis“ zum Ziel habe. “Wir wollen, dass Kindergärten, Schulen und Horte beweisen müssen, dass sie unsere Kinder betreuen können und nicht – wie derzeit üblich – unsere Kinder beweisen müssen, dass sie hineinpassen”, so Kirisits. Bildungseinrichtungen würden dafür Assistenzberufe wie Pflegepersonal oder Sozialpädagogen benötigen, Lehrpläne müssten individualisiert und alle Schulen gleich ausgestattet werden, wie APA Science berichtete. „Wir wollen, dass es selbstverständlich ist, dass unsere Kinder mit Gleichaltrigen den Kindergarten und die Schule der jeweiligen Heimatgemeinde besuchen dürfen. Wir wollen, dass unsere Kinder überall dort, wo wir sie anmelden wollen, ohne Wenn und Aber willkommen geheißen werden“, heißt es in dem Positionspapier.

Herzensangelegenheit für Vizekanzler Kogler

Im Zuge der Präsentation von „Down-Syndrom. Na und.“ rief Vizekanzler Werner Kogler von den Grünen in Erinnerung, dass Österreich die UN-Behindertenrechtskonvention 2008 unterzeichnet habe, was sich auch in der Verfassung widerspiegle. Im neuen Regierungsprogramm für Österreich (das IEF hat berichtet) sehe er deutliche Ansätze und Verbesserungen, zum Beispiel, „wenn die Mittel in den Regelunterricht verschoben werden sollen“. Für Kogler sei das jedenfalls mit Sicherheit das Beste, was zu diesem Anliegen jemals in einem österreichischen Regierungsprogramm gestanden habe. Auf seinem Twitteraccount nennt Kogler die Kampagne „ein Herzensthema für mich“. Er macht darauf aufmerksam, dass Menschen mit Down-Syndrom ein „gleichberechtigter Teil der Gesellschaft“ sind und auch „gleichwertig geschätzt werden“ wollen.

Antwort auf Down-Syndrom

„Gemeinsames Lernen schafft die Grundlage für gemeinsames Leben“, heißt es im Positionspapier. Inklusion von Anfang an sei die Basis für ein selbstbestimmtes Leben von Kindern mit Behinderung innerhalb der Gemeinschaft. Es erleichtere unter anderem den Zugang zu Arbeit, Wohnraum und gesellschaftlichem Kontakt. Die Antwort auf das Down-Syndrom dürfe zukünftig nicht „Sonderschule“ lauten, sondern einfach nur „Na und.“ (TS)

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