Trauer
Shutterstock
Lesezeit: 9 Minuten

„Man vergisst sein Sternenkind nicht“

IEF, 12.12.2025 – Ein Gespräch über Sternenkinder, Trauer und neue Hoffnung

Aus eigener Erfahrung weiß Claudia Turek, wie tief die Trauer nach einer stillen Geburt sitzt: 2006 verlor sie ihren Sohn Dominik und fand über eine Selbsthilfegruppe zum Wiener Verein Regenbogen, den sie heute maßgeblich mitgestaltet. Der Verein ist eine Selbsthilfeinitiative für Eltern, die ihr Kind vor oder kurz nach der Geburt verloren haben. Im Gespräch macht die Mutter und Pädagogin deutlich, warum Trauer Zeit und Raum braucht und inwiefern Eltern sehr unterschiedlich trauern. Anlass des Interviews ist der bevorstehende Candle Lighting Day am zweiten Sonntag im Dezember, der weltweit dem Gedenken an verstorbene Kinder gewidmet ist.

Mir war klar, dass ich Unterstützung brauche

IEF: Frau Turek, wie hat Sie Ihr Weg zum Verein Regenbogen geführt?

TUREK: Ich bin ganz klassisch zum Verein dazugekommen, als frisch betroffene Mutter im Jahr 2006. Ich habe damals im 5. Schwangerschaftsmonat meinen Sohn Dominik verloren. Ich bin damals in die Selbsthilfegruppe gekommen, weil mir schnell klar war, dass ich Unterstützung brauche, um diesen Schicksalsschlag überhaupt zu verarbeiten. Die Hebamme im Nachtdienst hat mir damals die Adresse vom Verein rausgesucht – damals gab es nur diesen einen Verein.

Ein Jahr später fing ich dann selbst an, Flyer in Kliniken und Spitälern zu verteilen, damit andere Eltern erfahren, dass es den Verein gibt. Und dann bin ich einfach immer tiefer in die Vereinsarbeit „hineingerutscht“ und bin Obfrau geworden.

Bei mir kam noch dazu, dass die Beziehung zum Vater von Dominik nach der Fehlgeburt zu Ende ging und ich damals viel Zeit für ehrenamtliches Engagement hatte. 2009 lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Wir hatten dann eine sehr schwere Geschichte mit dem Thema Kinderwunsch. Wir hatten insgesamt fast 10 Jahre Kinderwunsch – zwei weitere Fehlgeburten und viele medizinische Behandlungen. Irgendwann sagten wir: Ok, wenn es schon laut den Ärzten so schwer ist, dann gehen wir den Weg der Adoption und Pflege.

2018 haben wir dann Zwillinge als Dauerpflegekinder bekommen. Womit wir aber gar nicht rechneten: ich war damals bereits in der zweiten Woche schwanger! Und zwar auf natürlichem Weg. Ich schwöre es Ihnen: die Befunde-Mappe ist dick! Es ist wirklich ein Wunder, dass sich unser jüngster Sohn durchgeboxt hat. Wir haben jetzt drei lebende Kinder mit nur zehn Monaten Abstand. Das war am Anfang echt intensiv, aber inzwischen sind sie alle in der Schule. Und im Prinzip sind sie alle Regenbogenkinder.

Jeder Mensch trauert anders

IEF: Wie würden Sie das Hauptanliegen der Vereinsarbeit beschreiben?

TUREK: Unser Grundprinzip lautet: Jeder Mensch trauert anders. Manche Eltern brauchen Einzelgespräche, andere eine Gruppe. Einige von uns haben Ausbildungen als Trauerbegleiterinnen oder Lebens- und Sozialberaterinnen gemacht. Wir bieten eine Gesprächsgruppe an, die mich damals in meiner Trauer aufgefangen hat. Es gibt eine Gruppe für Paare und eine eigene Vätergruppe. Oft ist es nämlich so, dass die Väter sagen: „Ich muss jetzt stark sein für meine Frau“. Dabei vergessen sie, was sie selbst in der Situation brauchen. Zweimal im Jahr bieten wir einen Bastelnachmittag an. Letztens haben wir dabei Adventskränze fürs Kindergrab gestaltet. Und seit 2012 legen wir in jede Klinik auf der Geburtenstation spezielle Sternenkinderkleidung. Ganz offen gesagt: Puppenkleidung funktioniert nämlich nicht – die Körper sind einfach zu zart.

Das Thema ist noch ein Tabu

Wir machen auch Öffentlichkeitsarbeit, weil das Thema immer noch ein Tabu ist. Es sind oft eher die Verwandten und Freunde der Betroffenen, die kommen. In den Spitälern legen wir Infomappen auf – zu Themen wie Mutterschutz, Namensgebung, Krankenstand und Bestattung. Und wir haben auch eine eigene Gruppe für Eltern, die die Diagnose bekommen, dass ihr Baby nicht lebensfähig ist.

IEF: Und das alles ehrenamtlich! Ihr Verein trägt den Namen „Regenbogen“ und verwendet bewusst dieses Symbol. Warum beschreibt dieses Bild die Gefühlswelt von Sternenkinder-Eltern so treffend?

TUREK: Es treffen Regen und Sonne aufeinander. Es ist einerseits die tiefe Trauer da: „Mein Kind ist tot“. Aber es ist auch so, dass man sich über die schönen Momente der Schwangerschaft austauschen kann und man es zum Beispiel trotzdem als schön empfunden hat, das Baby im Arm gehalten zu haben.

Es ist ein Gefühlschaos: Trauer, Schuldgefühle, Scham, Wut. Viele suchen nach einem Grund für den Tod – bei sich, bei den Ärzten, irgendwo. Es ist ein ständiges Auf und Ab mit der ganzen Palette an Gefühlen. Es ist wellenartig. Was aber am Anfang hohe innere Wellen schlägt, wird mit der Zeit schwächer. Man vergisst das Kind nicht. Man inkludiert es in sein Leben. Wichtig ist nur, dass man sich der Trauer wirklich stellt. Die Gesellschaft macht es einem da nicht leicht. Wir sollen schnell wieder „funktionieren“. Aber so läuft Trauer nicht ab.

Früher wurde alles totgeschwiegen – heute gibt es Verabschiedungsrituale

Auch für die sogenannten „Regenbogenkinder“, also für die Geschwister der verstorbenen Kinder, ist ein offener Umgang wichtig. Ich kann aus meiner Erfahrung als Kindergartenpädagogin sagen: Kinder spüren so viel und so intuitiv! Früher wurde das alles totgeschwiegen: schnell das Baby weg, damit man der Mama die Trauer nimmt. Das ist ganz falsch. Heute werden Fotos gemacht, es gibt Verabschiedungsrituale und psychologische Unterstützung.

Trotzdem passieren immer noch Fehler, vor allem beim Informationsfluss. Wir haben immer wieder Eltern bei uns, die nicht wissen, wann ihr Baby bestattet wird. Da arbeiten wir eng mit Kliniken, Hebammen und Friedhöfen zusammen.

IEF: Es gibt keine Informationspflicht von Seiten der Spitäler in Hinblick auf Bestattung?

TUREK: Es gibt keine Informationspflicht. Die Eltern müssen sich selbst informieren. Wir versuchen durch unsere Infomappen, die es in verschiedenen Sprachen gibt, aufzuklären. Die Mappen müssen die Eltern aber erst bekommen.

Allgemein wird bis zur 12. Schwangerschaftswoche das Baby rechtlich gesehen als Teil des Körpers der Frau betrachtet. Eine Sammelbestattung ist nicht automatisch möglich. Die Eltern müssen sagen, dass sie das gerne hätten. Bis 500-Gramm (und wenn das Geld da ist) kann das Kind in einem Familiengrab beigelegt werden. Der Tod ist aber oft schnell und spontan. Man hat die vierstellige Summe für ein Begräbnis oft nicht parat. Dafür gibt es von der Stadt Wien die Möglichkeit, am Zentralfriedhof bei der Sammelbestattung beigesetzt zu werden. Da werden die Kinder kremiert und in einer „Sternenurne“ in ein Sammelgrab gegeben. Es gibt ein zweites Sammelgrab am Hietzinger Friedhof vom St. Josef Krankenhaus aus. Ab 500-Gramm ist im Prinzip jede Form der Bestattung möglich.

Als Mutter darf ich mich psychisch und körperlich erholen

IEF: Gibt es Unterschiede zwischen Müttern und Vätern in der Art, wie sie trauern oder versuchen, den Verlust zu bewältigen?

TUREK: Man kann es nicht verallgemeinern. Unser Eindruck ist aber schon, dass oft unterschiedlich getrauert wird. Väter sind oft eher im Tun; Mütter müssen viel reden. Oft ist es aber schon so, dass im geschützten Rahmen doch einiges an Redebedürfnis bei den Männern da ist.

IEF: Betroffene Eltern sind rechtlich nur eingeschränkt abgesichert – v.a. betreffend Mutterschutz und Kündigungsschutz. Wie erleben Sie diese Situation in Ihrem Kontakt mit betroffenen Eltern?

TUREK: Ja, die aktuelle Debatte rund um die Forderung nach einem gestaffelten Mutterschutz, ähnlich wie er in Deutschland eingeführt wurde, unterstützen wir. Es ist zwar schön und gut, dass man nach einer Fehlgeburt in Krankenstand gehen kann, aber man braucht meistens schon 2-3 Wochen bis man wieder im Leben steht. In der Privatwirtschaft heißt es dann oft: „Dankeschön, das war es dann mit Ihrem Job!“. Es gibt zwar einen vierwöchigen Kündigungsschutz, aber dann kommt noch zusätzlich zum Verlust des Kindes der Jobverlust dazu. Viele Mütter erleben den Druck, gleich wieder arbeiten zu müssen. Viele sagen, sie hätten mehr Zeit gebraucht. Manchen tut es auch gut, direkt wieder zu arbeiten. Auch hier gilt: Jeder trauert anders.

Und man vergisst auch oft, was sich da erstmal körperlich tut. Ja, man sollte einen gestaffelten Mutterschutz haben, damit das Bewusstsein wächst: „Es war ein Lebewesen da und als Mutter darf ich mich psychisch und körperlich erholen“.

Zeit für Trauer?

IEF: Warum ist es heutzutage so schwer, Platz für Trauer zu haben?                                                                                                                     

TUREK: Wann hat man heutzutage schon Zeit für Trauer? Auch wenn die eigene Großmutter oder Mutter stirbt: Wie viel Zeit wird einem gegeben? Früher wurde der Tote aufgebahrt, es gab ein Jahr lang Trauerkleidung – das gibt es alles nicht mehr. Wenn ein Verwandter im Spital stirbt, kann man noch froh sein, dass man ihn noch kurz sehen darf.

Bei Sternenkindern kommt oft dazu, dass sich viele denken: „Ok, ist zwar schlimm, aber du hast ja gar nichts mit dem Kind erlebt“. Aber das stimmt nicht. Man hat schon mit dem Kind gelebt und mittlerweile sagt uns die die pränatale Forschung, dass das Kind auch schon Einiges im Bauch erlebt hat. Oder man hört: „Du hast doch eh schon ein Kind – konzentriere dich darauf“. Oder: „Du bist ja noch jung, kannst eh noch Kinder kriegen“. Diese typischen Ratschläge, die eigentlich Schläge sind. Man hat vielleicht tatsächlich schon ein Kind, aber trotzdem darf man um das andere, das tot ist, trauern.

Ohne Baby vor dem Christbaum

IEF: Wie beteiligt sich der Verein Regenbogen am Candle Lighting Day – dem Weltgedenktag für verstorbene Kinder?

TUREK: Wir feiern an diesem Tag einen evangelischen Gedenkgottesdienst. Außerdem gibt es den „Baum der Erinnerung“. In vielen Städten wird dafür an einem gut besuchten Ort ein Baum für Sterneneltern aufgestellt. Das ist eine relativ neue Tradition in Österreich, die ursprünglich aus Klagenfurt kommt.

Eltern haben dort die Möglichkeit, einen Holzanhänger mit dem Namen ihres Kindes anzubringen. In Wien steht der Baum nun schon das zweite Jahr beim Babygrab am Wiener Zentralfriedhof.

Gerade die Advent- und Weihnachtszeit ist für viele Eltern sehr schwer. Man sitzt ohne Baby vor dem Christbaum. Viele fahren deshalb im ersten Jahr auch bewusst weg und machen Urlaub, um dieser Zeit ein Stück weit zu entkommen.

Familie und Freunde waren für mich da

IEF: Was hat Ihnen damals in Ihrer eigenen Trauer besonders geholfen? Und was motiviert Sie heute in Ihrem Engagement?

TUREK: Mir hat sehr geholfen, dass ich eine Anlaufstelle hatte – und dass sowohl meine Familie als auch meine Freunde für mich da waren.

Die größte Motivation ist für mich bis heute, dass es andere „Sterneneltern“ gibt, die einem helfen. Man kann betroffenen Eltern das Leben ein Stück leichter machen. Zu wissen, dass sie einen Platz haben und sich verstanden fühlen, ist auch für mich unglaublich wichtig.

IEF: Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Sabrina Montanari.

Diesen Artikel teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Nach oben