AT / Reproduktionsmedizin: Kritik an erstmals veröffentlichter IVF-Statistik

IEF, 16.1.2018 – Laut dem 2015 beschlossenen Fortpflanzungsmedizinrechts-Änderungsgesetz müssen alle medizinisch unterstützten Fortpflanzungsbehandlungen in Österreich erfasst und veröffentlicht werden. Erstmals wurde die IVF-Statistik nun von der Gesundheit Österreich GmbH für 2016 erhoben und veröffentlicht.

30.238 eingefrorene Embryonen

Die Statistik zeigt, dass im Jahr 2016 über 30.000 Embryonen tiefgekühlt gelagert wurden.  Für Mag. Susanne Kummer, Bioethikerin beim Wiener Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) eine alarmierende Zahl: „Dass diese Produktion von Menschen auf Vorrat in Österreich solche Ausmaße angenommen hat, bedarf dringend einer Korrektur“. Mag. Martina Kronthaler, Generalsekretärin der aktion leben zeige die hohe Zahl, die „beinahe der Einwohnerzahl von Feldkirch“ entspricht, „dass die Problematik der überzähligen Embryonen bisher vernachlässigt wurde und völlig ungelöst ist“.  

Mehr als 10.500 IVF-behandelte Österreicherinnen

Die IVF-Statistik gibt Aufschluss darüber, wie viele Österreicherinnen, nämlich mehr als 10.500 in 2016, eine IVF-Behandlung in Anspruch genommen haben. Ebenso, dass bei 521 Frauen die Samenspende von einer „dritten Person“, also nicht die Samen des eigenen Partners, verwendet wurde. In 75 Fällen wurde die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) durchgeführt. Jedoch geben die Zahlen keinen Aufschluss darüber, wie oft die einzelnen Tests angewandt wurden und wie oft die Krankheiten tatsächlich gefunden wurden. Bei den Fällen, in denen PID angewandt wurde, um die Wahrscheinlichkeit auf eine Schwangerschaft zu erhöhen, gibt der österreichische Bericht keinen Aufschluss darüber, wie oft es dann tatsächlich zu einer Schwangerschaft gekommen ist. Die fehlenden wesentlichen Daten machten die Statistik zur Qualitätskontrolle des neuen und umstrittenen Verfahrens der PID „unbrauchbar“, kritisiert Kronthaler.

Bioethikerin Kummer: IVF-Statistik „völlig unzureichend“

Gegenüber kathpress bezeichnet Kummer die österreichische IVF-Statistik als „völlig unzureichend“. Nicht erkenntlich sei bei den vorgelegten Daten über IVF, Eizellen- und Samenspende und Präimplantationsdiagnostik beispielsweise, wie oft die künstliche Befruchtung zum Erfolg führte, wie viele Versuche nach Eizellenspende fehlgeschlagen sind oder abgebrochen werden mussten, wie viele Fehl- oder Totgeburten es gab oder nach welchen Krankheiten Embryonen aussortiert worden sind. Außer den spärlichen Daten zum sogenannten Hyperovulationssyndrom gäbe es keine Angaben über negative Vorkommnisse, und auch die selektive Abtreibung von Embryonen bei Mehrlingsschwangerschaften bleibe unerwähnt. Kummer verweist auf den deutschen IVF-Bericht vom Dezember 2017, der „um einiges weiter“ gehe. Aus diesem erkenne man, dass die Fehlgeburtenrate bei IVF bei 20 Prozent läge. Die Statistik dokumentiere 784 Fälle mit schwerwiegenden Komplikationen. So seien von durch eine IVF-Behandlung gezeugten Kindern im Berichtsjahr 303 abgetrieben worden, 271 mit Behinderung und 210 tot geboren worden. Die Baby-Take-Home-Rate lag bei rund 20 Prozent. Außerdem verweise der deutsche Bericht eindringlich darauf, dass IVF bei Frauen ab dem 35. Lebensjahr gut zu überlegen sei. Die Geburtenrate pro Embryotransfer sinke von 26 Prozent bei 35-Jährigen auf 15 Prozent bei 40-Jährigen und auf nur noch 3,2 Prozent bei 44-Jährigen. „Eine Aufklärung über die niedrige Geburtenrate bei höherem Alter findet in Österreich offenbar kaum statt“, stellt Kummer fest. Schließlich zeige der österreichische Bericht, dass mehr als die Hälfte der IVF-behandelten Frauen (5.800 Frauen) älter als 35 Jahre waren, davon fast 2.000 Frauen schon über 40 Jahre alt. „Hier werden offenbar falsche Hoffnungen geschürt“, kritisiert die Bioethikerin.

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