Palliativmedizin Schweiz
Lesezeit: 4,3 Minuten

CH / Lebensende: „Körperliche Schmerzen können immer wirksam gelindert werden“

IEF, 10.03.2020 – Der Palliativpionier Roland Kunz hat tausende Menschen in den Tod begleitet. In einem Interview gibt er Einblicke in seine Arbeit.

Palliativmedizin als notwendige Antwort auf medizinischen Fortschritt

Der Chefarzt der universitären Klinik für Akutgeriatrie und Leiter der Palliativstation im Stadtzürcher Spital Waid, brachte die Palliativmedizin Anfang der 1990er Jahre in die Schweiz, entwickelte sie weiter und etablierte sie allmählich. Mit Vorbildern aus England rückte Kunz zusammen mit anderen Ärzten die Botschaft in den Fokus, dass nicht nur Krebspatienten ohne Aussicht auf Heilung, sondern alle Menschen sich irgendwann mit ihrer eigenen Endlichkeit auseinandersetzen müssten. Angesichts der Möglichkeiten künstlicher Lebensverlängerung sei bereits in den 1970er Jahren der Begriff des selbstbestimmten Sterbens aufgekommen. Die Sterbehilfeorganisation Exit habe die Rolle der Ärzte am Sterbebett problematisiert und wollte den Betroffenen signalisieren, dass sie mit Suizidhilfe die Kontrolle behalten könnten. Roland Kunz und seine Mitstreiter betonten beständig: Je mehr Menschen Zugang zu Palliativmedizin hätten, umso marginaler werde die Rolle der Suizidhilfe. Mittlerweile sei der palliative Behandlungsansatz ein fester Bestandteil der Schweizer Versorgungsplanung geworden.

In naher Zukunft wird er als Chefarzt und Mitglied der Spitalsleitung pensioniert werden, die Palliativstation am Waidspital möchte er aber weiter leiten, denn sein Platz sei am Krankenbett. Aus diesem Anlass gab er der NZZ ein Interview, in dem er erklärt, was Palliativmedizin leisten kann und soll.

„Ausblenden seelischer und biographischer Realitäten ist absurd“

Als Kunz Medizin studierte, erkrankte sein Vater an Darmkrebs. Das Desinteresse der Ärzte an der Situation des schwerkranken Mannes habe ihn erschüttert und gehöre zu den Schlüsselerlebnissen für seinen beispiellosen Einsatz für die Palliativmedizin. Die bloße Zerlegung von Menschen mit einer langen Lebenserfahrung in anatomische Einzelteile und das Ausblenden seelischer wie biografischer Realitäten sei für ihn absurd gewesen.

„Körperliche Schmerzen können immer wirksam gelindert werden“

„Körperliche Schmerzen können mit den heutigen Möglichkeiten und dem nötigen Know-how immer wirksam gelindert werden, allenfalls unter Inkaufnahme einer gewissen Schläfrigkeit.“, so Kunz. Der erlebte Schmerz sei aber nie nur ein biologisches Phänomen, sondern auch Ausdruck des seelischen und existenziellen Leidens. „Dagegen wirken Schmerzmittel nicht. Wenn psychologische und spirituelle Unterstützung nicht helfen, kann in solchen Situationen eine Sedation angeboten werden, die den Patienten in einen Schlafzustand versetzt.“, erklärt der Arzt.

„Der Mensch ist endlich“

Zu Akzeptieren, dass der Mensch endlich ist, sei für Kunz der Kern der Palliativmedizin. „In erster Linie ist Palliative Care eine Haltung – gegenüber der Endlichkeit des menschlichen Lebens. Aber noch immer ist vielen Ärzten nicht klar, dass es bei unheilbaren Krankheiten eine andere Medizin braucht.“ Eine „andere Medizin“ schreibe sich nicht den Kampf gegen die Krankheit auf die Fahne, sondern ermögliche dem Patienten, mit der Krankheit zu leben.

„Handwerk allein genügt nicht“ – Spiritual Care

Es gebe inzwischen viel Fachwissen zur Schmerzlinderung, aber „das Handwerk allein genügt nicht“, so Kunz. Außer der Akzeptanz der Endlichkeit sei eine Kultur der interdisziplinären Zusammenarbeit auf Augenhöhe unabdingbar. So sei die Spiritual Care ein wichtiger Strang der Palliativmedizin, indem sie von der Existenz einer spirituellen Dimension ausgehe. Spiritualität im Sinne von Spiritual Care sei nicht christlich orientiert, sondern beginne mit der Frage nach dem Lebenssinn, nach dem Sinn der Krankheit etc. Roland Kunz, der auch Dozent für Spiritual Care ist, betont, wie wichtig es sei, den Patienten auch auf dieser Ebene zu begegnen und die Sorgen nicht in medizinische Angelegenheiten umzudeuten. Seinen Studierenden versuche er zu vermitteln, dass „wir nicht aus einem Helfersyndrom heraus auf jede Frage eine gute Antwort geben sollten. Denn vielfach brauchen die Patienten einfach jemanden, der sagt: ‚Das verstehe ich, das würde ich in Ihrer Situation auch fragen‘.“

Advance Care Planning – Behandlungsentscheidungen im konkreten Lebenskontext treffen

Mit dem sogenannten Advance Care Planning sei in der Palliativmedizin ein Prozess gemeint und „nicht die einmalige Situation einer Entscheidung, das will ich noch und das nicht. Im Vordergrund steht die Frage, was mir wichtig ist im Leben und was nicht. Es geht also auch um Wertehaltungen. Uns Ärzten helfen konkrete Angaben zur Lebensart des Menschen sehr.“, so Kunz. Wisse man etwa von einem schwer Demenzkranken, dass er sich gerne draußen bewegt, habe man eine gute Grundlage, um zu entscheiden, ob sein Schenkelhalsbruch operiert werden solle. „Bei einem Patienten in der gleichen Situation, der offenbar am liebsten mit Chips vor dem Fernseher sitzt, ist hingegen eine Operation nicht zwingend.“, erklärt der Experte.

Die Beziehung zum Sterbenden steht im Zentrum

Auf die Frage, wie er es aushalte, Menschen sterben zu sehen, gibt Roland Kunz zur Antwort: „Ich halte es aus, weil ich das Geschehen am Lebensende nicht aus einer naturwissenschaftlichen Sicht verfolge, sondern die Beziehung zum sterbenden Menschen ins Zentrum stelle. Jemandem innert wenigen Tagen so nah zu kommen, dass Titel, gesellschaftliche Attribute – alles, was dem Betroffenen einst wichtig war – nicht mehr zählen, grenzt an ein Wunder. Ich empfinde es als ein Privileg, in diesem Moment dabei sein und mich auf eine tiefe Beziehung einlassen zu dürfen.“ Er beobachte, dass der Schritt des Sich-Ergeben-Müssens häufig mit Emotionen verbunden sei. Wer ihn aber mache, könne ruhig gehen. (TSG)

Weiterführende Artikel

Print Friendly, PDF & Email

Diesen Artikel teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Print Friendly, PDF & Email
Nach oben