„Es läuft nicht mehr gut. Martin ist immer nur müde. Er will nichts mehr unternehmen, liegt nur herum und sieht fern. Wenn ich was sage ist er gereizt. Manchmal meint er, dass das alles keinen Sinn mehr macht. Die ganze Welt ist nur mehr schlecht für ihn. Mit dem Sex klappt es auch nicht mehr, dabei war er früher immer so leidenschaftlich. Ich glaube er hat kein Interesse mehr an mir. Ich weiß nicht wie lange ich das noch aushalten kann.“

Wenn der Partner oder die Partnerin an einer Depression leidet, liegt oft eine große Last auf der ganzen Beziehung. Wir haben mit einem unserer Berater, dem Psychotherapeuten Mag. Johannes Wunsch über Depressionen in Beziehungen gesprochen.

IEF: Wie erkennt der Laie eine Depression?

Mag. Wunsch: Depressionen sind klar zu unterscheiden von kürzeren Phasen in denen man sich „depressiv“ fühlt, traurig ist, oder einmal Zeit für sich alleine braucht. Jeder Mensch erlebt Tage an denen die Stimmung gedrückt ist, er einfach erschöpft ist oder nicht gut schläft.

Depressionen machen sich vielmehr dadurch bemerkbar, dass sich das ganze Lebensgefüge verändert. Prof. Aaron T. Beck spricht von der „kognitiven Triade“: negatives Selbstbild, negative Bewertung der Zukunft und negatives Weltbild. Man kann sich über nichts mehr freuen, zieht sich zurück, hat große Schwierigkeiten damit auch kleine Dinge zu erledigen, kann sich schlechter konzentrieren, liegt oft schlaflos und grübelnd im Bett und fühlt sich permanent erschöpft. Und das über einen Zeitraum von mehreren Wochen. Dieser Zustand ist nicht nur mit großem Leidensdruck verbunden, meistens hält man seine Situation auch für hoffnungslos. Fast immer gehen Depressionen mit einer deutlichen Minderung des Selbstwertgefühls einher. Oft erlebt der oder die Betroffene auch körperliche Symptome wie Spannungskopfschmerzen, Bauchschmerzen, etc. ohne dabei an eine mögliche Depression zu denken. Laut einer Statistik Austria Gesundheitsumfrage aus dem Jahr 2014 leiden in Österreich rund 7,7% der Bevölkerung an einer Depression – diagnostiziert wird es nur bei etwa 5,7%. Mehr als 20% der Menschen erkranken im Leben einmal an einer Depression.[1]

IEF: Was sind die Auswirkungen einer Depression in der Beziehung?

Mag. Wunsch: Wenn ein Fahrrad einen „Platten“ hat, ist weiterfahren nicht mehr so einfach möglich, wahrscheinlich muss man das Rad dann schieben. Analog dazu ist in der Beziehung nicht nur eine/r von der Depression betroffen, sondern beide (also indirekt auch der oder die Partner/in). Man spricht bei einer Depression von einer chronischen Krankheit, da die Episoden ohne entsprechende Behandlung meistens immer wieder auftreten. Auch wenn eine intakte Beziehung eine Depression für eine gewisse Zeit kompensieren kann, kommt es durch die Dauer der Erkrankung meistens irgendwann zur Krise.

IEF: Was sollte man tun, wenn man eine Depression vermutet?

Mag. Wunsch: Die erste Anlaufstelle ist der praktische Arzt, der die Symptome einer Depression meist gut einschätzen kann und auf mögliche körperliche Ursachen hin untersucht. Je nach Schweregrad der Depression wird über die weitere Vorgehensweise entschieden. Ein Psychotherapeut kann dabei helfen, Gründe für die Depression zu erkennen und negative Denk- und Verhaltensweisen aufzubrechen. Genauso ist eine medikamentöse Behandlung durch einen Psychiater möglich. Psychopharmaka stellen normalerweise nur eine Symptombehandlung dar und sind vor allem in Kombination mit Psychotherapie sinnvoll. In schweren Fällen kann eine stationäre Therapie indiziert sein.

IEF: Kann man Depressionen vorbeugen?

Mag. Wunsch: Prof. Stephan Ilardi beschreibt in seinem Buch The Depression Cure wie einfache Veränderungen im Lebensstil zu einer deutlichen Besserung bei Depressionen führen können. Auch vorbeugend machen diese Veränderungen Sinn. Bewegung (mindestens 3x wöchentlich Sport), ausreichend Tageslicht, eine ausgewogene Ernährung (mit Omega 3 Fettsäuren), genügend Schlaf, die Einbindung in ein soziales Umfeld und anregende Aktivitäten (Hobbies) wirken sehr erfolgreich gegen Depressionen. Schafft man es, sich an diesen Punkten zu orientieren und sie in den Alltag zu integrieren, ist die Wirkung laut mehrerer Studien stärker, als ein gut eingestelltes Antidepressivum. Natürlich kann es gerade auch in Beziehungen sinnvoll sein, potenzielle Probleme früh zu erkennen und daran zu arbeiten bevor es zu spät ist. Eine starke Beziehung mit guter Kommunikation und einem ausgewogenen Verhältnis aus Nähe und Distanz – also gemeinsamer Zeit, aber auch dem Respektieren der Interessen und Hobbies des Partners, ist an sich schon antidepressiv und kann erlernt werden. Gerade bevor Beziehungen krank machen, kann das Aufsuchen einer Paarberatung oder -therapie ein entscheidender Schritt sein.

Mag. Johannes Wunsch ist Psychotherapeut und Paarberater am Institut für Ehe und Familie (IEF).

[1] https://www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/1/6/8/CH1066/CMS1448449619038/gesundheitsbefragung_2014.pdf

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