IEF, 19.6.2019 – In den USA und Kanada diskutieren Wissenschaftler in Hinblick auf die lange Liste von Personen, die auf eine Organspende warten, den „Tod durch Organspende“.

In einem Artikel des „New England Journal of Medicine“ plädieren zwei Ärzte der kanadischen Western University, Ian Ball und Robert Sibbald, sowie der amerikanische Bioethiker und Kinderarzt Robert D. Truog dafür, die Richtlinien für Organentnahmen zu ändern. Nach internationalen Richtlinien („Dead-Donor-Rule“) dürfen Organe erst nach der Feststellung des Todes einer Person entnommen werden. Durch die geringere Versorgung mit Blut und Sauerstoff während des Sterbeprozesses nimmt die Qualität der zu spendenden Organe ab. In Kanada, Belgien und den Niederlanden ist die freiwillige Organspende nach assistiertem Suizid/Tötung auf Verlangen bereits erlaubt. Daher stellen die o.g. Wissenschaftler die Überlegung an, dass sterbewillige Personen, die ihre Organe spenden möchten, durch die Organentnahme selbst sterben können sollten, da in dem Fall die Qualität der entnommenen Organe die bestmöglichste sei („Dead by Donation“). Im Falle, dass Patienten sowohl einen „schnellen, friedlichen und schmerzfreien Tod sowie das Spenden so vieler Organe wie möglich“ wünschten, sei es „ethisch wünschenswert, die Organe der Patienten auf dem gleichen Weg zu beschaffen wie von hirntoten Patienten (unter Vollnarkose, um das Wohlbefinden des Patienten sicherzustellen)“, so die Wissenschaftler. Da assisiterter Suizid/Tötung auf Verlangen neue Möglichkeiten der Organspende eröffneten, wäre es notwendig, neue Verfahren für diese Patientengruppe zu entwickeln. Dies beinhalte auch die Änderung des kanadischen Strafgesetzbuches.

Die Tötung eines Patienten durch die Organentnahme wäre nach geltender Rechtslage Mord, kritisiert in einem Beitrag in „USA today“ E. Wesley Ely, Medizinprofessor der US-Universität Vanderbilt. Nach eigenen Angaben hatte Ely bei zahlreichen internationalen medizinischen Konferenzen 2018 und 2019 teilgenommen, bei denen Organspende diskutiert wurde. Bei jeder Konferenz sei die Diskussion zum Thema „Tod durch Organspende“ abgedriftet. Ein Umstand, der Folge der Möglichkeit von Organspende nach assistiertem Suizid bzw. Tötung auf Verlangen in Kanada, Belgien und den Niederlanden sei, so Ely. Der Professor spricht sich dezidiert gegen eine Änderung der „Dead-Donor-Rule“ aus. Er befürchte, dass Personen mit physischen oder geistigen Beeinträchtigungen unter Druck geraten könnten, „etwas Ehrbares mit ihren gesunden Organen zu machen“, da sie sich stigmatisiert fühlten und die Gesellschaft den Wert ihres Lebens geringer schätze. Er sehe außerdem die Gefahr für Missbrauch, indem „diejenigen, die keine Stimme haben, in den Kreis der Spender eingeschlossen werden“.

Auch Jennifer Chandler, Bioethikerin am Stuhl für Organ- und Gewebespende der kanadischen Universität von Ottawa, sieht den Vorstoß von Ball, Sibbald und Truog laut National Post kritisch. Obgleich die Überlegungen logische Konsequenz der Legalisierung von Sterbehilfe seien, denke sie, dass die Mehrheit der Bevölkerung mit der Option von „Tod durch Organspende“ nicht einverstanden wäre und dadurch ein großes Risiko für die Verletzung des öffentlichen Vertrauens gegeben sei. (TSG)

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