IEF, 26.03.2019 – Unter den Verfassern des in der Fachzeitschrift Nature publizierten Aufrufs finden sich auch zwei der Entdecker der CRISPR/CAS9-Genschere, die das Gene-Editing revolutioniert hat.

In den nächsten 5 Jahren soll es keine genetisch manipulierten Babys geben. Das wünschen sich 18 Forscher aus sieben verschiedenen Ländern und rufen zu einem weltweiten Moratorium auf. Dabei beabsichtigen sie kein dauerhaftes Verbot. Vielmehr soll ein bestimmter Zeitraum von z.B. 5 Jahren festgelegt werden, während dessen die technischen, wissenschaftlichen, medizinischen, sozialen, ethischen und moralischen Implikationen von genetisch veränderten Keimzellen diskutiert werden sollen.

Im Moment überwiegen die Risiken

Was die klinische Anwendung der Genschere CRISPR/Cas9 betrifft, so weisen die Autoren auf eine unzureichende Treffsicherheit und Off-Target-Effekte der Technik hin. Das Risiko von unerwünschten Genveränderungen oder unbeabsichtigten Mutationen sei nach momentanem Stand der Dinge unvertretbar hoch. Auch die Langzeitfolgen von Keimbahntherapien (Germline-Editing) seien gegenwärtig sowohl für das Individuum als auch für die Spezies Mensch unvorhersehbar. Zudem wisse man aus bereits durchgeführten Studien, dass ein Gen-Austausch zur Minderung von Krankheitsrisiken für eine Erkrankung das Risiko für andere steigern kann.

Anwendung in der Reproduktionsmedizin

Für denkbar halten die Forscher den Einsatz der Technik in näherer Zukunft im Zusammenhang mit genetischen Korrekturen im Rahmen der Reproduktionsmedizin. Mit Hilfe des CRISPR/Cas9 Verfahrens ließen sich damit schwere genetische Krankheiten bei Kindern verhindern. Derzeit geschehe das zu einem großen Teil über Selektion von Embryonen im Rahmen der Präimplantationsdiagnostik. Für Paare, bei denen alle Embryonen mit der Genabweichung betroffen sind, wäre das Germline-Editing jedoch eine neue Chance, eigene Kinder zu bekommen, so die Forscher.

Gesellschaftliche Implikationen

Auf gesellschaftlicher Ebene weisen die Autoren auf mögliche verheerende Auswirkungen von Keimbahneingriffen hin. Diese würden von der Stigmatisierung und Diskriminierung von genetisch andersartigen oder behinderten Menschen, über eine gesteigerte Erwartungshaltung an Eltern zur genetischen Verbesserung (enhancement) ihrer Nachkommen, bis hin zu einer möglichen Aufspaltung der menschlichen Spezies in Unterarten reichen. Zudem könnte ein ungleicher Zugang zur Technik die sozialen Unterschiede vergrößern.

Internationales Framework

Das Ziel des im Moratorium beschriebenen Prozesses sei die Schaffung eines internationalen Frameworks, das jedoch den einzelnen Staaten die Möglichkeit böte, unterschiedliche Wege zu beschreiten, vorausgesetzt ihr Vorhaben wiese breiten gesellschaftlichen Konsens auf und wäre lange genug im Vorhinein bekannt gemacht worden. Zudem würde das Verbot Experimente an menschlichen Embryonen nicht umfassen, solange diese nicht in den Uterus einer Frau eingesetzt und ausgetragen werden. Weiterhin erlaubt wäre auch die genetische Veränderung von somatischen Zellen (Körperzellen) zu Heilungszwecken.

Die Unterzeichner des Aufrufs wünschen sich eine koordinierende Einrichtung mit zwei Untergremien, die das internationale Framework unterstützen würde. Die Einrichtung könnte unter der Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ins Leben gerufen werden und sollte den Staaten eine Austauschplattform bieten. Die Untergremien würden sich einerseits aus biomedizinischen Spezialisten und andererseits aus den im Bereich Ethik, Moral und Gesellschaft tätigen Personen zusammensetzen.

Strikte Regelungen, wie z.B. internationale Verbote zum Einsatz nuklearer, chemischer und biologischer Waffen und internationale Verträge seien im Bereich von klinischen Keimbahneingriffen nicht zielführend, so der Moratoriumsaufruf. Als Beispiel geben die Forscher die gescheiterte UNESCO Konvention, die das Klonen von Menschen verbieten wollte, an.

Expertengremium der WHO

Die WHO hat bereits ein Expertengremium zum Zwecke der Untersuchung aller Aspekte der umstrittenen Gen-Technik und der Festlegung klare Richtlinien einberufen (Das IEF hat berichtet). Die Autoren des Nature-Artikels rufen jedoch dazu auf, auch Menschen außerhalb des wissenschaftlichen und medizinischen Bereiches, wie Menschen mit Behinderungen, Patienten und ihre Familien, ökonomisch benachteiligte und historisch marginalisierte Gruppen und die Zivilgesellschaft in den Prozess einzubeziehen.

Verschiedene Standpunkte

Die Fachwelt ist sich in Bezug auf das Moratorium indes uneinig – so auch die Entwickler der CRISPR/Cas9- Methode. Während Emmanuelle Charpentier vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin und Feng Zhang vom Broad Institute in Cambridge zu den Unterzeichnern der Nature-Publikation zählen, plädiert Jennifer Doudna von der University of California, Berkeley, wie STAT berichtet für eine strenge Regulierung von Keimbahneingriffen, solange es unbeantwortete wissenschaftliche, ethische und gesellschaftliche Fragen gibt. Für Doudna würde das von ihren Kollegen vorgeschlagene Moratorium nicht weit genug gehen.

Frühere Aufrufe zum achtsamen Umgang mit Keimbahneingriffen

Der Moratoriumsaufruf selbst weist auf bereits vorhandene Stellungnahmen und Berichte zum Thema Genom-Editing hin, schätzt diese jedoch als ungenügend ein. So hätte weder das beim ersten internationalen „Human Gene-Editing“ Kongress 2015 publizierte Papier „A prudent path forward for genomic engineering and germline gene modification“, noch die Berichte des Nuffield Council on Bioethics oder der National Academies den chinesischen Forscher He Jiankui davon abgehalten, die DNA von 8 Embryos zu manipulieren und drei davon von Frauen austragen zu lassen. (Der IEF hat berichtet) (AH)

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