IEF, 22.10.2019 – Das internationale Zahlenmaterial veranschaulicht, dass die Baby-Take-Home-Rate in den vergangenen Jahren stetig gesunken ist. Experten bemängeln erneut die fehlende Dokumentation in Österreich.

Immer häufiger Behandlungen, immer seltener erfolgversprechend

Wie das Institut für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) berichtet, werden weltweit zwar immer häufiger reproduktionsmedizinische Verfahren in Anspruch genommen, immer seltener führen diese jedoch zum erhofften Ergebnis. Nachdem die Schwangerschafts- und Lebendgeburtenrate nach In-Vitro-Fertilisations-Behandlungen anfangs kontinuierlich gesteigert werden konnte, zeigt die im August im Fachjournal Human Reproduction Online veröffentlichte Studie aktuell Rückschritte dieser Entwicklung: einen Rückgang der Patientenzufriedenheit, steigende Kosten, vor allem aber eine sinkende Geburtenrate.

Ziel: möglichst viele kostspielige IVF-Behandlungen

Unter Leitung von Norbert Gleicher, Direktor des Center of Human Reproduction in New York, wertete das Team IVF-Daten aus den Jahren 2004 bis 2016 aus den USA, Kanada, Großbritannien, Australien/Neuseeland, Lateinamerika und Japan aus. Das Ergebnis: Ziel von IVF-Behandlungen sei primär nicht mehr eine Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes, sondern, dass möglichst viele kostspielige IVF-Versuche durchgeführt werden. Die steigende Kommerzialisierung führe darüber hinaus zur Anwendung nicht geprüfter, als erfolgversprechend angepriesener, Methoden, deren klinischer Nutzen oftmals nicht erwiesen sei. Zusatzangebote wie die Selektion von Embryonen nach deren genetischer Untersuchung (Präimplantationsdiagnostik, PID), sowie der elektive Single-Embryo-Transfer (eSET) brächten nachweislich keine Verbesserung bei der Baby-Take-Home-Rate. Allerdings führe die Tendenz zum elektiven Single-Embryo-Transfer (eSET) immerhin zu weniger Mehrlingsschwangerschaften und damit zu weniger gesundheitsgefährdenden Risiken für Mutter und Kinder, ergänzt Dr. Stephanie Merckens vom Institut für Ehe und Familie (IEF). Aus ethischer Sicht wäre aber nicht bloß der eSET zu empfehlen, also der Transfer bloß einer befruchteten Eizelle, sondern über nur die Befruchtung jeweils einer Eizelle mit anschließendem Transfer, da nur auf diese Weise überzählige Embryonen vermieden werden könnten, so Merckens.

Einführung klinischer Standards gefordert

„Bemerkenswerterweise haben weder die Berufsgruppe selbst noch die Öffentlichkeit dieser Entwicklung Beachtung geschenkt, weshalb diese auch unerklärt geblieben ist.“, heißt es in der aktuellen US-Studie. Die amerikanischen Wissenschafter rund um Norbert Gleicher fordern daher evidenzbasierte Erklärungen für die Entwicklungen der letzten Jahre sowie die Einführung klarer klinischer Standards. Dieser Forderung schließt sich auch IMABE-Geschäftsführerin Susanne Kummer an: „Vor dem Hintergrund dieser Studie sollten die Qualitätskriterien für IVF-Institute neu überdacht werden.“ Derzeit brauche es als Qualitätskriterium, um Vertragszentrum des österreichischen IVF-Fonds zu werden und Anspruch auf finanzielle Vergütung durch den Staat zu genießen, nur einen Nachweis einer gewissen Anzahl an jährlichen IVF-Versuchen und Schwangerschaftsquoten. „Die Zahl der Lebendgeburten in Korrelation zur Anzahl der Versuche“ werde aber nicht abgefragt, „ebenso wenig die Frage nach Komplikationen oder dem Gesundheitszustand des Kindes und der Mutter“, so Ethikerin Kummer. Hier gäbe es eine „gravierenden Lücke“ in der Dokumentation.

Erfolgsquote in Österreich ebenso rückläufig

Auch Österreich und Deutschland werden in der US-Studie als Länder genannt, in denen es zu einer zunehmenden Industrialisierung im Bereich der Reproduktionsmedizin komme. Laut dem österreichischem IVF-Report 2018 gab es im letzten Jahr erstmals auch in Österreich eine rückläufige Zahl der Geburten bei gleichzeitiger Steigerung der IVF-Versuche. Die Baby-Take-Home-Rate lag offiziell bei 25,7 Prozent. (KL)

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