AT / Reproduktionsmedizin: IMABE kritisiert den IVF-Report

IEF, 8.7.2017 – Seit dem Jahr 2000 steht in Österreich ein Fonds zur Finanzierung der In-vitro- Fertilisation (IVF-Fonds) zur Verfügung, der bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen 70 Prozent der Kosten für vier IVF-Behandlungen übernimmt. Die  Dokumentation  der  durchgeführten  Behandlungen  erfolgt  in  einem bei der Gesundheit Österreich GmbH / Geschäftsbereich (ÖBIG) geführten Register, das auch der Qualitätskontrolle dient. Die ausgewerteten Daten werden einmal jährlich anonymisiert in Form eines Jahresberichts veröffentlicht.

Während Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner im Vorwort des jüngst veröffentlichten IVF-Jahresberichts 2016 positiv beeindruckt scheint und von einer Erfolgsrate von 28,9 Prozent spricht, sieht die Wiener Bioethikerin Susanne Kummer vom Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) die Zahlen kritisch. Laut Bericht hätte sich die Anzahl der in Vertragskrankenanstalten durchgeführten fondsgestützten IVF-Versuche in nur 15 Jahren mehr als verdoppelt – von 4.726 im Jahr 2001 auf 10.097 Versuche im Jahr 2016.Doch nicht die Schwangerschaftsrate, sondern die sogenannte Baby-Take-Home-Rate sei entscheidend, die sich wie auch in anderen Ländern kaum verbessert hat und wesentlich geringer ist. Je nach Berechnungsmethode schwankt sie zwischen 18 und 25 Prozent. Laut Deutschem IVF-Register liegt sie bei nur 19 Prozent.

Wie auch in anderen Ländern sei  die sogenannte Baby-Take-Home-Rate allerdings kaum gestiegen und liege bei nur 18 Prozent, denn entgegen anderer Angaben müsste die Anzahl der Geburten (unabhängig ob Ein- oder Mehrlinge) mit der Anzahl der einzelnen Versuche in Relation gesetzt werden, nicht mit der Anzahl der Paare. Die steigende Anzahl der IVF-Versuche beurteilt Kummer auch in Zusammenhang mit der geringen Erfolgsrate kritisch: „Am reproduktionsmedizinischen Markt werden Hoffnungen geschürt und Versprechungen gemacht, wir haben immer mehr Versuche von künstlicher Befruchtung, geben dafür auch erhebliche Summen aus.Doch am Ende gehen 80 von 100 Frauen ohne Kind nach Hause. Darüber aber redet niemand.“ Bis heute gebe es in Österreich keine gesetzlich verpflichtende psychologische Beratung bei künstlicher Befruchtung, obwohl Studien zeigten, dass die physischen und psychischen Belastungen einer reproduktionsmedizinischen Behandlung von den Betroffenen deutlich unterschätzt werden. Dafür macht die Bioethikerin Säumnisse des Gesetzgebers verantwortlich.

Laut Bericht hätten die in Österreich von 2001 bis 2016 durchgeführten 104.172 Behandlungsversuchen zu 26.814 Schwangerschaften geführt, bei denen es in 26,6 Prozent zu einer Lebendgeburt kam. Pro Lebendgeburt würden im Schnitt 6-7 Embryonen „verbraucht“. Wenn man bedenke, dass vom staatlichen IVF-Fonds für diese Versuche 183 Millionen in IVF-Kliniken geflossen seien, so „ist es in einem Solidarsystem nicht unethisch, über diese Kosten und Folgekosten – zum Beispiel aufgrund des hohen Anteils von Frühgeburten nach IVF – laut nachzudenken“, so Kummer.

Andere wichtige Daten werden im Bericht nicht erwähnt. So habe es 2016 zum ersten Mal IVF-Versuche mit fremden Eizellen gegeben. Ob es bei dieser risikoreichen Form der künstlichen Befruchtung zu Lebendgeburten gekommen sei, ist aus dem Bericht nicht herauszulesen. Außerdem stelle der IVF-Report keinerlei Daten über die niedrige Erfolgsrate, wie etwa die Zahl der viel häufigeren Fehlgeburten oder Totgeburten nach IVF. Auch das Phänomen der selektiven Abtreibung eines Embryos bei Mehrlingsschwangerschaften bleibe unerwähnt. „Ethisch darf nicht unwidersprochen bleiben, dass die Reproduktionsmedizin den Fetozid als selbstverständlichen Teil ihres Angebots darstellt“, betont die Bioethikerin.

Ebenso keinerlei Auskunft gebe es zur Anzahl der sog. „übriggebliebenen“ Embryonen, die tiefgefroren weitergelagert werden. „Sieht man sich die Zahlen der letzten 15 Jahre an, dann wurden alleine in den staatlich subventionierten IVF-Kliniken in Österreich eine halbe Million Embryonen hergestellt, von denen einige für IVF-Versuche verbraucht und andere tief gefroren weitergelagert werden.“, klärt Kummer auf. In Großbritannien seien seit 1991 2,3 Millionen Embryos auf dem Sondermüll entsorgt worden, nachdem sie keine Verwendung mehr gefunden hätten.

„Wenn man im Zuge der künstlichen Befruchtung Embryonen erzeugt – im Schnitt werden in Österreich 9 bis 10 Eizellen zwecks Befruchtung gewonnen – und schon einkalkuliert, dass einige davon übrig bleiben werden, schafft man ethische Probleme, die nicht mehr sinnvoll aufzulösen sind“, betont Kummer und ergänzt: „Der Embryo ist keine Sache. Wer Menschen auf Vorrat produziert, verletzt die Würde der Person.“

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