Abtreibungszahlen
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IEF-Kommentar: Zusammenhang zwischen gesetzlicher Abtreibungsregelung und Abtreibungszahlen

Die gesetzliche Anerkennung der Würde des ungeborenen Lebens schützt dieses und hat das Potenzial Abtreibungszahlen zu senken.

Immer wieder wird von Politikern und Aktivisten behauptet, liberale Regelungen des Schwangerschaftsabbruchs hätten niedrigere Abtreibungsraten zur Folge. Keine oder permissive Gesetze würden also Schwangerschaftsabbrüchen vorbeugen.

Zuletzt kam eine derartige Behauptung von der Tiroler Landtagsabgeordneten der Grünen Zeliha Arslan. Sie sprach sich in der Debatte rund um die Erweiterung des Angebots an Abtreibungsmöglichkeiten in Tirol für die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen an öffentlichen Krankenhäusern aus. Mehr über die Debatte in Tirol erfahren Sie hier.

Mag das Loblied auf liberale Abtreibungsgesetze noch so oft angestimmt werden, entbehrt es doch einer soliden argumentativen Grundlage. Als Vorzeigeland wird von den Proponenten der Liberalisierung gerne Kanada vorgeführt. Wir haben uns die Entwicklung der Abtreibungszahlen in dem nordamerikanischen Land angeschaut und kamen zu dem Ergebnis, dass eine Korrelation, wonach die strafrechtliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs die Abtreibungszahlen erhöhen und eine Entkriminalisierung diese verringern würde, nicht hergestellt werden kann. Unserer Analyse nach haben restriktive Regelungen viel eher das Potenzial die Abtreibungszahlen zu senken.

Am Beispiel Kanadas: Rechtlicher Hintergrund

Der Schwangerschaftsabbruch wurde in Kanada 1988 vom Obersten Gerichtshof aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Seitdem wird Abtreibung dort wie ein regulärer medizinischer Eingriff gehandhabt. Allerdings gibt es eine Reihe von Gerichtsurteilen und Regelungen außerhalb des Strafrechts, die Schwangerschaftsabbrüche tangieren bzw. einschränken.

Am Beispiel Kanadas: Entwicklung der Abtreibungszahlen und mangelhafte Statistik

Nach der Streichung der Abtreibung aus dem Strafgesetzbuch (1988) sind die offiziellen Abtreibungszahlen in den 90er Jahren zunächst gestiegen, um dann wieder abzusinken. Allerdings gab es einen weiteren Anstieg als die Zahlen für die Jahre 2011 bis 2014 nachträglich um zusätzliche in privaten Kliniken in der Provinz Ontario durchgeführte Abtreibungen nach oben korrigiert wurden, die zuvor in der Statistik nicht erfasst worden waren.

1988 1990 1994 1997 2000 2004 2006 2008 2011 2015 2018 2020
72.807 93.049 106.517 111.819 105.699 100.763 91.377 95.876 108.844 100.194 85.195 74.155

Die offizielle Abtreibungsstatistik in Kanada ist insofern unvollständig, als lediglich Krankenhäuser („hospitals“) per Gesetz verpflichtet sind, Abtreibungen zu melden. Eine solche Verpflichtung besteht nicht für private Kliniken („clinics“). Es gibt daher keine validen Zahlen zu medikamentösen Abtreibungen, die hauptsächlich in Kliniken und Arztpraxen („doctor´s offices“) durchgeführt werden. Der Rückgang der Abtreibungszahlen in den letzten Jahren kann daher auch auf den häufigeren Einsatz von Abtreibungspillen und die vermehrte Durchführung von Abtreibungen an Kliniken zurückgeführt werden. Jedenfalls sind die vorhandenen Daten nur bedingt aussagekräftig und lassen nicht den Schluss zu, die Streichung der Abtreibung aus dem Strafgesetzbuch hätte die Abtreibungszahlen in Kanada verringert.

Vergleich zwischen Deutschland und Kanada

Vergleicht man die Abtreibungszahlen der letzten Jahre aus Deutschland, das den Schwangerschaftsabbruch im Strafgesetzbuch regelt, und Kanada, das die Abtreibung aus dem Strafgesetzbuch gestrichen hat, so zeigt sich, dass im liberalen Kanada 17 Prozent und in Deutschland lediglich 10 Prozent von Schwangerschaften mit einer Abtreibung enden. Hinzu kommt, dass auch in Deutschland die Abtreibungszahlen in den letzten Jahren leicht zurückgegangen sind, ohne dass Schwangerschaftsabbrüche entkriminalisiert worden wären. Ein Faktor scheint dabei zu sein, dass die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter rückläufig ist.

Vergleich zwischen Kanada und USA

Laut einer Studie des Guttmacher Instituts und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollen Kanada (Abtreibungsrate 10,1) und die USA (Abtreibungsrate 11,4) zwischen 2015 und 2019 fast gleiche Abtreibungsraten gehabt haben. Laut Guttmacher soll die Abtreibungsrate in den USA jedoch seit dem Anfang der 1990er Jahre um 47 Prozent gefallen sein, während in Kanada nur ein Rückgang von 7,7 Prozent verzeichnet wurde.

Der stärkere Rückgang der Abtreibungszahlen in den USA kann darauf zurückgeführt werden, dass im Unterschied zur Liberalisierung in Kanada, in den USA einige Bundesstaten in den letzten Jahren Pro-Life Gesetze erlassen haben, wodurch der Zugang zur Abtreibung dort stärker eingeschränkt wurde.

Turnaway Study: Wenn Abtreibung verboten ist, werden mehr Kinder geboren

Es wird immer wieder die Behauptung aufgestellt, restriktive Abtreibungsgesetze würden Frauen nicht davon abhalten Schwangerschaftsabbrüche vornehmen zu lassen. Statt auf die legalen Methoden zurückzugreifen, würden Frauen in solchen Fällen auf illegale oder sogenannte „Hinterhof“-Abtreibungen ausweichen. Es gibt jedoch keine glaubwürdigen Beweise dafür, dass der gesetzliche Schutz ungeborenen Lebens die Abtreibungsrate nicht senken würde, auch wenn er Schwangerschaftsabbrüche nicht gänzlich eliminiert. Den Beweis für das Gegenteil liefert hingegen die „Turnaway Study“ (Daten aus den Jahren 2008-2010), die aufgezeigt hat, dass zwei Drittel der Frauen, denen aufgrund der Überschreitung der gesetzlichen Frist die Abtreibung verweigert wurde, ihr Kind zur Welt gebracht haben.

Wenn Studien Äpfel mit Birnen vergleichen

Die Befürworter von liberalen Abtreibungsregelungen stützen sich außerdem auf zwei in The Lancet publizierte Studien, die behaupten, dass weltweit betrachtet Länder mit restriktiven Abtreibungsgesetzen die gleichen Abtreibungsraten aufweisen wie Länder mit liberalen Abtreibungsgesetzen. Problematisch an diesen Behauptungen ist einerseits die Methode mit der Abtreibungszahlen in Pro-Life Ländern geschätzt werden. Andererseits berücksichtigen die Studien keine Störfaktoren und begehen damit einen kausalen Fehlschluss. Es gibt nämlich sehr viele weitere Faktoren, die die Abtreibungsrate abgesehen von Gesetzen beeinflussen können. Dazu gehören etwa Armut, schlechter Zugang zu Verhütungsmitteln etc. Wenn „ähnliche“ Länder miteinander verglichen werden wie etwa Großbritannien und Irland, wird sichtbar, dass Pro-Life Gesetze ganz klar niedrigere Abtreibungsraten zur Folge haben. Hinzu kommt, dass die Anzahl von Schwangerschaften, die in einer Abtreibung enden, auf Kontinenten mit liberalen Abtreibungsgesetzen viel höher ist als auf jenen mit größtenteils Pro-Life Gesetzen (Kontinente mit Pro-Choice Gesetzen: 69 Prozent, Kontinente mit Pro-Life Gesetzen: 48 Prozent).

Strafrechtliche Verbote bringen moralisches Urteil mit sich

Allein der Hausverstand lässt erkennen, dass ein Angebot auch die Nachfrage schafft und dass gesetzlich erlaubtes Verhalten öfter gesetzt wird, als strafrechtlich sanktioniertes. Mit dem strafrechtlichen Verbot wird nämlich auch ein moralisches Urteil assoziiert: „Es ist nicht gut, Kinder abzutreiben“. Wird dieses Verbot aufgehoben, schwindet das Bewusstsein für das Unrecht – vor allem bei einer gesellschaftlich vorherrschenden Überhöhung der Selbstbestimmung und einer ideologisch betriebenen „Entmenschlichung“ von ungeborenen Kindern.

Ungeborenes Leben bedarf einer gesetzlichen Anerkennung seiner Würde

Übrigens wurde bezeichnenderweise auch im Zusammenhang mit dem Sklavenhandel eine ähnliche Behauptung wie bei der Regelung von Abtreibungen erhoben. „Wenn der Sklavenhandel legal bleibt, kann man ihn besser regulieren und Sklaven bessere Bedingungen beispielsweise auf Schiffen sichern“, lautete die damalige Devise. Doch angenommen diese Behauptungen hätten einen wahren Kern, es hätte schlicht der Würde der verschleppten und versklavten Menschen widersprochen, wenn ihre Würde nicht auch per Gesetz anerkannt worden wäre. Deshalb muss auch die Würde des ungeborenen Lebens im Gesetz verankert werden. (AH)

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