
Gewalt beginnt selten mit Gewalt
IEF, 06.05.2026 – Berater-Jour-fixe zum Thema Gewaltschutz
Beim Berater-Jour-fixe des Instituts für Ehe und Familie am 6. Mai stand ein Thema im Mittelpunkt, das in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung immer wieder begegnet – oft sichtbar, noch öfter aber verborgen: Gewalt. Unter dem Titel „Gewalt: erkennen – handeln – vorbeugen!“ gab Günter Ebenschweiger, langjähriger Polizist und Experte für Gewaltprävention, Einblicke in Dynamiken von Gewalt, Möglichkeiten der Prävention und Herausforderungen für die Beratungspraxis.
Ebenschweiger war 41 Jahre lang Polizist in Graz und beschäftigt sich seit den 1980er-Jahren intensiv mit Gewaltprävention. Was damals noch kaum als eigenständiges Arbeitsfeld bekannt war, ist heute angesichts von sexualisierter Gewalt, Mobbing, Cyber-Grooming und Radikalisierungsprozessen aktueller denn je. Sein Zugang ist geprägt von jahrzehntelanger Praxis: vom Blick hinter die Kulissen des Lebens, dorthin, wo Gewalt nicht erst mit einer Anzeige oder sichtbaren Verletzung beginnt.
Gewalt beginnt selten mit dem ersten Schlag
Eine zentrale Botschaft des Vortrags lautete: Gewalt beginnt selten mit dem ersten Schlag. Sie beginnt oft viel früher – mit Grenzverschiebungen, Abhängigkeiten, Isolation, Kontrolle, Einschüchterung, Liebesentzug oder sprachlicher Abwertung. Gerade psychische Gewalt werde häufig nicht erkannt, weder von Betroffenen noch vom Umfeld. In der Beratung zeigt sich dies besonders deutlich: Klientinnen und Klienten kommen oft erst dann, wenn bereits viel geschehen ist. Viele suchen Unterstützung, um eine Entscheidung zu treffen, sich zu trennen oder wieder handlungsfähig zu werden. Präventiv kommen Betroffene hingegen deutlich seltener.
Für die Familienberatung ist diese Erkenntnis wesentlich. Gewalt ist nicht immer klar benennbar. Sie zeigt sich manchmal nur in einem unguten Gefühl, in widersprüchlichen Erzählungen, in Angst, Rückzug oder Überanpassung. Kinder, die Gewalt in der Familie miterleben, sind dabei nicht bloß „Zeugen“. Sie hören, sehen und spüren, was geschieht. Gewalt prägt Bindungen, Rollenbilder und Beziehungsmuster. Ebenschweiger sprach in diesem Zusammenhang von intergenerativer Gewalt: Kinder lernen an den Rollenmodellen ihrer Eltern – Buben häufig am Vater, Mädchen häufig an der Mutter. Umso wichtiger sei es, nicht erst dann zu handeln, wenn Gewalt strafrechtlich greifbar wird.
Ein eindrückliches Bild des Vortrags war die Geschichte vom schwarzen Punkt auf einem weißen Blatt Papier. Die meisten Menschen sehen sofort den schwarzen Punkt – das sichtbare Ereignis, den Übergriff, die Eskalation. Prävention aber bedeutet, auch das weiße Blatt wahrzunehmen: all das, was vorher da war, aber nicht gesehen wurde. Die Unsicherheit. Die kleinen Grenzverletzungen. Die zunehmende Kontrolle. Die Isolation vom sozialen Umfeld. Genau dort liegen Chancen, früher hinzuschauen und früher Unterstützung anzubieten.
Im Austausch mit den teilnehmenden Beraterinnen und Beratern wurde deutlich, dass besonders psychische und verbale Gewalt in der Praxis herausfordernd sind. Sie sind schwerer nachweisbar als körperliche Gewalt und werden häufig verharmlost. Abwertende Bemerkungen, Drohungen, Kontrolle, Stalking, emotionale Abhängigkeit oder die Instrumentalisierung von Kindern können massive Auswirkungen haben – auch wenn sie nach außen lange unsichtbar bleiben. Gerade hier braucht es eine geschärfte Wahrnehmung und eine Sprache, die Betroffenen hilft, das Erlebte einzuordnen, ohne sie zu überfordern.
Bedeutung von Kontaktaussagen in der Beratung
Ebenschweiger betonte die Bedeutung sogenannter Kontaktaussagen. Statt direkt zu fragen: „Werden Sie geschlagen?“ oder „Sind Sie Opfer von Gewalt?“, könne eine behutsame Ich-Botschaft einen Gesprächsraum öffnen: „So wie wir hier miteinander sprechen, nehme ich viel Traurigkeit wahr.“ Oder: „Ich höre da auch Angst heraus.“ Solche Aussagen vermeiden Druck und Vorwurf. Sie lassen Betroffenen die Entscheidung, ob und wie weit sie erzählen möchten. Gerade in Gewaltkontexten ist dieser achtsame Zugang entscheidend, denn zu schnelles Vorgehen kann dazu führen, dass Menschen den Kontakt abbrechen.
Gleichzeitig verwies der Vortrag auf das Dilemma professioneller Helferinnen und Helfer: Gewalt wartet nicht. Beratung braucht daher eine Balance zwischen Geduld und Handlungssicherheit. Wer Gewalt vermutet, muss aufmerksam bleiben, ohne vorschnell zu handeln. Wer Betroffene zum Sprechen ermutigt, muss zugleich transparent machen, was mit dem Erzählten geschieht. Besonders Kinder brauchen die Sicherheit, dass Erwachsene verantwortungsvoll, behutsam und verlässlich mit Informationen umgehen. Ein bloßes „Du kannst mir alles erzählen“ reicht nicht. Kinder und Jugendliche müssen wissen, was danach passiert.
Sekundärviktimisierung
Ein weiterer wichtiger Begriff war die Sekundärviktimisierung. Sie entsteht, wenn Betroffene erneut verletzt werden – etwa, weil ihnen nicht geglaubt wird, weil Hilfe ausbleibt, weil Verfahren scheitern oder weil Erwartungen geweckt werden, die nicht erfüllt werden können. Für die Beratung bedeutet das: Jede Intervention muss sorgfältig vorbereitet und ehrlich kommuniziert werden. Betroffene brauchen Stärkung, Orientierung und realistische nächste Schritte, nicht zusätzlichen Druck.
Drei Ebenen der Prävention
Ebenschweiger unterschied drei Ebenen der Prävention. Universelle Prävention richtet sich an alle: etwa durch Elternbildung, Aufklärung über gesunde Beziehungen, Kinderrechte und gewaltfreie Erziehung. Selektive Prävention setzt dort an, wo Risikofaktoren sichtbar werden – etwa bei Isolation, familiärem Stress, Angstzuständen, Rückzug oder ersten aggressiven Beziehungsmustern. Indizierte Prävention beginnt dort, wo Gewalt bereits konkret geworden ist und Intervention notwendig wird. In Österreich, so Ebenschweiger, werde noch zu häufig erst auf der letzten Ebene reagiert. Nötig seien niederschwellige Angebote, die Familien und ihr soziales Umfeld früher erreichen.
Gerade für Ehe-, Familien- und Lebensberaterinnen und -berater ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: Gewaltprävention ist nicht nur Krisenintervention. Sie beginnt im genauen Hinhören, im Wahrnehmen leiser Signale, im Ernstnehmen von Unsicherheit, in der Stärkung von Beziehungskompetenz und in der Ermutigung, Hilfe rechtzeitig anzunehmen. Beratung kann Räume schaffen, in denen Menschen Worte finden für das, was sie erleben – und in denen erste Schritte aus Ohnmacht, Angst und Isolation möglich werden.
Der IEF-Berater-Jour-fixe zeigte eindrücklich: Gewaltschutz ist nicht nur eine Frage des Eingreifens, sondern auch eine Frage des frühen Erkennens. Wer nur den schwarzen Punkt sieht, kommt oft zu spät. Wer aber lernt, das ganze Blatt wahrzunehmen, kann dazu beitragen, dass Gewalt früher sichtbar wird – und Menschen früher Unterstützung finden.
Informationen zu unseren nächsten Berater-Jour fixe und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie unter https://www.ief.at/berater-jour-fixe/. Die nächsten Themen lauten:
- 17.6.2026: Wie Familien den Kriegspfad verlassen und Beratende den Weg zum Frieden ebnen können – effektive Tools aus der Mediationspraxis (Mag. Adelheid Beer)
- 7.10.2026: Wenn die Trennung Grenzen überschreitet – Familienrecht mit Auslandsbezug (Mag. Robert Protic)
- 18.11.2026: Erben ohne Rosenkrieg – wie ist das möglich? (Mag. Sandra Barton)
(DP)


