
Für immer Du – und „trotzdem frei“?
In einer Kultur, die den Menschen häufig als Wesen mit möglichst vielen offenen Optionen versteht, erscheint die Entscheidung für eine einzige Person zunächst wie eine Einschränkung. Wer sich bindet, verzichtet schließlich auf viele andere Möglichkeiten.
Das im Herbst veröffentlichte vatikanische Dokument „Una caro – Lob der Monogamie“ des Dikasteriums für die Glaubenslehre greift dieses Spannungsverhältnis auf. Es reagiert auf Entwicklungen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten – etwa auf die Verbreitung von Polygamie in manchen Regionen ebenso wie auf neue Beziehungsmodelle im Westen, darunter offene Beziehungen oder Polyamorie. Ausgehend von Heiliger Schrift, Philosophie und Poesie sucht das Dokument nach Motivationen für eine lebenslange und exklusive Bindung.
Im Zentrum stehen dabei Fragen wie: Lohnt es sich, sich dauerhaft an einen einzigen Menschen zu binden? Ist eine solche Entscheidung Ausdruck von Freiheit oder eher eine Überforderung?
Im Folgenden einige Überlegungen, die sich aus dem Dokument ergeben.
Christliche Ehe: Zwei Personen – ein „Wir“
Die christliche Tradition versteht die Ehe als Einheit von zwei Menschen, die eigenständige Personen bleiben und zugleich ein neues „Wir“ werden. Dieses „Wir“ entsteht aus der freien Entscheidung, zueinander zu gehören und das eigene Leben miteinander zu teilen.
Zugleich verweist diese Gemeinschaft über sich selbst hinaus: In der gegenseitigen Hingabe von Mann und Frau spiegelt sich etwas von der Liebe Gottes wider – eine Liebe, die frei, treu, bedingungslos und lebensspendend ist.
Una Caro („ein Fleisch“) betont, dass die Ehe eine so umfassende und intime Beziehung ist, dass sie nicht mit anderen geteilt werden könne. Von den beiden wesentlichen Eigenschaften der Ehe, der Einheit und der Unauflöslichkeit, begründe die erste die zweite. Ein „Wir“ sei von Natur aus auf Beständigkeit angelegt.
Hl. Augustinus: Eheliche Einheit als gemeinsamer Weg
Augustinus von Hippo beschreibt die Einheit, die ein Ehepaar bildet, eindrücklich: Gott habe sie nicht als Fremde verbunden, sondern die eine Person aus der anderen geschaffen.
Eheliche Gemeinschaft bedeute mehr als bloßes Zusammenleben: Zwei unterschiedliche Personen gehen einen gemeinsamen Weg, teilen ein Ziel und fördern einander im Wachstum auf diesem Weg.
Freiheit in Beziehung
Gerade hier berührt die Frage nach der Ehe als lebenslange Gemeinschaft und lebenslanger Weg einen zentralen Begriff unserer Zeit: die Freiheit.
Steht die Bindung an ein „Du“ im Widerspruch zur individuellen Freiheit oder kann sie gerade ihr tiefster Ausdruck sein?
Antworten darauf finden sich in der theologischen und philosophischen Tradition, wie sie auch in Una Caro aufgegriffen werden.
Nach diesem Verständnis zeigt sich Freiheit darin, sich auf andere einzulassen und dabei als „Ich“ Gestalt zu gewinnen.
Liebe als Sich-Schenken
Auch die Gedanken des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard werden in Una Caro aufgegriffen: Der Mensch verwirkliche sich nicht im Bei-sich-Bleiben, sondern indem er aus sich selbst heraustritt. Liebe wird in diesem Zusammenhang als Hingabe verstanden, die den Menschen aus seiner Selbstbezogenheit herausführt.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Die gegenseitige Zugehörigkeit ist im christlichen Verständnis kein Verlust von Freiheit, sondern Ausdruck der menschlichen Fähigkeit, über sich selbst hinauszugehen und sich zu schenken.
Ein Blick auf den gängigen Freiheitsbegriff kann dies weiter verdeutlichen: Häufig verstehen wir Freiheit zunächst als „Freiheit von“ – als Unabhängigkeit von äußeren Bindungen. Daran schließt sich die „Freiheit zu“ an – die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Optionen zu wählen. Doch darin erschöpft sich menschliche Freiheit nicht. Ihre eigentliche Tiefe erreicht sie dort, wo sie zur „Entscheidung für“ wird.
Auf die Ehe bezogen: Aus dem freien und bedingungslosen „Ja“ eines Paares zueinander entsteht ein konkreter Raum der Liebe, der über die Zeit wachsen kann und beide in ihrer Person formen kann.
Die Zumutung der Liebe
Die Theologin Alice von Hildebrand bezeichnet die eheliche Liebe zwischen Mann und Frau als „Höhepunkt der menschlichen Berufung“. Die Ehe sei konkreter Ausdruck Gottes und damit auch ein konkreter Ort der Selbsthingabe. Damit ist auch eine Dimension der Liebe angesprochen, die herausfordert.
Selbsthingabe verlangt die Bereitschaft, sich zurückzunehmen und das Wohl des anderen an die erste Stelle zu setzen. Das ist anspruchsvoll. Wer sich bindet, setzt sich aus: der unberechenbaren Veränderung des anderen, möglichen Enttäuschungen und Krisen. Liebe ist nicht planbar. Sie verlangt Vertrauen, Geduld und die Bereitschaft, an einer Zusage festzuhalten auch dann, wenn sie sich nicht unmittelbar bestätigt oder von positiven Gefühlen getragen wird.
Gesunder Realismus
Umso wichtiger sei ein realistischer Blick auf die christliche Ehe, so Papst Franziskus, der davor warnte, die eheliche Beziehung so zu idealisieren, als müsse sie im Alltag vollkommen verwirklicht werden. Es sei nicht angemessen, „zwei begrenzten Menschen die gewaltige Last aufzubürden“, die vollkommene Liebe Gottes stets nachzubilden. Die Ehe sei vielmehr als ein dynamischer Prozess von Stufe zu Stufe zu verstehen.
Schwierigkeiten, Krisen und Brüche gehören zur Wirklichkeit von Beziehungen dazu. Entscheidend ist nicht die vermeintliche Fehlerlosigkeit, sondern die Beständigkeit – der Wille, gemeinsam weiterzugehen und die Entscheidung, immer wieder neu „Ja“ zu sagen.
Zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit
Dass trotz aller Herausforderungen eine lebenslange, exklusive Liebe weiterhin als erstrebenswert gilt, zeigt sich auch empirisch: In der österreichischen Ö3-Jugendstudie geben 66 Prozent der Befragten an, sich in Zukunft verheiratet zu sehen. Für 73 Prozent gehört Treue wesentlich zu einer Partnerschaft. Modelle ohne exklusive Bindung bleiben demgegenüber deutlich in der Minderheit.
Diese Zahlen verweisen auf etwas Grundsätzliches:
Wie diese Spannung zwischen Freiheit und Bindung heute verstanden und gelebt werden kann, wird im Rahmen unserer Dialog-Veranstaltung „Für immer Du“ am 16. Juni thematisiert. Mehr Infos >>hier.
Sabrina Montanari


