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Frieden beginnt mit einer Entscheidung

IEF, 17.06.2026 – Berater-Jour-fixe zu Konflikteskalation und Mediation

Wie können Familien aus verhärteten Konfliktmustern aussteigen und wieder zu einer konstruktiven Gesprächsbasis finden? Dies war die zentrale Frage beim Berater-Jour-fixe des Instituts für Ehe und Familie am 17. Juni. Unter dem Titel „Wie Familien den Kriegspfad verlassen und Beratende den Weg zum Frieden ebnen können“ vermittelte Mag. Adelheid Beer praxisnahe Zugänge aus Mediation und gerichtlicher Streitbeilegung.

Beer ist langjährige Richterin und Mediatorin sowie Vorsitzende der Fachgruppe „Einigung – alternative Streitbeilegung bei Gericht“ der Richtervereinigung. Aus ihrer Erfahrung im Gerichtssaal weiß sie, wie schnell Konflikte eskalieren können – und wie wertvoll die Arbeit von Beraterinnen und Mediatorinnen ist, bevor ein Streit vor Gericht landet. Denn ein Gerichtsverfahren, so Beer, sei für die Beteiligten häufig nicht bloß ein rechtlicher Schritt, sondern eine erhebliche weitere Eskalation.

Der liebende Blick

Zu Beginn erzählte Beer die Geschichte vom „liebenden Blick“. Ein König deutet das Verhalten seiner geliebten Frau zunächst ausschließlich positiv: Dass sie seine Kutsche unerlaubt verwendet, erscheint ihm als Ausdruck ihrer aufopfernden Liebe. Dass sie ihm eine bereits angebissene Frucht reicht, gilt für ihn als Zeichen besonderer Zuneigung. Jahre später, als seine Liebe erloschen ist, bewertet er dieselben Handlungen jedoch vollkommen anders.

Die Geschichte verdeutlicht, was in vielen Konflikten geschieht: Nicht nur das Verhalten des anderen wird zum Problem. Auch die Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit und die Deutung früherer Handlungen verändern sich. Was einmal als liebenswert erlebt wurde, erscheint plötzlich rücksichtslos, berechnend oder verletzend.

Diese veränderte Wahrnehmung macht es den Beteiligten zunehmend schwer, die Sichtweise des Anderen überhaupt noch zu hören. Genau hier liegt eine wichtige Aufgabe professioneller Begleitung: Beratende können wahrnehmen, übersetzen und einordnen, was die Konfliktparteien selbst aufgrund ihrer Verletzungen und festgefahrenen Sichtweisen nicht mehr erkennen können.

Krieg oder Frieden

Eine Einigung könne nicht erzwungen werden, betonte Beer. Am Beginn müsse daher eine klare, freiwillige Entscheidung stehen: Wollen die Beteiligten den Weg des Gegeneinanders fortsetzen oder wollen sie versuchen, einen Friedensweg einzuschlagen?
Damit diese Entscheidung verantwortlich getroffen werden kann, sei es wichtig, die Alternativen realistisch aufzuzeigen. Viele Menschen wüssten nicht, was ein Gerichtsverfahren tatsächlich bedeute: lange Wartezeiten, mehrere Verhandlungstermine, hohe Kosten, belastende Einvernahmen, mögliche Sachverständigengutachten, die Unsicherheit der Beweiswürdigung und eventuell weitere Verfahren vor höheren Instanzen.
Auch wer von der eigenen Position vollkommen überzeugt sei, könne den Ausgang nicht sicher vorhersehen. Fest stehe nur, dass nicht beide Seiten zu hundert Prozent gewinnen können, so Beer. Zu den finanziellen Kosten kommen Lebenszeit, Energie, schlaflose Nächte und das Gefühl, die Gestaltung des eigenen Konflikts an Dritte abzugeben.

Gerichte können Entscheidungen treffen. Höchstpersönliche Konflikte lösen können sie jedoch nur begrenzt. Gerade Eltern müssen gerichtliche Regelungen anschließend im Alltag leben. Dafür braucht es zumindest ein Mindestmaß an Kommunikation und Kooperation.

Wenn Konflikte immer weiter abwärts führen

Anhand der neun Eskalationsstufen nach Friedrich Glasl zeigte Beer, wie Konflikte schrittweise an Schärfe gewinnen. Am Anfang stehen Spannungen und unterschiedliche Wahrnehmungen. Die Beteiligten sind aber noch überzeugt, dass Gespräche und Argumente zu einer Lösung führen können.

Auf den nächsten Stufen werden Gespräche zu Debatten. Es geht zunehmend darum, recht zu behalten und den anderen unter Druck zu setzen. Schließlich gilt das Motto „Taten statt Worte“: Anwaltsschreiben, Klagen oder andere Druckmittel sollen den anderen zur Vernunft bringen.
Mit fortschreitender Eskalation entstehen starre Schwarz-Weiß-Bilder. Die eigene Seite erscheint ausschließlich gut und vernünftig, die Gegenseite ausschließlich schlecht und uneinsichtig. In der von Beer als „Rosenkrieg-Stufe“ bezeichneten Phase wird schließlich auch die gesamte gemeinsame Vergangenheit neu bewertet. Der andere sei, so die Überzeugung, eigentlich immer schon egoistisch, lieblos oder bösartig gewesen.

Noch weiter unten folgen Drohungen und Gegendrohungen. Die Beteiligten glauben häufig dennoch, vollkommen rational zu handeln. Auf den höchsten Stufen geht es nicht mehr darum, selbst etwas zu gewinnen. Die Schädigung des anderen wird zum eigentlichen Ziel – selbst wenn dafür ein eigener Verlust in Kauf genommen werden muss.

Bei sehr hoch eskalierten Konflikten stoßen Beratung und Mediation an ihre Grenzen. Dennoch beobachtet Beer auch nach jahrelangen Auseinandersetzungen immer wieder unerwartete „Einigungsfenster“. Manchmal entstünden sie aus Erschöpfung oder „Kriegsmüdigkeit“, manchmal durch eine neue unbeteiligte Person oder einen veränderten Gesprächsrahmen. Solche Fenster lassen sich nicht erzwingen. Wenn sie sich öffnen, sollten sie jedoch wahrgenommen und genutzt werden.

Beratende als Übersetzer

„Wir sind Übersetzerinnen und Übersetzer“, fasste Beer eine zentrale Aufgabe der Beratung zusammen. Konfliktparteien können bestimmte Aussagen häufig nicht mehr unvoreingenommen aufnehmen. Eine Äußerung wie „Das mit der Garage ist ein schwieriges Thema“ wird dann sofort als neuer Angriff verstanden. Beratende können unterbrechen und eine andere Deutung anbieten: Vielleicht bedeutet der Satz lediglich, dass dieses Thema für eine Seite besonders sensibel ist.

Solche Übersetzungen schaffen einen kleinen Abstand zur unmittelbaren Abwehr. Dabei geht es nicht darum, einer Seite recht zu geben. Es geht darum, weitere mögliche Bedeutungen in den Raum zu stellen: „Ich höre gerade etwas anderes“ oder „Nehmen Sie es zunächst nur als eine Möglichkeit“.
Auch Pausen können eine wirksame Intervention sein. Sie geben den Beteiligten Gelegenheit, ihre Entscheidung zu überprüfen, sich zu sammeln oder sich mit einer anwaltlichen Vertretung zu beraten. Ebenso kann bewusstes Schweigen im gemeinsamen Raum etwas in Bewegung bringen.

Voraussetzung bleibt jedoch die Bereitschaft der Beteiligten. Beratung kann Engagement fördern, aber nicht ersetzen. „Ich kann nicht mehr wollen als Sie“, lautet ein Satz, den Beer in solchen Situationen verwendet. Manchmal bewirke gerade diese Klarheit, dass Menschen doch noch einen ersten Schritt wagen.

Erfahrungsschätze in der Beratung heben

Im Erfahrungsaustausch der Teilnehmenden wurden zahlreiche weitere hilfreiche Zugänge gesammelt: die Ressourcen einer Familie sichtbar machen, Konflikte normalisieren, gemeinsame Ziele herausarbeiten, Gefühle und Bedürfnisse spiegeln, unterschiedliche Sichtweisen wiederholen lassen und danach fragen, was die jeweils andere Person als Mutter oder Vater gut macht.

Als hilfreich wurden auch kleine, konkrete Fragen beschrieben: Woran würden Sie erkennen, dass eine gute Lösung gefunden wurde? Was wäre das schlimmstmögliche Ergebnis? Was soll hier keinesfalls geschehen? Was können Sie selbst dazu beitragen, dass sich die Situation um einen kleinen Schritt verbessert?

Gerade bei verhärteten Positionen können kleine Bewegungen mehr bewirken als große Forderungen. Zugleich müsse anerkannt werden, dass nicht jede Intervention in jedem Fall funktioniert. Eine besondere Herausforderung bleibt es, auch in hoch emotionalen Konflikten die professionelle Äquidistanz zu bewahren.

Der Kinderbaum und das innere Team

Als konkretes Werkzeug für die Arbeit mit getrennten Eltern stellte Beer den „Kinderbaum“ vor. Die Eltern zeichnen gemeinsam einen Baum als Symbol für ihr Kind oder ihre Kinder. Anschließend halten sie fest, was der Baum benötigt, um wachsen und gedeihen zu können: Liebe, Sicherheit, Geborgenheit, klare Regeln, Zeit, gesunde Ernährung oder Kontakt zu beiden Elternteilen.
Fast immer werden dabei zahlreiche Gemeinsamkeiten sichtbar und der Fokus wird auf die Kinder gelenkt. Anstatt weiter um einzelne Stunden oder Übergaben zu kämpfen, richtet sich der Blick wieder ganz auf die Bedürfnisse der Kinder.
Danach schätzen die Eltern auf einer Skala ein, wie gut es den Kindern und ihnen selbst derzeit geht. Das Ziel ist nicht, sofort eine Zehn zu erreichen, sondern einen einzigen Schritt weiterzukommen. Beide überlegen, was sie selbst dafür tun können. Zusätzlich dürfen sie einen „klitzekleinen“, realistisch erfüllbaren Wunsch an die andere Person richten. Gerade solche kleinen Vereinbarungen können Vertrauen und Handlungsfähigkeit langsam wieder wachsen lassen.
Ein zweites Werkzeug war das „Innere Team“ nach Friedemann Schulz von Thun. Menschen tragen häufig verschiedene, einander widersprechende Stimmen in sich: die Verletzte, den Ängstlichen, die Ehrgeizige, den Erschöpften, die Vernünftige oder den Versöhnlichen. Jede dieser Stimmen verfolgt ein Anliegen und sollte gehört werden.
Entscheidend ist eine innere Leitung, die diese Anteile nicht bekämpft, sondern ihre Bedürfnisse wahrnimmt und zu einer tragfähigen Entscheidung zusammenführt. Das Modell eignet sich für die Einzelberatung ebenso wie zur Selbstreflexion von Beratenden. In einer praktischen Übung zeichneten die Teilnehmenden ihre eigenen inneren Teams und erlebten, wie dadurch Reaktionen verständlicher und Entscheidungen klarer werden können.

Zusammenfassung

Das IEF-Berater-Jour-fixe zeigte eindrücklich: Deeskalation ist kein einzelner Satz und keine Methode, die immer funktioniert. Sie braucht eine klare Entscheidung, einen verlässlichen Rahmen, realistische Informationen und Menschen, die geduldig übersetzen, unterbrechen und den Blick auf gemeinsame Ziele zurückführen.
Nicht jede Welt kann gerettet werden. Doch selbst in langjährigen Konflikten können sich Fenster öffnen. Wer sie erkennt und Familien frühzeitig dabei unterstützt, wieder kleine Schritte aufeinander zuzugehen, kann dazu beitragen, dass aus Gegnern erneut Gesprächspartner werden – und der Weg vom Kriegspfad zurück an einen gemeinsamen Tisch möglich wird.
Termine und nähere Informationen zu unseren kommenden Berater-Jour-fixes finden Sie auf der Website des IEF. Melden Sie sich gerne gleich an!
Themenüberblick:
  • 7.10.2026: Wenn die Trennung Grenzen überschreitet – Familienrecht mit Auslandsbezug (Mag. Robert Protic, Richter)
  • 18.11.2026: Erben ohne Rosenkrieg – wie ist das möglich?
    (Mag. Sandra Barton, Notarsubstitutin)

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