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FR / Gender: Künftig kein schriftliches Gendern an Schulen

IEF, 24.5.2021 – Das Gendern behindere das Lesen und Erlernen der französischen Sprache.

Wie unter anderen die FAZ berichtet, hat Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer (LaREM) Anfang Mai per Erlass die Nutzung der gendergerechten Schriftsprache im Bildungsministerium sowie an allen Schulen verboten. Begründend führte er vor der französischen Nationalversammlung aus, dass die Pünktchenwörter zur Umsetzung der geschlechtergerechten Sprache zu komplex seien und damit das Lesen sowie das Erlernen der französischen Sprache behindern würden. Vor allem Schüler mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche würden sich damit schwertun.

Pünktchen, Sternchen, Binnen-I

 Während im Deutschen mittels Sternchen oder Binnen-I gegendert wird, bedienen sich die Franzosen mit Pünktchen versehener Begriffe wie „député.e.s“ (Parlamentarier*innen) oder „électeur.rice.s“ (Wähler*innen). Bereits 2017 hatte sich die Académie française als oberste Hüterin des Französischen, deren Aufgabe die „Vereinheitlichung und Pflege“ der französischen Sprache ist, gegen die „inklusive Schrift“ zu Gunsten einer „Verständlichkeit und Klarheit“ ausgesprochen. Anstoß für die damalige Debatte hatte ein Schulbuch gegeben, dass in gendergerechter Sprache verfasst war. Im Zuge der Diskussion hatte der damalige Premierminister Edouard Philippe die französischen Ministerien angewiesen, künftig keine genderneutralen Formen zu verwenden.

Kein Ausdruck von Gleichstellung

 Wie Blanquer betonte, müsse die Gleichstellung von Mädchen und Buben als Vorstufe zur Gleichstellung von Frauen und Männern in den Schulen „aufgebaut, gefördert und gewährleistet werden“. Die dazu vorgesehenen Maßnahmen seien Teil eines umfangreichen Aktionsplans für Chancengleichheit, der insbesondere die „Schulung des Lehrpersonals, die Vermittlung einer Kultur der Gleichberechtigung, den Kampf gegen sexistische und sexuelle Gewalt und eine Orientierungspolitik zugunsten einer größeren Geschlechtervielfalt in Studiengängen und Berufen“ umfasse. Berufe und andere Funktionen sollen daher – so sieht es der Erlass vor – künftig, wenn sie von Frauen ausgeübt werden, auch in der weiblichen Form genannt werden.

„Inklusive“ Sprache behindert Chancengleichheit

 Das Erlernen und Beherrschen der französischen Sprache, das im Mittelpunkt der Mission der Schule stehe, trage, so der Bildungsminister, dazu bei, Stereotypen zu bekämpfen und garantiere Chancengleichheit für alle Schüler. Das so genannte „inklusive Schreiben“ behindere jedoch die Bemühungen von Schülern mit Lernschwierigkeiten und sei daher, anders als das Wort „inklusiv“ vermuten lasse, ein Hindernis für den Zugang zur Sprache für Kinder mit bestimmten Behinderungen oder Lernschwierigkeiten.

Zuspruch im deutschen Sprachraum

Während die französische Bildungsgewerkschaft SUD Blanquer umgehend vorwarf, der „pädagogischen Gemeinschaft seine eigene Rückständigkeit aufzuzwingen“, erhielt die Entscheidung des Bildungsministers auch außerhalb Frankreichs Zuspruch, etwa vom deutschen CDU-Politiker Friedrich Merz. Wie dieser gegenüber dem Spiegel betonte, halte er den wachsenden Zwang zum Gebrauch von geschlechtergerechter Sprache für „rechtlich angreifbar“. „Es gibt nach meiner Wahrnehmung einen kulturellen Konsens in der Republik – die überwiegende Mehrheit der Menschen lehnt die Gendersprache ab.“ Die Franzosen hätten „offenbar ein besseres Feingefühl für den kulturellen Wert ihrer sehr schönen Sprache“, so Merz. Gerade in gesellschaftlich verantwortungsvollen Positionen „kann das nicht jeder so machen, wie er das vielleicht gerne hätte“. Auch der Bildungssprecher der Wiener FPÖ, Klubobmann Maximilian Krauss, forderte in einer Aussendung ein Gender-Verbot in Österreich nach dem Vorbild Frankreichs: Das „Binnen-I“ sei vorwiegend eine „Alibi-Aktion von Genderfanatikern“, bringe Frauen aber „keine echten Verbesserungen“.

Generisches Maskulinum

Damit setzt Frankreich einen wichtigen Schritt in der seit Jahrzehnten heftig geführten Diskussion um die Sinnhaftigkeit „geschlechtergerechter“ Sprache, die weltweit geführt wird. So unterwarf sich der US-amerikanische Kongress mit dem Amtswechsel zu Präsident Joe Biden einer besonders ausgeprägten neuen Sprachregelung, nach der auch Begriffe wie „Onkel“ oder „Neffe“ nicht mehr verwendet werden sollten (Das IEF hat berichtet). Die Social Media Plattform „Instagram“ räumt ihren Usern ein, bei ihrem Profil anzugeben, mit welchen Pronomen sie angesprochen werden wollen. Und für große Kritik sorgt das jüngste Projekt des prestigeträchtigen Wörterbuchverlags Duden, in Zukunft bei Berufsbezeichnungen auf das generische Maskulinum zu verzichten und z.B. unter „Arzt“ nur noch einen männlichen Vertreter des Arztberufes zu verstehen. Wie das IEF berichtet hat, führte diese Ankündigung zu einem Aufruf des Vereins der Deutschen Sprache zur Rettung derselben. Die Petition „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ wurde bisher von beinahe 40.000 Internetnutzern unterzeichnet.

Die deutsche Sprache zeichnet sich aufgrund der Möglichkeit des generischen Maskulinums als integrative Sprache aus. Wie etwa Wikipedia erläutert, bezeichnet das generische Maskulinum „die sexusindifferente (von lateinisch indifferens „unbestimmt, gleichgültig“) oder geschlechtsneutrale Verwendung maskuliner Substantive oder Pronomen. Hierbei werden beispielsweise grammatisch maskuline Personen- oder Berufsbezeichnungen, von denen sich auch eine feminine Form ableiten lässt, generisch (also verallgemeinernd) für Personen verwendet, deren biologisches Geschlecht entweder unbekannt, nicht von Bedeutung oder (im Plural) gemischt ist.“ Das generische Maskulinum ist somit die „Fähigkeit maskuliner Personenbezeichnungen, geschlechtsabstrahierend verwendet zu werden“. An dieser Stelle sei unterstrichen, dass der weit überwiegende Teil der Kritiker der Verwendung „geschlechtergerechter“ Sprache durchaus die Absicht der Befürworter teilen, weitreichender Gleichstellung zwischen den Geschlechtern zu erreichen und Stereotype abzubauen. Die Kritik wendet sich also nicht gegen die Absicht, sondern gegen die Methode. Oder wie etwa Stephanie Merckens, Juristin am Institut für Ehe und Familie (IEF), meint: „Ziel sollte sein, dass auch unsere Ganglien geschlechtsabstrahierend verwendet werden können und nicht nur maskuline Personenbezeichnungen. Als Frau könnte man es ja durchaus auch als endgültige Unterwerfung unter das Patriarchat verstehen, wenn man sich einreden lässt, dass generische Maskulina nur Männer umfassen würden.“(KL)

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