DE / Lebensende: Evangelische und Katholische Kirche distanzieren sich von Beteiligung an Sterbehilfe

IEF, 01.02.2021 – Klare Ablehnung gibt es für den Vorstoß einiger evangelischer Theologen, die kirchliche Institutionen für Sterbehilfe offen sehen wollen.

In einem Gastkommentar in der FAZ sprachen sich drei bekannte Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland dafür aus, Sterbehilfe auch an kirchlichen Institutionen zu ermöglichen. Ihrer Meinung nach könne es auch eine Aufgabe kirchlich-diakonischer Einrichtungen sein, neben einer bestmöglichen medizinischen und pflegerischen Versorgung auch bestmögliche Rahmenbedingungen für eine Wahrung der Selbstbestimmung bereitzustellen. Es erscheine daher möglich, abgesicherte Optionen eines assistierten Suizids in den eigenen Häusern anzubieten oder zumindest zuzulassen und zu begleiten, heißt es unter anderem in dem Gastkommentar. “Anstatt durch eine Verweigerung Suizidwillige dazu zu zwingen, sich auf die Suche nach – möglicherweise durchaus eigennützig und nicht im Interesse des Lebensschutzes handelnden – Organisationen zu machen, dürfte es sehr viel eher Ausdruck verantwortlichen Handelns sein, entsprechende Möglichkeiten durch besonders qualifizierte interdisziplinäre Teams in den Einrichtungen zuzulassen”, meinen Reiner Anselm, Vorsitzender der Kammer für öffentliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Ulrich Lilie, Präsident des evangelischen Wohlfahrtsverbands Diakonie, und Isolde Karl, Theologie-Professorin an der Ruhr Universität Bochum.

Der Gastkommentar ist eine Antwort auf das am 26.02.2020 verkündete Urteil zum Verbot der geschäftsmäßigen Beihilfe zum Suizid des deutschen Bundesverfassungsgerichts (lesen Sie dazu die Analyse des Urteils von Dr. Stephanie Merckens/IEF) mit einer ganz klaren Forderung: Der Ansicht der Autoren zufolge muss Sterbehilfe in kirchlichen Alten- und Pflegeheimen aufgrund des hoch angepriesenen Selbstbestimmungsrechts eines jeden möglich gemacht werden. Scharfe Kritik ließ nicht lange auf sich warten.

Evangelische Kirche distanziert sich

 Postwendend distanziert sich die Evangelische Kirche Deutschland klar von dem Papier. „Jede organisierte Hilfe zum Suizid, die dazu beiträgt, dass die Selbsttötung zur Option neben anderen wird, lehnt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ausdrücklich ab“, sagte ein EKD-Sprecher. Die EKD setze sich für den Schutz des Lebens ein und stehe dabei auch an der Seite derer, die aufgrund von Erkrankungen oder einer anderen Notsituation keinen anderen Ausweg als die Selbsttötung sähen. Dieser tragischen Situation wolle die EKD durch die Bereitstellung palliativer Versorgung, Seelsorge, Beratung und die Arbeit der Hospize entgegenwirken, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete.

Theologe kritisiert kategorische Verweigerung

 Durch den Aufschrei vieler fühlt sich Reiner Anselm, Mitverfasser des Gastkommentars, gründlich missverstanden und möchte über den Kommentar aufklären. Gemeinsam mit seinen Co-Autoren möchte Anselm klarstellen, dass man den assistierten Suizid nicht fördern wolle, ganz im Gegenteil. „Wir würden gerne mit den Menschen ins Gespräch kommen“. Eine Beratung zum Thema Sterbehilfe müsse auch in kirchlichen Einrichtungen möglich sein. Verweigere man das den Betroffenen, so fürchtet Anselm, dass die Menschen das mit sich selbst ausmachen würden und dann irgendwo anders assistierten Suizid in Anspruch nähmen. Den assistierten Suizid in kirchlichen Einrichtungen kategorisch zu verweigern sei deswegen der falsche Weg.  Früher oder später werde es in Deutschland ein Gesetz geben, das den assistierten Suizid regelt. Die Kirche solle sich dann als Ansprechpartner nicht ausschließen, so Anselm gegenüber BR 24. Dass es nun so dargestellt werde, als würde man eine eigene Sterbehilfeorganisation gründen, könne der evangelische Theologe nicht verstehen, denn darum könne es wirklich überhaupt nicht gehen.

Zurücklassen in Einsamkeit und Verzweiflung

 Marcus Schlemmer, Chefarzt auf der Palliativstation des Krankenhauses „Barmherzige Brüder“ in München kann den Aussagen des Theologen nicht beipflichten. Auf der Station mit 32 Betten begleiten Schlemmer und sein Team Menschen beim Sterben. Der Wunsch eines Patienten, zu sterben, komme immer wieder vor. „Die allermeisten nehmen jedoch von dem Wunsch Abstand, wenn sie merken, dass sie aufgefangen werden“, so Schlemmer. Den Vorschlag der evangelischen Theologen sehe er problematisch. Kirchliche Einrichtungen seien seiner Meinung nach nicht dafür prädestiniert. „Wenn ich sage, ich mache das Angebot eines assistierten Suizids, ich gebe dir ein Gift, dann lasse ich den Menschen in seiner Einsamkeit und Verzweiflung zurück und ich versuche nicht, ihm in den Nöten zu begegnen, die ich möglicherweise lindern kann“, so der Palliativmediziner.

Druckausübung auf Menschen

 Ähnlich kritisch sieht der katholische Weihbischof von Augsburg, Anton Losinger, die Forderung der Theologen. Gemeinsam mit Reiner Anselm sitzt er im Bayerischen Ethikrat.  Sterbehilfe in kirchlichen Einrichtungen fände er schwierig, denn wenn die Suizid-Begleitung zum Normalfall werde, könnte das Menschen unter Druck setzen und sie auch unbewusst in eine Spur bringen, in der sie anderen nicht zur Last fallen wollen“, fürchtet Losinger. Mit dieser Forderung sei eine schiefe Ebene begründet, die den Ball der aktiven Sterbehilfe auf fatale Weise beschleunige und ins Rollen bringe. Sie erfordere Einspruch und Einhalt, mahnt der Bischofsvikar für Bioethik und Sozialpolitik laut CNA. Er fordere eine Neubewertung der Lebenssituation von Menschen, die Suizidabsichten entwickeln. In den wenigsten Fällen handle es sich um eine verantwortliche Tat der Freiheit. In den meisten Fällen sei es ein Hilferuf an die Gesellschaft. Gute Pflege, professionelle Palliativversorgung und Ausbau der Hospizidee seien die Instrumente, so Losinger. Zudem habe Kurienkardinal Walter Kasper bereits im August 2020 der Auffassung des evangelischen Landesbischofs von Hannover, Ralf Meister, widersprochen, dass aktive Sterbehilfe theologisch zu rechtfertigen sei, wie CNA berichtete. Die Kirche habe eine Wächterrolle. Es sei ihre Aufgabe, die schwierigen menschlichen Situationen rechtzeitig wahrzunehmen und sich schon im Vorfeld als Anwältin, Helferin und Beschützerin des Lebens zu präsentieren, so Kasper. Auch Papst Franziskus stellt sich klar gegen Euthanasie und alle Formen von Sterbehilfe (das IEF hat berichtet) und verurteilt sie als theologisch nicht rechtfertigbar.

Weiterer Co-Autor korrigiert sich

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung spricht sich der Mitverfasser des umstrittenen Kommentars, Ulrich Lilie, gegen die eigene Inanspruchnahme des assistierten Suizids aus. Dass die Verfasser in ihrem Kommentar geschrieben haben, dass die Beratung bezüglich Sterbehilfe „neutral“ sein müsse, ärgere den Theologen im Nachhinein. Es müsse „ergebnisoffen, aber wertegebunden“ heißen, denn natürlich wäre man nicht neutral in diesen Fragen, berichtigt Lilie. (TS)

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