Charles J. Chaput, OFMCap

Napa Institut, 27. Juli 2017

 

Wenn man einige Jahre damit verbringt, ein Buch wie Strangers in a Strange Land[1] zu schreiben, wird das Gehirn schließlich zum Magneten: Es beginnt, alle Arten von Daten zu sammeln wie Metallsplitter, die wichtig erscheinen, aber irgendwie nicht ganz zusammenpassen.

 

Hier ein Beispiel: Ein Drittel der amerikanischen Männer entwickeln früher oder später eine  Angststörung. Ebenso 40 % der Frauen. Mehr als 70 % der jungen amerikanischen Bevölkerung sind derzeit körperlich oder geistig für den militärischen Dienst untauglich. Mindestens ein Drittel der Hochschüler können selbst kurz vor Studienabschluss nicht zusammenhängend argumentieren, und das an unseren besten Unis und nach jahrelanger elitärer Ausbildung. Beinahe die Hälfte der amerikanischen Männer haben durch sexuell übertragene Viren verursachte Genitalinfektionen. Und 16 % der Frauen in der Marine kehren nach einem Einsatz an Bord eines Schiffes schwanger zurück. Der letzte Satz braucht nicht näher erklärt werden. Das liegt in der Natur des Menschen.

 

Alle diese Aussagen sind wahr. Sie entstammen alle dem Wall Street Journal und der Nachrichten- und Presseagentur AP[2]. Aber sie sind nicht unbedingt bedeutsam. Wir könnten ebenso leicht eine Handvoll guter Nachrichten in genau denselben Quellen finden.

 

Was will ich damit sagen?

 

Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Benjamin Disraeli hat den berühmten Satz gesagt: „Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, verdammte Lügen und Statistiken.“ Informationen  können wahr sein ohne die ganze Wahrheit zu sagen. Wir leben in einer – wie Peter Drucker es formuliert hat – ersten Wissensökonomie. Ein ganzer Niagarafall an Fakten prasselt in einem 24-Stunden-7-Tage-die-Woche-Takt, also rund um die Uhr, auf uns ein. Aber Wissen ist nicht dasselbe wie Verstehen.

 

Wissen ist nicht Weisheit. Weisheit, und nicht das Wissen, bildet den Rahmen für ein vollständiges menschliches Leben und somit für die Bauweise des inneren Friedens. Die Heilige Schrift ist das Wort Gottes, und im Buch Kohelet sowie bei den Sprüchen erfahren wir, dass

die Worte des Weisen, der ruhig ist, […] besser [sind] als das Geschrei eines Führers unter
Narren.
[…] Weisheit ist mächtiger als die Macht und besser als die Waffen des Krieges (Kohelet
9,16-18).

„[Die] Weisheit ist wertvoller als die kostbarste Perle, unvergleichlich mehr als alles, was ihr euch               erträumt.“ (Sprüche 8,11) Wer auf Gott hört, wird vertraut mit dem, was richtig, gerecht und gut ist.       So kann man ein Leben führen, das Gott gefällt. Man erlangt Weisheit und lernt, das Leben zu        meistern; darüber wird man sich selbst am meisten freuen. (nach Sprüche 2,10[3])

 

Und das bringt uns zu unserem Thema diesen Morgen. Meine Aufgabe heute ist es, darüber zu referieren, was als Nächstes kommt. Ich möchte einige Gedanken vorstellen, wie man als Katholik in einer Welt leben kann, die sich als radikal verändert erweisen kann. Es gibt gute Nachrichten und weniger gute. Die weniger gute Nachricht ist, dass eine „neue“ Welt nicht automatisch eine gute Welt bedeutet – oder nicht einmal eine etwas bessere Welt. Die gute Nachricht ist, dass wir die Welt gestalten. Augustinus sagte, dass es keinen Sinn hat, über vergangene Zeiten zu jammern, weil wir die Zeit sind. Es kommt auf unsere Handlungen an. Es kommt auf unsere Entscheidungen an. Durch unser Handeln wirkt Gott in der Gesellschaft und wird das Evangelium Jesu Christi weitergegeben. Daher müssen wir diese Mission verinnerlicht haben. Und nur wenn wir uns dieser Aufgabe bewusst sind, wird sich alles zum Besseren wenden.

 

Ich werde heute eine kurze Rede halten: Ich werde einen Überblick darüber geben, wo wir als Gesellschaft stehen. Dann werde ich einige Worte darüber verlieren, wie man sich in einer Welt zurechtfindet, so wie sie sich gerade um uns herum auftut. Und ich werde zum Schluss einige Gründe nennen, warum dieser Zeitpunkt in unserer Geschichte – trotz all seiner Herausforderungen –  wie geschaffen ist für Christen.

 

Wir leben nicht in einer Zeit, in der man sich in ein stilles Kämmerlein zurückziehen sollte. Vielmehr müssen wir uns für unsere Welt einsetzen und sie umwandeln. Und bei dieser Arbeit haben wir allen Grund auf Gott zu vertrauen und in ihm Hoffnung zu finden. Wenn Sie nach dieser großartigen Konferenz hier in Napa noch etwas Zeit übrig haben, empfehle ich Ihnen das Apostolische Schreiben Evangelii Gaudium, „Die Freude des Evangeliums“, von Papst Franziskus zu lesen und dafür zu beten. Es ist ein hervorragender Text, voller Energie, sehr einfach zu lesen, und ich denke, der beste Text bisher in seinem Ponitifikat.

 

Franziskus erinnert uns daran, wie wichtig es ist, an den Sieg Christi zu glauben und unsere Herzen zu erheben. Wir müssen die Welt und ihre Probleme sehen wie sie wirklich  sind. Sonst können wir nichts erreichen. Aber wir dürfen uns durch nichts in der Welt die Freude verderben lassen. Durch das Sakrament der Taufe, das unsere Wiedergeburt in Jesus Christus symbolisiert, wird die Freude zu unserem Geburtsrecht. Halten wir uns an diese Freude, halten wir uns an Gott, so wird alles möglich.

 

Versuchen wir nun die gegenwärtige Kultur und die Seelsorge, mit der wir es zu tun haben, zu verstehen. Jene von euch, die mein Buch Strangers gelesen haben, werden einiges darin wiedererkennen. Aber es zahlt sich aus, sich mit dem Buch ein weiteres Mal zu beschäftigen. Ich werde im Folgenden den Inhalt meines Buches auf elf einfache Beobachtungen reduzieren:

 

 

1.) Bevölkerung und Nationen ändern sich permanent. Veränderung ist etwas Natürliches und so lange gesund, als sie sich organisch aus dem Vergangenen entwickelt und in einem Tempo erfolgt, das die Leute verdauen und aufnehmen können.

 

2.) Die Art und das Tempo der Veränderungen, wie wir sie derzeit in unserer Gesellschaft vorfinden, hat es noch nie jemals zuvor gegeben. Diese Veränderungen erfolgen außergewöhnlich schnell und werden auch immer schneller. Für die meisten Menschen sind diese Veränderungen  zu radikal, um sie leicht in ihren Alltag integrieren zu können.

 

3.) All dies führt zu einem Gefühl von Unstetigkeit und Verwirrung. Die letzten 60 Jahre waren gekennzeichnet durch eine Reihe von Brüchen bezüglich dessen, was „Amerika“ und „Amerikaner sein“ bedeutet.

 

4.) Es gibt eine Vielzahl an Gründen für diese Verwirrung. Aber zu den wichtigsten zählen Veränderungen – und nicht nur „Veränderungen“, sondern Umwandlungen – in unserer Rechtsphilosophie, unseren sexuellen Sitten, unserer Demografie, unserem Weltbild bezüglich Erziehung sowie Veränderungen in Wirtschaft und Technik.

 

5.) Wir können nicht in die guten alten Zeiten zurückkehren. Das ist zum Teil, weil uns die Nostalgie immer in die Irre führt – schließlich hatten die guten alten Zeiten auch genügend Schattenseiten – und teilweise, weil die Kluft zwischen der amerikanischen Kultur im Jahr 1957 und der im Jahr 2017 zu groß und zu tief ist, als dass sie überbrückt werden könnte. Die Welt und unser Land sind heute gänzlich andere Orte als wir ältere Generation sie in unserer Erinnerung haben. Amerika ist heute eine deutlich weniger biblisch beeinflusste, eine deutlich stärker säkularisierte Nation, als sie das zur Zeit ihrer Gründung war. Und unsere moralische Sicht davon, wer wir sind und was unser Leben bedeutet, ist wesentlich bruchstückhafter.

 

6.) Die Antibabypille und die Trennung der Sexualität von der Fortpflanzung haben die grundlegende Bedeutung der Sexualität verändert. Hier ist anzumerken, dass der gleichgeschlechtliche Aktivismus nun weiterläuft auf einem moralischen Engagement für Lesben- und Schwulenrechte und deren sozialen Akzeptanz. Dabei geht es nicht nur um Akzeptanz, sondern um Zustimmung. Aus biblischer Sicht ist dieses Engagement ein Fehler. Die Argumente für religiöse Freiheit und erotische Freiheit leiten sich ab von zwei sehr unterschiedlichen Ideen davon, wer die menschliche Person ist und was unsere Sexualität bedeutet. Aber eine moralische Leidenschaft, auch wenn sie falsch ist, ist immer sehr mächtig. Daher sind Zugeständnisse an die nominelle Gleichstellung von Homosexuellen nicht mehr genug. Das ist der Grund, warum der Leiter und Finanzier der Bewegung „Rechte für die Homosexuellen“, Tim Gill, jetzt darauf besteht, „die Bösen zu bestrafen“ – d.h. dich und mich.

 

7.) Demokratie treibt Gleichheit voran, indem Ungerechtigkeiten und soziale Ungleichheiten abgeflacht werden. Aber es geht viel weiter als das. Sie tendiert auch dazu, Unterschiede und Hierarchien jeder Art abzuflachen. Wenn die Demokratie ohne religiösen Glauben angeführt wird, verflacht sie auch den menschlichen Geist, weil jede Art von göttlicher Transzendenz oder hervorragender menschlicher Qualität auch eine Art  Ungleichheit mit einschließt. Aus diesem Grund sagte Alexis de Tocqueville, dass Demokratie nicht nur eine neue und andere Art an politischer Ordnung hervorbringe, sondern eine neue und andere Art der Menschlichkeit.

 

8.) Demokratie ist dazu da, um die Freiheit des Individuums sicherzustellen. Das ist eine gute Sache. Aber die Demokratie kann sehr leicht feindlich gesinnt sein gegenüber jeglicher Verpflichtung, die die Individuen nicht aus sich heraus eingehen oder auswählen. Als Christen erfinden wir nicht unsere eigenen Geschichten. Wir sind Teil einer viel größeren, heiligen Geschichte, die uns mit der Gemeinschaft der Heiligen über alle Zeiten und Kontinente hinweg verbindet. Und das schafft ein politisches Problem. Familien, Gemeinden, Kirchen – sie alle erlegen dem Einzelnen prä-existente, aus der christlichen Glaubenslehre stammende Pflichten auf. Verpflichtungen, die ihre Freiheit beschränken und lenken. Deshalb sind diese Leute –  die Christen – verdächtig und können schließlich attackiert werden.

 

9.) Die Technik bringt – trotz all ihrer Vorteile – auch etliche ernsthafte Probleme mit sich. Wir benützen sie als Werkzeuge, aber unsere Werkzeuge benützen auch uns. Sie formen die Art wie wir denken, die Art wie wir handeln und die Art, wie wir die Welt sehen. Der technische Mensch betrachtet die Welt nicht als ein Geschenk Gottes – mit  eigenem Zweck und eigener Bedeutung, um geschätzt und verwaltet zu werden – sondern als eine Sammlung an leblosem Material, das organisiert werden muss und benützt werden kann. Und dieses „Nützlichkeitsdenken“ wirkt sich auch auf die Art aus, wie wir die Umwelt, andere Lebewesen, andere Menschen, unseren eigenen Körper sowie uns selbst behandeln.

 

Derzeit gibt es große Anstrengungen in Unternehmen und im medizinischen Bereich, um Fortschritte bei künstlicher Intelligenz und Gen-Spleißen zu erzielen. Facebook erforscht gerade – und das ist kein Witz – wie man mit Telepathie seine Freunde benachrichtigen und seine News-Feed aktualisieren kann. Und China hat nun eine landesweite Kampagne gestartet, die alle seine Bürger mit Gesichtserkennungs-Technologie aufzeichnen und verfolgen soll, um deren Verhalten besser verstehen und beeinflussen zu können.

 

Wenn unsere Schlagzeilen behaupten, dass „Intelligente Maschinen uns befreien werden“ und „Die Gene-Editoren gerade gestartet werden“, sollten wir vorsichtig sein. Diese beiden Artikel hat das Wall Street Journal  erst in den letzten paar Monaten veröffentlicht.

 

10.) Wir Amerikaner sind besonders anfällig für diese Art technologischen Denkens, denn wir waren immer ein zutiefst praktisches, pragmatisches und erfinderisches Volk – Eigenschaften, die wir aus unserer puritanisch kalvinistischen Vergangenheit beziehen, auch aus der Notwendigkeit heraus, sich einen neuen, rauen Kontinent untertan zu machen. Amerikaner lösen materielle Probleme besonders gut. Das ist es, worin wir gut sind. Und wir beurteilen instinktiv unseren Wert nach materiellem Erfolg.

 

  1. und letzter Punkt: Die Wirklichkeit ist viel größer und reichhaltiger als wir mit unseren Instrumenten messen und mit unseren Sinnen erfassen können. Aber wir üben uns darin, nicht an die Wirklichkeit von etwas zu glauben, das sich jenseits unserer Instrumente und Sinne befindet. Das bedeutet, dass Wissenschaft und Technik niemals wirklich neutral sind. Sie beginnen immer mit dem unausgesprochenem Vorurteil, dass die Welt, die sie messen und beweisen können, die einzig wahre Welt ist, deren wir uns sicher sein können. Das führt dazu, dass andere wichtige Arten des Lernens und der Weisheit, wie die Geisteswissenschaften, als irgendwie weniger sachlich und glaubwürdig herabgesetzt werden. Und damit beginnt der menschliche Geist langsam zu verhungern.

 

Das ist der derzeitige Stand der Dinge. Das ist also die Flugbahn, auf der wir uns gegenwärtig befinden. Es ist unangenehm, solche Sachen zu hören. Schwere Herausforderungen bedeuten schwierige Lösungen. Aufgeben ist immer leichter als dafür zu kämpfen, woran wir glauben, und dafür zu leben, von dem wir wissen, dass es richtig ist. Feigheit löst einen Konflikt – zumindest kurzfristig. Aber es lässt die vielen Tausenden jungen katholischen weltlichen und geistlichen Führer, die es jetzt schon in unserem Land gibt, alleine zurück. Ich kenne viele von ihnen. Und sie kommen zu uns, um sich an einem Vorbild orientieren zu können und um Unterstützung zu erhalten.

 

Was sollen wir also in unserer Situation machen? Wie können wir gewissenhaft nach dem Evangelium leben in so einer völlig neuen Kultur? Es ist Teil unserer amerikanischen DNS, einen ausgeklügelten strategischen Plan haben zu wollen, um der Kirche wieder jenen Einflussbereich zukommen zu lassen, den sie früher hatte. Aber Kulturen sind keine Unternehmen oder mathematische Aufgaben. Sie sind lebende Organismen. Es gibt keine schnelle Lösung der Probleme, die wir selbst verursacht haben. Denn die Kultur, die wir haben, ist eine Kultur, die wir durch unsere Begehrlichkeiten, Zerstreuungen und Kompromisslösungen entstehen ließen.

 

Der einzige Weg, neues Leben in einer Gesellschaft zu schaffen, wird dadurch erreicht, indem wir unser Leben in Freude leben und fruchtbar sind, als Individuen, die von Überzeugungen geleitet werden, die größer sind als wir und geteilt werden mit Leuten, die wir kennen und lieben. Es ist ein Weg, der sehr einfach und sehr schwierig zugleich ist. Aber es ist der einzige Weg, um eine nachhaltige Änderung herbeizuführen.

 

Wenn junge Leute mich fragen, wie man die Welt verändern kann, so sage ich ihnen, sie sollen einander lieben, heiraten, einander treu bleiben, viele Kinder haben und diese Kinder im christlichen Glauben zu Männern und zu Frauen erziehen. Der Glaube ist eine Saat. Sie geht nicht über Nacht auf. Es erfordert Zeit und Liebe und Mühe. Geld ist wichtig, aber es ist niemals das Wichtigste im Leben. Die Zukunft gehört den Leuten mit Kindern, nicht jenen mit materiellen Dingen. Dinge rosten und gehen kaputt. Aber jedes Kind ist ein Universum an Möglichkeiten, das bis in die Ewigkeit reicht, und unsere Erinnerung und unsere Hoffnungen auf ein Zeichen der Liebe Gottes über die Generationen hinweg verbindet. Das ist es, was wichtig ist. Darauf kommt es an. Die Seele eines Kindes ist für immer – für die Ewigkeit.

 

Wenn Sie das Antlitz Europas in 100 Jahren sehen wollen, von einem Wunder einmal abgesehen, dann schauen Sie in die Gesichter junger muslimischer Immigranten. Der Islam hat eine Zukunft, weil der Islam an Kinder glaubt. Ohne einen transzendenten Glauben, der das Leben zu einem lebenswerten Leben macht, gibt es keinen Grund Kinder zu gebären. Und wo es keine Kinder gibt, da gibt es keine Phantasie, keinen Grund sich aufzuopfern, und keine Zukunft. Mindestens sechs der ranghöchsten Politiker Europas haben überhaupt keine Kinder. Ihre Welt geht mit ihnen zu Ende. Es ist schwer, das Gefühl zu unterdrücken, dass weite Teile Europas bereits tot sind oder gerade sterben ohne es zu wissen.

 

Aber hier haben wir noch Zeit. Und hier, in diesem Raum, was können wir heute noch anfangen zu tun?

 

Die Hölle wurde auf viele Arten beschrieben, angefangen von einer seelenlosen Bürokratie, einem feuerlodernden Ofen, bis hin zu einem Eissee. Aber ich glaube, C.S. Lewis[4] hat die Hölle in seinen Romanen am besten beschrieben, wenn er sagt, dass die Hölle der Lärm ist. Wenn das wahr ist, und ich denke das ist es, dann machen wir viel von unserem modernen Leben, das wir teilen, auch dadurch zur Hölle, indem wir Zwietracht säen, Verwirrung stiften und unser Leben mit Lärm füllen. An jedem Tag ist jede einzelne unserer Entscheidungen ein Ziegelstein im Bau des Himmels oder der Hölle, den wir für uns im nächsten Leben errichten. Und wir werden das niemals verstehen, wenn wir nicht den Lärm abschalten, der uns mit all unseren Konsumängsten und -begierden einhüllt.

 

Ruhe ist das Wasser in der Wüste der modernen Sehnsucht. Gott sprach zu Elijah nicht in der Majestät des Sturmes, sondern mit leiser Stimme, die man nur in der Stille hört. Wenn Kardinal Robert Sarah über „die Kraft der Stille“ schreibt – sein Buch „Die Kraft der Stille“ ist im Übrigen grandios, erschienen ist es im Verlag Ignatius Press, kaufen Sie es![5] – erinnert er uns daran, dass Gott die Welt erneuert, indem er zuerst jede einzelne, wertvolle und unsterbliche Person in der Ruhe seiner oder ihrer Seele erneuert. Gott ist nicht außerhalb Welt. Wir machen es nur unmöglich ihn zu hören. Daher ist die wichtigste Aufgabe eines christlichen Lebens heutzutage, den Stecker herauszuziehen, die Stille, die es uns ermöglicht, Gottes Stimme zu hören, herauszufiltern, und damit Raum zu schaffen für das Gespräch, das wir Gebet nennen.

 

Wenn wir nicht beten, können wir Gott weder verstehen noch lieben. C.S. Lewis erinnert uns daran, dass wir verkörperte Geister sind. Unsere Körper sind Teil unseres Gebetes. Wir können und wir sollten jederzeit und überall beten. Nur das Niederknien in der Anbetung, irgendwann am Tag, bestätigt, dass der Gott Israels der Gott ist, der unzählige Sterne gemacht hat. Es hilft, dass wir uns an Gottes Worte erinnern, die er Hiob verkündet hat: „Wo warst du, als ich das Fundament der Erde legte?“ (Hiob 38,4). Unsere Demut im Gebet ist ein Akt der Gerechtigkeit. Ehrfurcht vor dem Herrn – die Achtung und Anbetung, die unserem Schöpfer gebührt – ist der Anfang der Weisheit. Und Weisheit, wie ich schon vorhin ausgeführt habe, bildet den Rahmen für ein erfülltes menschliches Leben.

 

Aus diesem Grund müssen wir Ruhe schaffen. Wir müssen beten. Und wir müssen lesen – vor allem das Wort Gottes, aber auch unsere Geschichte, Biographien und gute Literatur in Form großartiger Romane. Wenn wir nicht lesen, verdammen wir uns selbst zu einer chronischen Torheit und fallen einer Konditionierung durch die Massenmedien, die kein Verständnis für unseren Glauben haben, leichter zum Opfer. Das Fernsehen ist  kein Kanal für ernsthafte Gedanken: Sehr oft ist es genau das Gegenteil. Und das Internet ist, trotz all seiner Vorteile, nur allzu oft eine Quelle für Einsamkeit. Die vom Videoportal Hulu ausgestrahlte US-amerikanische Fernsehserie The Handmaid’s Tale[6], die auf Margaret Atwoods gleichnamigem feministischen Roman basiert, ist heuer für 13 Emmy Awards nominiert. Die Serie ist sehr clever und gut gemacht. Inhaltlich ist sie jedoch sehr anti-religiös. Der Punkt ist der: Wenn wir unsere Köpfe mit Gift und Schrott zumüllen, schaden wir uns selbst, indem wir uns dumm und sprachlos, und somit letztlich wütend machen.

 

Zu guter Letzt sollten wir kritisch gegenüber der Welt sein, mit einem offenen Auge durch die Welt gehen, und sie gleichzeitig mit unserem Glauben befüllen. Das bedeutet, dass wir unsere christliche Mission, die ein wichtiges Zeichen der christlichen Nächstenliebe ist, energisch und mit voller Kraft vorantreiben müssen. Das bedeutet aber auch, dass wir beginnen müssen uns politisch zu engagieren und damit nicht aufhören dürfen politisch aktiv zu bleiben. Wir können nicht den Himmel auf Erden herab holen. Aber wir können diese Welt zumindest ein bisschen liebevoller, freier, barmherziger und gerechter machen, einfach und allein schon durch unser missionarisches Auftreten in der Öffentlichkeit.

 

Deshalb ist der Einsatz von Organisationen, die die Religionsfreiheit fördern, wie Becket Law und Alliance Defending Freedom (ADF) so dringend notwendig. Die Mitarbeiter von ADF und Becket sind die wahren Helden von heute, indem sie unsere Religionsfreiheit sichern. Und ich hoffe, dass heute jene unter euch, die die finanziellen Möglichkeiten dazu haben, deren Arbeit großzügig unterstützen. Wenn Sie etwas Sinnvolles und dringend Notwendiges tun wollen, um das Reich Gottes voranzutreiben, dann ist es sicher eine gute Sache damit zu beginnen, diesen Organisationen zu helfen.

 

Ich möchte damit enden, dass es Gründe zur Hoffnung gibt, und das führt mich zu zwei Bibelstellen aus der Osterzeit, die mir als besonders bedeutsam ins Auge gesprungen sind, während ich mich auf diese Rede heute vorbereitet habe: Das sind die Apostelgeschichte (Apg) 17,15-22 und 18,1 sowie Joh 16,12-15.

 

In der Stelle aus der Apostelgeschichte ist Paulus nach Athen gereist. Ich zitiere den Text:

 

Paulus [..] wurde […] zornig über die vielen Götterstatuen in [Athen]. Er sprach in der Synagoge            zu den Juden und den Griechen, die zum jüdischen Glauben übergetreten waren. Außerdem    predigte er an jedem Tag auf dem Marktplatz zu den Menschen, die gerade vorbeikamen. Bei einer    solchen Gelegenheit kam es zu einem Streitgespräch mit einigen Philosophen, und zwar mit    Epikureern und Stoikern. Einige von ihnen meinten: „Dieser Mann ist doch ein Schwätzer!“, andere sagten: „Er scheint von fremden Göttern zu erzählen.“ Denn Paulus hatte von Jesus und seiner           Auferstehung gesprochen. Weil die Philosophen mehr über die neue Lehre erfahren wollten,             nahmen sie den Apostel mit vor den Areopag, den Gerichtshof von Athen. „Was wir von dir hören, ist      alles neu und fremd für uns“, erklärten sie Paulus. „Wir möchten gern mehr davon wissen.“ Denn       sowohl die Athener als auch die Fremden in dieser Stadt beschäftigten sich am liebsten damit, Neuigkeiten zu erfahren und weiterzuerzählen. Da stellte sich Paulus vor alle, die auf dem Areopag       versammelt waren, und rief: „Athener! Mir ist aufgefallen, dass ihr euren Göttern mit großer Hingabe     dient; denn ich habe in eurer Stadt viele Heiligtümer gesehen.“ (Apg 17, 16-22)

 

            „Bald darauf verließ Paulus Athen und reiste nach Korinth.“ (Apg 18,1)

 

Die Verse aus der Apostelgeschichte beschreiben eine Welt, wie wir sie auch heute vorfinden, und erinnern uns an die permanente Aktualität des Evangeliums. Sie sind auch eine Darstellung des Mutes, wie Apostel Paulus, der bedeutendste Missionar des Christentums, das Evangelium im intellektuellen Zentrum Athens predigt. Die Juden nennen ihn einen Ketzer. Die Heiden spotten über die Auferstehung und halten ihn für verrückt. Aber Paulus lässt sich nicht abhalten von seiner Überzeugung. Er erkennt, dass sein Publikum ungestillten Hunger nach dem Göttlichen hat. Er weigert sich, still zu sein oder auch Angst zu haben. Stattdessen ergreift er das Wort und predigt das Evangelium. Obgleich er Athen scheinbar gescheitert verlässt und nach Korinth geht, hat er es geschafft, die Saat des Glaubens zu säen, und schließlich wächst diese Saat zu einer Kirche mit tiefen Wurzeln heran.

 

In der Stelle im Johannesevangelium sagt Jesus, der weiß, dass er seiner Kreuzigung in Jerusalem entgegengeht, zu seinen Aposteln,

 

            „Ich hätte euch noch viel mehr zu sagen, aber jetzt würde es euch überfordern. Wenn aber der   Geist der Wahrheit kommt, hilft er euch dabei, die Wahrheit vollständig zu erfassen. […] Auch was            euch in Zukunft erwartet, wird er euch verkünden.“ (Joh 16,12-13)

 

Die Worte des Evangeliums erinnern uns daran, dass die Zukunft Gott gehört. Und wir sollten dem Heiligen Geist vertrauen, der uns zum Geist der Wahrheit führt. Wir brauchen keine Angst vor der Zukunft zu haben. Wir müssen die Zukunft nicht kennen, bevor sie da ist. Was wir jedoch brauchen, ist das Vertrauen in den Herrn, und wir sollten unsere Herzen öffnen für den Vater, der uns liebt. Die Zukunft liegt in seiner Hand.

 

Ich werde meinen Vortrag mit einer Geschichte abschließen: Eine Freundin von mir war Studentin in Frankreich 1967/68 an der Katholischen Universität des Westens[7]. Eines Tages besichtigte ihre Klasse ein Schloss im Loire-Tal. Die Dozentin führte sie in einen Saal mit einem riesigen Stück Stoff, der viele Meter von einer Wand zur anderen hing. Und auf diesem Stoff waren Hunderte hässliche Knoten und ein richtiges Gewirr an einzelnen Fäden, die gleichzeitig ein Chaos verschiedener Formen miteinander bildeten, die aber alle zusammen keinen Sinn ergaben. Und die Dozentin sagte, „Das ist genau das, was auch der Künstler gesehen hat, als er an diesem Kunstwerk gearbeitet hat.“

 

Dann führte sie meine Freundin und ihre Klasse zur Vorderseite des Stoffes. Und was sie sahen, ist der wunderbare Wandteppich der Apokalypse des Johannes, der Geschichte der Offenbarung des Johannes in 90 gewaltigen Tafeln. Geschaffen wurde dieses Kunstwerk zwischen 1377 und 1382. Es ist eines der atemberaubendsten und schönsten Kunstwerke des Mittelalters und gehört zu den größten künstlerischen Errungenschaften des europäischen Erbes.

 

Was die Dozentin damit sagen wollte: Wir sehen nicht alle Folgen unserer guten Taten in unserem Leben. So vieles, was wir machen, scheint ein Wirrwarr an Frustrationen und Misserfolgen zu sein. Wir sehen auf dieser Seite des Gobelins nicht das Muster bzw. die Bedeutung, die unser Glaube webt. Aber eines Tages werden wir auf der anderen Seite stehen. Und an diesem Tag werden wir die Schönheit erkennen, die Gott uns zu seiner großen Schöpfungsgeschichte hinzufügen ließ, die Offenbarung seiner Liebe, über alle Zeiten hinweg, egal ob es gute oder schlechte Zeiten sind. Und deshalb ist unser Leben bedeutsam.

 

Daher sage ich euch: Bewahrt euch den Glauben. Vertraut dem Herrn. Und glaubt an seine Liebe.

 

Danke, und der Herr segne euch.

 

 

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Für das Übersetzen der Bibelstellen wurden verwendet:

  • Hoffnung für alle – Die Bibel; Basel 2011 (alle Stellen außer Kohelet)

 

  • Kohelet 9, 16-18 (Einheitsübersetzung):
  • 16 Wissen ist besser als Macht, aber das Wissen des Armen gilt nichts, und niemand will seine Worte hören. 17 Bedächtige Worte von Gebildeten hört man sich lieber an als das Geschrei des Herrschers der Ungebildeten, 18 und Wissen ist besser als Waffen, aber ein Einziger, der falsch entscheidet, kann viele Werte zerstören.
  • (Quelle: https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/koh9.html; abgerufen am 13.8.2017)

·         Ecclesiastes 9:16-18 – King James Version (KJV):

16 Then said I, Wisdom is better than strength: nevertheless the poor man’s wisdom is despised, and his words are not heard.

17 The words of wise men are heard in quiet more than the cry of him that ruleth among fools.

18 Wisdom is better than weapons of war: but one sinner destroyeth much good.

(Quelle: https://www.biblegateway.com/passage/?search=Ecclesiastes+9%3A16-18&version=KJV; abgerufen am 13.8.2017)

 

Vorgangsweise beim Übersetzen der Bibelstellen:

Bei Kohelet wurde folgendermaßen vorgegangen: Wenn man die Einheitsübersetzung der Bibel mit der englischen Übersetzung der King James Version bzw. mit Chaputs Ansprache vergleicht, dann hält der Übersetzer es für sinnvoller, von der Einheitsübersetzung abzugehen und die King James Version ins Deutsche zu übersetzen. Zur besseren Veranschaulichung sind Kohelet 9, 16-18 in der Version der deutschen Einheitsübersetzung sowie die entsprechende Stelle der King James Bibel oben angeführt.

[1]                 Chaputs neuestes Buch, erschienen im Februar 2017 im Verlag Henry Holt & Company – bislang nur auf Englisch erhältlich, Anm. des Übers.

[2]                 AP ist die Abkürzung für die Nachrichten- und Presseagentur Associated Press, Anm. des Übers.

[3]                ergänzt um Sprüche 2,9 durch den Übers.

[4]       Autor der Chroniken von Narnia, Anm. d. Übers.

[5]       Die deutsche Version des Buches ist im Verlag fe-medienvlg erschienen, Anm. d. Übers.

[6]                 Wortwörtlich übersetzt lautet der Titel der Serie Die handgemachte/selbstgestrickte Geschichte. Die Serie wurde
bislang noch nicht synchronisiert, Anm. d. Übers.

[7]                Université catholique de l’Ouest in Angers, Anm. d. Übers.

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