IEF, 5.11.2019 – Seit kurzem steht der Verein „Original Play“ mit seinem Konzept des „ursprünglichen Spiels“, das unter anderem in Kindergärten und Schulen angeboten wird, im Fokus der Öffentlichkeit. Nach einem Bericht von ORF und ARD, in dem Verdachtsfälle von Missbrauch an Kindern ans Tageslicht kamen, wurde allerorts Kritik laut; nun leitete die österreichische Volksanwaltschaft Ermittlungen gegen den Verein ein, wie sie selbst in einer Aussendung berichtet.

Kritik: Körpernahes Spiel könnte falsche Signale senden

Die Arbeit des Vereins, der auch in einigen österreichischen Kindergärten tätig war, beruht auf der Idee des körperbetonten Spielens. Dabei würden Mitglieder von „Original Play“ mit den Kindern „spielend raufen und rangeln“ und ihnen so die Möglichkeit geben, mit Konflikten und Stress umzugehen, Körpersignale wahrzunehmen und gute von schlechten Berührungen zu unterscheiden. Experten kritisieren jedoch, so etwa ein Bericht auf orf.at, dass Kindern die Botschaft vermittelt werde, dass es wünschenswert sei, mit eigentlich fremden Erwachsenen in zu intimen körperlichen Kontakt zu kommen. Abgesehen davon könne das Spiel auch eine Einladung zum Missbrauch sein.

Zusammenarbeit mit Kindergärten derzeit eingestellt

Solche – schwerwiegenden – Missbrauchsverdachtsfälle waren in Deutschland bereits Gegenstand von Ermittlungen, und seit dem entsprechenden Bericht des ORF und ARD gehen da wie dort die Wogen hoch. Laut Medienberichten – u.a. vom Kurier und von orf.at gebe es bereits erste Konsequenzen: So habe das Land Niederösterreich und die „Kinderfreunde“ die Zusammenarbeit mit „Original Play“ gestoppt, die Wiener Bildungsdirektion hätte allen privaten Kindergärten und Schulen empfohlen, die Kooperation einzustellen (öffentliche Kindergärten in Wien sollen sowieso noch nie mit dem Verein zusammen gearbeitet haben). Das Salzburger Kinderschutzzentrum soll eine Warnung vor dem Verein an alle Kinderbetreuungseinrichtungen herausgegeben haben und die anderen Bundesländer wollten ebenfalls aktiv werden. Auch die Diakonie kündigte an, bis zur Klärung der Vorwürfe nicht mehr mit dem Verein zusammen zu arbeiten. Laut Bericht von Kurier.at gibt es allerdings in Österreich keine konkreten Vorwürfe gegen den Verein.

Verein wehrt sich gegen die Vorwürfe

„Original Play“ selbst nimmt auf seiner Website sowie mit einer Aussendung Stellung zu den aktuellen Vorwürfen und betont, dass der Verein „jede Form von Missbrauch und Gewalt verurteilt“ und dass es dafür Null-Toleranz geben dürfe. „Original Play“ versteht sich als Programm der Gewaltprävention, das vermitteln will, wie sich Sicherheit anspürt und Kinder dazu ermächtigen möchte, auf ihre eigenen Grenzen zu achten und niemand anderen zu verletzen. Ziel sei Aggressionen und soziale Ausgrenzung vorzubeugen und Eltern und Fachkräfte zu ermächtigen, auf Aggressionen ohne Gewalt zu reagieren. Kinder würden sehr wohl lernen, zwischen „guter“ und „unangemessener“ Berührung unterscheiden zu können und rechtzeitig „Stopp“ zu sagen, so der Verein in seiner Stellungnahme. Man sei sich bewusst, das Neues irritiere, und lade Experten ein, in den Dialog zu treten, um das Programm besser kennen zu lernen.

Ermittlung der Volksanwaltschaft

Aufgrund der erhobenen Vorwürfe hat nun die Volksanwaltschaft von Amts wegen ein Prüfverfahren eingeleitet, wobei es laut Volksanwalt Dr. Walter Rosenkranz darum gehe, sich an die Landeshauptleute hinsichtlich der Kindergärten und an die Bildungsministerin betreffend der Schulen zu wenden und sie um Auskunft ersuchen, wie viele Einsätze von “Original Play” es jeweils gegeben hat und ob es auch schon zu Beschwerden gekommen sei. „Auch ob die Eltern vorab über den Einsatz des Vereins an den betreffenden Bildungsstätten informiert wurden, würde uns interessieren”, so Volksanwalt Rosenkranz.

Forderung nach einheitlichen Qualitätsstandards für Kinderbetreuungseinrichtungen

Neben den aktuellen Vorwürfen wird vor allem Kritik an der Tatsache laut, dass es keine einheitlichen Qualitätsstandards für Vereine und Institutionen gibt, die in Kindergärten und Schulen mit Kindern arbeiten dürfen. Quer durch alle Parteien wurde ein österreichweit einheitlicher Qualitätsrahmen für Kinderbetreuungseinrichtungen gefordert. Auch der Katholische Familienverband (KFÖ) verlangte eine strengere Überprüfung von Vereinen; KFÖ-Vizepräsidentin Astrid Ebenberger mahnte außerdem die von Ex-Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) angekündigte Akkreditierungsverfahren mit verbindlichen Qualitätskriterien für pädagogisch tätige Vereine ein. „De facto darf beinahe jeder Verein immer noch an Schulen tätig werden“, kritisierte sie in einer Aussendung und fordert Bildungsministerin Iris Rauskala auf, schnellstens zu handeln. Dort verwies man laut orf.at auf derzeit in Erarbeitung befindliche einheitliche Qualitätskriterien für die Arbeit mit Kindern. Durch die Vorfälle fühle man sich in dem Vorhaben bestärkt, hieß es gegenüber der APA. „Intimität und Individualität von Kindern darf nicht tangiert werden – das ist ein Grundsatz, der in allen pädagogischen Einrichtungen uneingeschränkt eingehalten werden muss“, betonte man im Ministerium. „Für Körpererfahrung und Gewaltprävention gibt es pädagogische Konzepte, die ohne diese Grenzüberschreitung auskommen.“ (ER)

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