
Dr. Andreas Baierl: Neue Trends und Entwicklungen in Beziehungen
IEF, 23.06.2026 – Daten zeigen spätere Familiengründung, stabile Familienformen und Wunsch nach Treue
Dr. Andreas Baierl vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) präsentierte im Rahmen des IEF-Dialog-Abends „Für immer Du“ aktuelle Daten zu Partnerschaft, Familie und Beziehungsformen. (Hier finden Sie die Folien von dem Impulsvortrag IEF_Baierl_2026.)
Grundlage seiner Ausführungen waren unter anderem Ergebnisse des internationalen „Generations and Gender Program“ (GGP), einem internationalen Datenkörper rund um das Thema Beziehung. Ein besonderer Vorteil des GGP besteht darin, dass nicht nur Personen erfasst werden, die mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin in einem gemeinsamen Haushalt leben. Berücksichtigt werden auch sogenannte „Living Apart Together“-Beziehungen (LAT), also Partnerschaften, bei denen die Partner in getrennten Haushalten leben.
„Living Apart Together“
Gerade bei jüngeren Menschen ist diese Form der Partnerschaft weit verbreitet. Rund ein Viertel der Personen in einer Beziehung zwischen 20 und 30 lebt nicht mit dem Partner oder der Partnerin zusammen. Mit zunehmendem Alter nimmt dieser Anteil ab, bleibt aber auch in höheren Altersgruppen mit rund zehn Prozent bestehen.
Für offene Beziehungen liegen kaum repräsentative Daten aus etablierten Bevölkerungsbefragungen vor. Die Vielfalt möglicher Beziehungsformen mache eine statistische Erfassung schwierig.
Partnerschaft bleibt die Regel
Ab etwa dem 30. Lebensjahr die große Mehrheit der Frauen und Männer in einer Partnerschaft. In den Altersgruppen zwischen 30 und 45 Jahren bewegen sich die Anteile überwiegend zwischen rund 75 und 85 Prozent. Auffällig ist dabei auch das bekannte Altersgefälle von durchschnittlich etwa drei Jahren zwischen Männern und Frauen in Partnerschaften. Im Vergleich zwischen 2009 und 2022 ist jedoch insbesondere bei jüngeren Erwachsenen ein Rückgang des Anteils jener Personen erkennbar, die angeben, in einer Beziehung zu leben.
Familienformen bleiben stabil
Auch bei den Familienformen zeigen sich sowohl Veränderungen als auch bemerkenswerte Kontinuitäten. Rund 20 Prozent der Paare mit Kindern leben in einer Lebensgemeinschaft, etwa 13 Prozent der Familien mit Kindern sind alleinerziehend und rund sieben Prozent der Paarfamilien werden als Patchwork- oder Stieffamilien geführt. Diese Anteile haben sich in den vergangenen Jahren kaum verändert.
Baierl verwies darauf, dass Patchworkfamilien historisch betrachtet keineswegs ein neues Phänomen sind. Aufgrund der deutlich höheren Sterblichkeit waren sie in früheren Jahrhunderten sogar wesentlich häufiger als heute.
Neue Lebensrealitäten stellen die amtliche Statistik jedoch zunehmend vor Herausforderungen. So leben Kinder heute häufiger regelmäßig in mehr als einem Haushalt, was sich nicht immer einfach in bestehende statistische Kategorien einordnen lässt.
Ehe und Elternschaft verschieben sich nach hinten
Ein deutlicher Trend zeigt sich beim Zeitpunkt von Eheschließung und Familiengründung. Das Durchschnittsalter bei der ersten Eheschließung liegt mittlerweile bei rund 34 Jahren für Männer und 31 Jahren für Frauen und steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich an.
Auch das Alter bei der Geburt des ersten Kindes hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erhöht. Circa die Hälfte aller Mütter ist bei der ersten Geburt über 30 Jahre alt.
Höhere Bildung, neue Lebenswege
Die Daten zeigen, dass sich das Alter bei der ersten Geburt bei Frauen mit niedrigerem Bildungsniveau über die Generationen hinweg vergleichsweise wenig verändert hat. Bei Frauen mit höherer Bildung kam es dagegen innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer deutlichen Verschiebung hin zu einer späteren Familiengründung.
Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit der Bildungsexpansion der vergangenen Jahrzehnte. Immer mehr Frauen erwerben höhere Bildungsabschlüsse. Damit verbunden sind größere Mobilität, internationale Orientierung und wirtschaftliche Eigenständigkeit, die die Familiengründung tendenziell nach hinten verschieben.
Baierl betonte jedoch ausdrücklich, dass solche gesellschaftlichen Entwicklungen nicht als einfache Ursache-Wirkungs-Beziehungen verstanden werden dürfen. Vielmehr handle es sich um komplexe Prozesse, bei denen zahlreiche Faktoren zusammenwirken.
Weniger frühe Scheidungen
Entgegen manchen gesellschaftlichen und medialen? Wahrnehmungen weisen die Daten nicht auf eine zunehmende Instabilität von Ehen hin. Der Anteil jener Ehen, die innerhalb der ersten fünf Ehejahre geschieden werden, hat sich seit den 1960er-Jahren sogar deutlich reduziert. Während früher rund 40 Prozent der geschiedenen Ehen innerhalb der ersten fünf Jahre endeten, liegt dieser Anteil heute bei etwa 20 Prozent.
Auch die Zahl sehr junger Kinder, die von einer Scheidung betroffen sind, ist zurückgegangen. Waren Anfang der 1990er-Jahre noch rund 2.200 Kinder unter drei Jahren von einer Scheidung betroffen, liegt die Zahl heute bei etwa 900.
Insgesamt, so Baierl, dauern Ehen heute tendenziell länger als früher, auch wenn verschiedene demografische Entwicklungen bei der Interpretation solcher Daten berücksichtigt werden müssen.
Männer tendenziell zufriedener
Die Daten zur Partnerschaftszufriedenheit zeigen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Männer geben über weite Strecken höhere Zufriedenheitswerte an als Frauen. Gleichzeitig äußern Frauen häufiger Trennungsgedanken als Männer.
Jugendliche wünschen sich weiterhin Ehe und Familie
Mit Blick auf junge Menschen machte Baierl auf die zunehmenden Schwierigkeiten aufmerksam, repräsentative Befragungen durchzuführen. Jugendliche seien telefonisch oder per E-Mail immer schwerer erreichbar, wodurch klassische Umfragen an ihre Grenzen stoßen.
Einige Studien zeigen jedoch, dass sich viele Jugendliche weiterhin eine Ehe und eigene Kinder wünschen. In der Ö3-Jugendstudie sahen sich rund zwei Drittel der Befragten künftig verheiratet und mit Kindern. Treue gehöre laut 73 Prozent zu ihrem Beziehungs- bzw. Sexualleben dazu.
Neue Unterschiede zwischen jungen Frauen und Männern
Anhand internationaler Studien stellte Baierl weitere interessante gesellschaftliche Entwicklungen vor. In mehreren Ländern zeige sich etwa ein wachsender Unterschied zwischen jungen Männern und Frauen in politischen Einstellungen. Während junge Männer häufiger konservative Positionen vertreten, tendieren junge Frauen stärker zu liberalen Haltungen.
Auch bei religiösen Einstellungen lassen sich Veränderungen beobachten. Während Frauen lange Zeit höhere Werte bei der Religiosität aufwiesen, zeigen neuere Daten – insbesondere aus den USA – einen deutlichen Anstieg religiöser Selbstzuschreibungen bei jungen Männern. Für diese Entwicklungen existieren unterschiedliche Erklärungsansätze.
Warum einfache Erklärungen zu kurz greifen
Zum Abschluss warnte Baierl davor, gesellschaftliche Entwicklungen vorschnell monokausal zu erklären. Veränderungen im Beziehungs- und Familienleben stünden im Zusammenhang mit einer Vielzahl von Faktoren – von Digitalisierung, sozialen Medien und Künstlicher Intelligenz bis hin zu Bildungsmöglichkeiten, Mobilität, wirtschaftlicher Eigenständigkeit und gesellschaftlichen Krisenerfahrungen.
Um aktuelle Veränderungen in Beziehungen und Familien zu verstehen, brauche es daher einen differenzierten Blick auf die komplexen Wechselwirkungen gesellschaftlichen Wandels. (SM)



