
Die Ehe als gemeinsamer Garten
IEF, 30.04.2025 – Was sind heute Herausforderungen für Ehepaare und wie können wir als Kirche antworten?
Der folgende Text ist ein Transkript des Vortrags von Prof. Clemens Sedmak, der im Rahmen der zweiten Ehekonferenz 2025 in Salzburg gehalten wurde. Bei der Ehekonferenz treffen sich insbesondere Menschen, die in der Ehe- und Familienpastoral tätig sind. In Vorträgen, Impulsen, Erfahrungsberichten und Workshops wird der Frage nachgegangen, wie Ehebegleitung heute gelingen kann: Was sind ihre Prinzipien? Welche konkreten Modelle und Früchte gibt es bereits?
In seinem Vortrag befasst sich Prof. Sedmak mit dem Wesen der Ehe und den Herausforderungen, mit denen Ehepaare heute konfrontiert sind. Er gliedert seine Überlegungen in zwei grundlegende Bemerkungen über das Leben und vier Hauptgedanken zum Thema Ehe.
Zwei Grundbemerkungen zum Thema Leben
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Über die Zerbrechlichkeit von menschlichen Angelegenheiten
Die Ehe ist das Fundament der Familie. Die Familie ist das Fundament von Gemeinschaften und Gemeinschaften sind das Fundament von Gesellschaft – das wissen wir alle, aber das macht die Arbeit, die sie tun, so ungeheuer bedeutungsvoll und wichtig.
Wir wissen, dass die menschlichen Angelegenheiten zerbrechlich sind – das ist eine Formulierung von Hannah Arendt gewesen. Die menschlichen Angelegenheiten sind zerbrechlich; Vieles haben wir nicht in der Hand. Ich denke an die Ehe von Sophie, Vizerektorin der ukrainisch-katholischen Universität in Lemberg. Ihr Mann wurde eingezogen, ist jetzt an der Front und sie konnten das weder beeinflussen noch vorhersehen. Ich denke an die Ehe von Khalil in den USA, der möglicherweise vor der Deportation steht, obwohl er mit einer amerikanischen Staatsbürgerin verheiratet ist. Das konnten sie weder vorherwissen, noch beeinflussen. Ich denke an die Ehe von George Anton und seiner Ehefrau Nizren im Gazastreifen, ein katholisches Ehepaar unter der „Schirmherrschaft“ vom lateinischen Patriarchen Kardinal Pizzaballa, die ihr zu Hause verloren haben, jetzt auf dem Caritas Compound wohnen – das konnten sie auch nicht vorhersagen. Wir wissen also, unsere Angelegenheiten sind zerbrechlich. Deswegen ist es so wichtig, dass unsere Beziehungen stark sind und dass wir uns gegenseitig stärken.
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Möglichst viele Wahlmöglichkeiten – das Ideal?
Meine zweite Bemerkung über das Leben: Es gibt eine gewisse Tendenz, ein Maximum an Freiheiten als das Ideal anzusehen. In einem meiner Interessensfelder, der Sozialethik, ist der sogenannte Capability Approach von Amartya Sen sehr einflussreich und bedeutsam. Dieser „Fähigkeitenansatz“ besagt, die „Freiheiten“ von Menschen zu maximieren, ihre Wahlmöglichkeiten zu vergrößern. Es sei ein Zeichen von Entwicklung, über möglichst viele Wahlmöglichkeiten zu verfügen. Das Anliegen dahinter ist natürlich berechtigt, aber ich vermisse ein bisschen die Idee, dass es in einer „Multi-options-gesellschaft“, wie es ein Schweizer Soziologe mal gesagt hat, auch darum geht, über unsere Bindungen nachzudenken. Es ist nicht ungefährlich, möglichst viel in eine Wahlmöglichkeit zu verwandeln. Wir können uns jetzt lange über die Wahlmöglichkeit „Geschlecht“ und die Wahlmöglichkeit „Äußeres“ unterhalten. Wir verstehen, dass bestimmte Dinge gesetzt sind. Ich bin in eine österreichische Familie hineingeboren worden – das kann ich nicht beeinflussen. Ich bin sehr klein. Ich wäre gerne viel größer, aber auch das ist gesetzt. Ich kann es nicht ändern. Ähnlich ist es, wenn wir über Fragen des Schwangerschaftsabbruches nachdenken wollen. Wie Sie sehen, ist es nicht ungefährlich, die Idee, Wahlmöglichkeiten zu vergrößern, als Ideal anzusehen.
Ehe ist eine Form von Bindung: Bindung in Freiheit. Sie ist eine fundamentale Entscheidung, die die Basis für weitere Entscheidungen mit sich bringt. Und in meinem Fall sehe ich die Ehe als gesetzt. Unsere Ehe ist gesetzt, unsere Kinder sind gesetzt und alles andere ergibt sich dann unter anderem auch daraus, dass das gesetzt ist.
EHE als
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Bühne und Brücke
Ehe ist eine Bühne auf der sich das gesellschaftliche Tun mit-ereignet. Sie haben sicherlich das Interview von Bischof Glettler im Rupertusblatt gelesen, wo der Herr Bischof die Rolle der Social Media betont hat. Social Media haben einen großen Einfluss auf der Makroebene und das spielt sich dann auch auf der Bühne der Familie ab. Die Bedeutung der Aufmerksamkeit nimmt zu, weil Aufmerksamkeit in Familien ein karges Gut geworden ist. Es gibt eine Reihe von Studien über die potenziell destruktiven Einflüsse von Social Media auf das Familienleben, besonders auf die Aufmerksamkeit, die die Familienmitglieder einander schenken. Und da sieht man: Die Ehe ist eine Bühne, auf der sich das, was sich in der Gesellschaft ereignet, auch abspielt und widerspielt.
Die Ehe ist auch eine Brücke. Eine Brücke, die die Mikrowelt der Familie mit der Makrowelt der Politik verbindet. Wenn Sie an die genannten Beispiele aus der Ukraine, aus dem Gazastreifen, aus den Vereinigten Staaten denken – da sind makropolitische Entwicklungen wirksam geworden auf der Mikroebene einer Ehe und einer Familie. Ich gebe ein weiteres Beispiel: Das Schulsystem ist für die Mikrowelt der Familie von großer Bedeutung. Sie ist aber im Einflussbereich der Makropolitik. Ich habe vor ein paar Monaten das wirklich lesenswerte Buch „Poor“ von Katriona O’Sullivan gelesen, die in bitterster Armut in Irland und im Vereinigten Königreich aufgewachsen ist. Beide Eltern waren drogenabhängig. Die Schule war für sie eine Oase – die Schule mit der Ordnung und der Sicherheit und dem Frieden. Da sehen wir auch, wie sich diese beiden Welten beeinflussen, und die Ehe und Familie nicht nur Bühne ist, sondern auch Brücke ist. Tragischerweise können auch „Makroentwicklungen“ dazu beitragen, dass der Druck auf die Ehen und Familien steigt: Also, wenn die Inflation steigt und das zur Verfügung stehende Einkommen in Familien sinkt, dann ist das Druck, der auch auf intime Beziehungen lastet. Vor 25 Jahren hat die Weltbank eine sehr einflussreiche Studie gemacht mit armutsbetroffenen Menschen. Die Studie haben sie dann veröffentlicht in drei Bändern. Eines der fünf wichtigsten Resultate war, dass Familienstrukturen unter Armut, sozialer Ausgrenzung und wirtschaftlichem Druck zerbrechen. Das sind Realitäten, die sich in der Ehe abspielen, die von der Makrowirtschaft und der Makropolitik abhängen. Ein weiterer Grund, um zu sagen, dass gerade, weil „unsere Angelegenheiten“ zerbrechlich sind, unsere Bindungen und Ehen möglichst stark sein sollen.
Damit ist auch etwas geboten, was man „Familienresilienz“ oder „Eheresilienz“ nennt. Es gibt sehr hilfreiche Studien, die uns nahelegen, dass die Resilienz einer Familie, also die Widerstandskraft einer Familie gegenüber widrigen Umständen steigt, wenn die Familie eine Ordnung, Rhythmus und Ritualregeln hat. Wenn sie eine Ordnung hat, wenn sie über ein Wertgefüge verfügt, dass die Familienmitglieder wissen, was ihnen heilig, wichtig und wertvoll ist, wenn die Familienmitglieder miteinander gut kommunizieren können und Probleme lösen können und wenn sie bereit sind, sich begleiten zu lassen. Und da sehen Sie schon diese Faktoren, die die Familienresilienz stärken, können sie auch in der Begleitung stärken.
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Gemeinsames Haus und Gemeinsamer Garten
Es gibt dieses schöne Bild, dass Ehe „das Bauen an einem gemeinsamen Haus“ ist. Ein gemeinsames Haus bietet Heimat. Und Heimat ist dort, wo ich bleiben und wachsen kann. Dieses gemeinsame Haus wird aufgebaut durch einen gemeinsamen Alltag, durch gemeinsame Strukturen, gemeinsame Gewohnheiten und gemeinsame Projekte. Bernard Williams hat von „Lebensprojekten“ gesprochen. Eine Familie wird zusammengeschweißt durch das Lebensprojekt „Kinder gut in die Welt hineinzubegleiten“ – ich sag’s auch ein bisschen unverfroren – durch das Lebensprojekt „gemeinsame Schulden haben und diese dann abzutragen“, sodass [man sagen kann], dass Ehepartner füreinander hilfreich sind, in der Umsetzung gemeinsamer und auch einzelner Lebensprojekte.
Hier fällt mir ein Wort aus dem Buch der Offenbarung ein (Kapitel 2). Da ist diese Mahnung an die Gemeinde in Ephesus, nicht die erste Liebe zu vergessen. Ich finde es ist so wichtig, wenn man über Ehe als Haus nachdenkt, dieses Haus auch als Fundament zu sehen. Das Fundament ist für uns Katholiken und Katholikinnen natürlich der Glaube, aber Teil des Fundamentes sind auch die Anfänge. Alle, die verheiratet sind, können sich erinnern an den Zauber des Anfangs. An diese heilige Scheu, die du deiner Künftigen oder deinem Künftigen gegenüber gehabt hast, dieses Verzaubert-Sein, durch diese einzigartige Erfahrung, tief mit einem Menschen in Liebe verbunden zu sein. Und diese Anfänge sollen wir schützen und nicht vergessen und immer wieder darauf zurückkommen und wissen: so hat das angefangen – das ist noch Teil von dem, wer wir sind, und Teil des gemeinsamen Hauses, dass wir bauen.
Das zweite Bild ist die „Ehe als gemeinsamer Garten“. In den Religionswissenschaften wird manchmal betont, dass es auffällig ist, dass viele Religionen das Paradies als Garten darstellen. Der Paradiesgarten, wie wir ihn auch aus der jüdischen Tradition kennen. Ein Garten in diesem paradiesischen Sinne hat drei Eigenschaften: erstens, er ist sicher und angstfrei. Ein Paradiesgarten ist frei von Angst und bietet Sicherheit. Zweitens, ein Paradiesgarten bietet Ordnung. Drittens, ein Paradiesgarten bietet nicht nur Sicherheit und Ordnung: Er ermöglicht auch die Exploration von Neuem. Man kann immer wieder etwas Neues entdecken im Paradiesgarten. Es ist zwar geordnet, aber nicht so geordnet, dass man nicht immer wieder etwas Neues erkennen kann. Was heißt das für die Ehe? Es heißt Grundsicherheit: die Grundsicherheit, die Ehepartner einander geben können, dadurch dass sie einander vertrauen. Was heißt Ordnung? Ordnung heißt Rituale, Regeln, Gewohnheiten – den Tag gemeinsam beginnen, den Tag gemeinsam beenden. Wenn mich Menschen fragen, was die zwei wichtigsten Gewohnheiten seien, würde ich sagen: wie du den Tag beginnst und wie du den Tag abschließt. Und wenn du das in der Ehe gemeinsam tust, ist schon sehr viel an gemeinsamen Gartengefühl gewonnen.
Was heißt Exploration vom Neuem? Eheleute mögen Menschen der Selbsterneuerung sein! – gegen die schleichende Lieblosigkeit, ein immer frisches Wort, eine immer frische Geste setzen. Wir wissen, dass das Innere nach außen und das Äußere nach innen wirkt, sodass wir gemeinsam diesen Paradiesgarten mit Sicherheit, Ordnung und der Exploration immer wieder von Neuem aufbauen können. Ein schönes Beispiel für diese Art von Ehe, wo gemeinsames Haus und gemeinsamer Garten gebaut werden, war die Ehe von Raissa und Jacques Maritain, die beide einander nahe gekommen sind über ihr großes Interesse an der Wahrheit. Sie teilten die Leidenschaft für die Suche nach der Wahrheit, waren einander auch freundschaftlich verbunden. Die Bedeutung der Freundschaft in der Ehe kann nicht überschätzt werden. Sie blieben aber auch unabhängig. Also hier ein Moment von Wahrheitsverpflichtung, Freundschaft und auch die Unabhängigkeit – dass die zwei Eheleute immer noch zwei Menschen sind, wenn auch durch die Ehe gebunden. Das ist also mein zweiter Punkt: Ehe als gemeinsames Haus, wo man bleiben und wachsen kann und Ehe als Garten, den man baut mit Sicherheit, mit Ordnung und der Möglichkeit, Neues zu explorieren.
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Quelle-Sein und aus-einer-Quelle-schöpfen
Das Allerwichtigste für mich ist: Es ist eigentlich ein übermenschliches Unterfangen zeitlebens mit einem anderen Menschen durchs Leben zu gehen. Und deswegen zitieren wir so gerne Psalm 127,1: „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut.“
Das Fundament einer Ehe muss etwas sein, was wir einander als Menschen nicht geben können. Deswegen auch „aus der Quelle schöpfen“ – gemeinsam beten. Sie alle kennen, Mutter Teresas Zitat: „a family who prays together, stays together“. Dieses gemeinsame Beten… da wächst etwas Kostbares, ohne dass du merkst, dass das wächst.
Meine Frau betont sehr gerne, achtsam zu sein auf die Träume des Anderen. Sie fragt mich eigentlich jeden Tag in der Früh: „Hast du etwas geträumt?“ Und je nachdem was der Traum beinhaltet hat, sage ich es oder sage ich es halt nicht… Es ist gut, achtsam zu sein, was die Träume sind, weil das auch eine Weise ist, wie das, was wir nicht kontrollieren können, zu uns spricht. Also: aus einer Quelle schöpfen und sich dann auch Zeit nehmen, sich das ein bisschen genauer anzuschauen.
Die Ehe ist auch selbst Quelle. Sie ist Quelle von Hoffnung und Quelle von Freude. Sie haben vielleicht das schöne Buch von Orlando Figes gelesen „Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne“. Da geht es um ein Ehepaar in der damaligen Sowjetunion, die einander 1200 Briefe geschrieben haben. Sie waren zusammen, dann wurde er zehn Jahre in den Gulag geschickt und sie haben einander Briefe geschrieben. Nach diesen zehn Jahren haben sie geheiratet. Es ist ein sehr bewegendes Buch, wo wirklich die Briefe an sie und der Gedanke an seine Verlobte, ihm die Kraft gegeben hat, diese 10 Jahre Gulag zu überstehen.
Und ich weiß nicht, ob Sie dieses schöne Gedicht kennen von Konstantin Simonov „Wait for me“ und die letzten Zeilen lauten: „Nur du weißt, warum ich überlebt habe, weil du auf mich gewartet hast.“ Die Ehe ist Quelle von Hoffnung und auch Quelle von großer Freude.
Ich will aber auch nicht verehren, dass die Ehe Quelle von Schmerz, Leid und gleichzeitig von „Tiefe“ sein kann. Vielleicht haben Sie mal das Buch gelesen von Sheldon Vanauken „Eine harte Gnade: die Geschichte einer großen Liebe“. Es ist eines meiner Lieblingsbücher. Sheldon war in den 1950er Jahren mit einer gewissen Davy verheiratet. Sie waren glückliche Atheisten. (Ich sag das gerne dazu und ich glaube auch an die Möglichkeit, ein glücklicher Atheist zu sein.) Sie gingen dann für ein Semester nach Oxford. Dort haben sie C.S. Lewis kennengelernt und sind dann immer näher in die Gemeinschaft des Glaubens gekommen. Dann ist Davy konvertiert und ihr Mann ist ihr „nachgefolgt“ – er war eigentlich nicht wirklich dort, wollte sie aber nicht verlieren. Dann ist sie mit 40 Jahren an Krebs gestorben und er hat unglaublich gerungen damit, weil die Beziehung und Liebe zu Davy damit auch Quelle von ungeheurem Schmerz war. Das hat aber seinem Leben eine Tiefe gegeben. Er hat dann zu Gott gefunden.
Hier sehen Sie auch die Ehe als Quelle nicht nur von Freude, sondern auch von Schmerz. Man macht sich verwundbar, wenn man liebt und so soll es auch sein. Sie alle kennen Inge und Walter Jens, die berühmten deutschen Intellektuellen. Wo Inge Jens, als ihr Mann im Jahr 2003 80-jährig mit Demenz diagnostiziert wurde, die Pflegeverantwortung übernommen hat. Sie hat selber gesagt, ihr Leben sei sehr viel schwieriger geworden. Das sei nicht der Mann, den sie geheiratet habe. Sie hat das aber sehr liebevoll und auch sehr nüchtern gemacht, die Pflegeverantwortung zu übernehmen. Auch hier war die Ehe eine Quelle von Schmerz, eine Quelle von Verlust und wie ich sagen würde: „eine Quelle von Lebenstiefe“. Also das ist mein dritter Punkt: Aus einer Quelle schöpfen, aber eben auch, selber Quelle-Sein – Quelle von Freude, aber auch Quelle von Lebenstiefe und Schmerz.
4 Anhaltspunkte zum Thema Ehebegleitung
Bischof Glettler hat im besagten Interview mit dem Rupertusblatt so schön gesagt: „In Beziehungen so zu leben, dass die gegenseitige Liebe nicht verkümmert, bleibt ein Dauerauftrag.“ Das ist ein sehr schöner Satz. Da musst du jeden Tag dranbleiben. Die Liebe ist das, was uns Halt gibt, aber immer wieder auch erneuert werden muss. Ich möchte Ihnen vier Anhaltspunkte mitgeben für die Begleitung von Ehen und Familien.
- Menschen in die Innerlichkeit zu begleiten, dass sie daran auch arbeiten, dass sie Gott in ihr Inneres lassen, dass sie gut mit sich sein können, dass sie nicht immer nur aus dem Äußeren schöpfen müssen, dass sie im Gebet verharren können, dass sie ihre Seele pflegen. In der Literatur wird manchmal das Beten mit dem Atmen der Seele verglichen. Beten – so atmet die Seele. Die Seele braucht Ruhe. Die Seele braucht Schönheit. Die Seele wächst auf diese Weise. In der Altersforschung gibt es den Begriff der „Gerotranszendenz“, das heißt, wenn durch das Altern deine äußeren Wirkmöglichkeiten abnehmen – du bist nicht mehr so belastbar, du kannst nicht mehr so leicht reisen – müssen die inneren Werte umso wichtiger werden. Und wenn wir in einer Welt leben, wo der Druck auf Familien größer wird, ist es umso wichtiger, dass das Innere entsprechend stark ist.
- In das „Wir“ begleiten: Ehepaare und Familien in das Wir hineinzubegleiten, dass sie gut miteinander beten können, dass sie gut miteinander im Gespräch sein können, zum Beispiel, durch eine Kultur des Briefeschreibens. Es ist sehr kostbar, wenn ein Ehepaar dann und wann, einander auch Briefe schreibt, weil im geschriebenen Wort kann man Dinge sagen, die im gesprochenen Wort nicht so leicht sind. In das geteilte und gemeinsame Leben hineinbegleiten, denn wir alle wissen: in dem Moment, wo du eine starke Bindung eingehst, kann Autonomie nicht mehr der höchste Wert sein. Ehepartner bilden ein Wir. Man bildet ein „Wir“ und in dieses hineinzubegleiten, was auch heißt, das Eigene zurückzustellen, zu teilen, Rücksicht zu nehmen, ist eine wichtige Aufgabe in der Begleitung.
- Barmherzigkeit spürbar machen und Respekt vor der Einzigartigkeit zeigen. Das ist ein Punkt, den ich Papst Franziskus widme. Sie alle haben das Wort gehört von Evangelii Gaudium, 231: „Die Wirklichkeit steht über der Idee“. Das hat nicht allen gefallen und gefällt heute noch immer nicht allen. Was wir jetzt in der Ehebegleitung machen müssen, glaube ich, ist am Ideal der Ehe festhalten. Erzbischof Franz Lackner sagt das auch immer wieder: Das Ideal, an dem wollen wir festhalten. Aber – das wäre jetzt meine Übersetzung – das Ideal ist Leuchtturm, aber nicht Gericht. Das heißt auch in dem, was man in Amoris Laetitia, „irreguläre Situationen“ nennt, muss die Barmherzigkeit Gottes spürbar werden. Wenn sie Zeit haben, Amoris Laetitia 304, 305 und 306 zu lesen – das sind Paragraphen, wo das deutlich wird. Habt Respekt vor der Einzigartigkeit – jede Ehe ist einzigartig, jede Familie ist einzigartig! Ich habe gerade gestern eine Begegnung gehabt mit einem Mann dessen Frau nach 34 Jahren Ehe mitgeteilt hat, sie werde ihn jetzt verlassen. Er ist aus allen Wolken gefallen, steht tief im katholischen Glauben und war dem, wenn Sie so wollen, machtlos ausgeliefert. Er findet sich jetzt in einer Situation wieder, die einzigartig ist, die ihn sehr belastet, sehr herausfordert und dadurch, dass er sich jetzt wieder einer Frau annähert, wird er bald vermutlich in eine sogenannte irreguläre Situation kommen. Ich höre manchmal: „wir müssen an der Wahrheit festhalten“. Und ich widerspreche dem natürlich nicht. Selbstverständlich nicht. Aber mir gefällt ein Satz von Erzbischof Bruno Forte sehr gut, der einmal gesagt hat: „Wahrheit ist nicht etwas, das wir besitzen, sondern jemand, der uns besitzt.“ Also als Christinnen und Christen ist Wahrheit nicht etwas, das wir besitzen, sondern jemand, der uns besitzt. Im Vordergrund steht, die Barmherzigkeit Gottes spürbar zu machen, diese Beziehung zu Jesus und zu Gott. Also mein drittes Anliegen ist es, die Barmherzigkeit Gottes spürbar machen und Respekt vor der Einzigartigkeit von Situationen und Ehen zu zeigen.
- Kraft aus Zeugnissen und biblischen Quellen schöpfen. Ich finde es sehr kraftvoll, wenn ich von lang andauernden Ehen höre, wie sie durch schwierige Zeiten gegangen sind und zusammengehalten haben. Ich schöpfe sehr viel Kraft aus biblischen Quellen.
Kraft aus biblischen Zeugnissen schöpfen – vier Beispiele
- Bindung durch Gebet: „Isaak betete zum Herrn für seine Frau“ (Gen 25,21). Ehepartner, die einander im Gebet verbunden sind, dass sie wissen, ich bin nicht nur mitverantwortlich für das irdische Wohl meines Geliebten oder meiner Geliebten, sondern auch für das ewige Heil.
- Nähe auch nach „krummen Anfang“: „Und David tröstete seine Frau Batseba.“ (2 Sam 12,24). Sie alle wissen, dass die Geschichte mit David und Batseba gar nicht schön begonnen hatte, aber auch dieser krumme Anfang ermöglicht Nähe in der weiteren Folge der Geschichte.
- Späte Frucht“: Zacharias und Elisabeth erleben Kindesglück in hohem Alter (Lk 1, 5-25). Es gibt Frucht, die sich erst nach langjähriger Ehe schenkt und deswegen ist es so wichtig, Menschen zu sagen: Lauft nicht davon, wenn sich die ersten Widrigkeiten zeigen! Ihr werdet sehen, wenn ihr durch eine Durstrecke, durch eine Wüste geht, es kommt reiche Frucht, die sich erst langfristig zeigen kann.
- Gastfreundschaft (Apg 18,2): Der Apostel Paulus ist beim Ehepaar in Korinth, bei Aquila und Priszilla, „die Zeltmacher waren“ und ihn aufnehmen konnten. Eine Ehe ist auch etwas, was Brücken nach außen bauen kann und Gastfreundschaft schenkt.
Damit komme ich zu meiner Schlussbemerkung: Ehe ist das Fundament der Familie. Familie ist das Fundament der Gemeinschaft. Gemeinschaften sind das Fundament von Gesellschaft und ich könnte es nicht schöner sagen, als es Bischof Glettler am Anfang gesagt hat: Ehe ist ein österliches Projekt! Und das haben wir bitter nötig: nicht nur zu Ostern, sondern auch in Zeiten, in denen die Hoffnungen manchmal ein karges Gut wird.
Vielen Dank!
>>Hier geht es zum Podiumsgespräch, das nach dem Vortrag folgte (ca. Minute 27 im Video)



