Die Beziehungskrise als Chance

Beziehungskrisen tun weh. Und darin einen Sinn suchen zu sollen, mag unsinnig und herzlos klingen. Viel mehr liegt es uns, den anderen zu beschuldigen, sich in Selbstmitleid zu wiegen oder vielleicht sogar mit dem Gedanken zu spielen, die Reißleine zu ziehen.

Dieses Verhalten, zu dem man in Beziehungen oft neigt, würde in anderen Situationen wenig Sinn machen: Stellen Sie sich jemanden vor, der beim Aufleuchten der Servicelämpchen seines Wagens in Selbstmitleid verfällt und darüber nachdenkt den Wagen verschrotten zu lassen. Oder stellen Sie sich einen Schifahrer vor, der mit gebrochenem Bein im Krankenhaus liegend nur darüber nachdenkt, dass ihm das mit Atomic Ski sicher nicht passiert wäre.

Die gute Nachricht: Statistisch gesehen sinkt die Scheidungsrate mit jedem Jahr, das Sie gemeinsam in der Ehe überstanden haben. Wobei das in Wirklichkeit erst etwa ab dem 4. Jahr zutrifft. Davor ist die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung am Höchsten. Rund 41%[1] der Ehen wurden 2017 in Österreich wieder geschieden. Das dürfte jedem vor der Eheschließung bekannt sein und trotzdem trauen sich viele. Was aber bedeutend interessanter und vor einer Scheidung oft nicht bewusst ist: die Scheidungsrate ist bei den zweiten Ehen mit 70%[2] deutlich höher und bei der dritten Ehe (mit rund 90%) ist die Aussicht auf traute Zweisamkeit schon beinahe utopisch.

Die zweite Ehe als zweite Chance – „auf erneute Scheidung“ sozusagen. Oft hört man dann in der Eheberatung Sätze wie: „Hätte ich früher gewusst, dass ich irgendwann wieder genau mit den gleichen Problemen zu kämpfen habe, hätte ich mir viel ersparen können.“

Was bedeutet das also für Beziehungen?

Sehr oft wird der falsche Schluss gezogen und der falsche Partner oder die falsche Partnerin für das Ehe-Unglück verantwortlich gemacht, nicht jedoch das eigene Unvermögen vielleicht durch eigene Verletzungen, Bequemlichkeit oder Egoismus. Das bedeutet zwar nicht, dass das Gegenüber nicht tatsächlich auch keine besonders gute Passung aufweisen kann (also nicht ideal zu einem passt), sehr viel wahrscheinlicher ist aber eine sogenannte Kollusion – ein ungünstiges Zusammenspiel von zwei Partnern. So paart sich ungesunde Unterordnung beispielsweise gern mit übertriebener Dominanz usw. Das Gleichgewicht in der Beziehung wird auf Kosten des Gleichgewichts des Individuums stabilisiert. Irgendwann kippt das dann und die vorherige himmlische Ergänzung wird plötzlich zum Alptraum. Tatsächlich verbringt der Durchschnittsmensch sonst wohl kaum so viel Zeit mit jemandem anderen, als mit dem ihm oder ihr Angetrauten. Ob man will oder nicht wird einem ein Spiegel vorgehalten. Das, was man sonst vielleicht ganz gut verbergen kann, wird in der Ehe offenbar. Das auszuhalten ist oft schwer.

Und dabei spielt es keine große Rolle, wer den Spiegel hält.

Was tun in der Krise?

Suchen Sie den Fehler nicht überall, außer bei sich

Es geht darum, dass Sie in der Krise anstatt nur zu reagieren, auch reflektieren, was die wirklichen Ursachen für das Problem sind. Das Wort Chance mag hier euphemistisch klingen und ist doch ernstgemeint. Oft gelingt erst durch die Ernüchterung des Scheiterns der Anstoß einen echten Veränderungsprozess zu beginnen. Schafft man den oft notwendigen Schritt an sich selbst zu arbeiten, neue Kompetenzen zu erwerben, nicht der Täuschung des grüneren Grases auf der anderen Seite des Zaunes zu erliegen, ist Hoffnung in Sicht.

Bewahren Sie Ruhe

In schwierigen Situationen scheint oft alles hoffnungsloser als es wirklich ist. Reagieren Sie deswegen nicht überstürzt und kommen Sie zur Ruhe bevor Sie nächste Schritte überlegen. Versuchen Sie genügend Abstand zu bekommen, um die Situation neu bewerten zu können, anstatt womöglich etwas zu tun, das Sie später bereuen könnten.

Suchen Sie sich Hilfe

Der Geübte kann auch schon kleine Krisen als Auslöser für echte Veränderung nutzen. Hilfreich dafür kann das Aufsuchen einer Servicestätte sein – etwa einer Eheberatungsstelle, wie sie vom Institut für Ehe und Familie in Wien kostenlos[3] angeboten wird. Das Kunststück, um den Balken vor den eigenen Augen herumzusehen, ist alleine nicht immer einfach möglich.

Autor: Mag. Johannes Wunsch, 2019

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/285271/umfrage/entwicklung-der-scheidungsrate-in-oesterreich/

[2] https://www.aargauerzeitung.ch/leben/leben/wer-zum-zweiten-mal-heiratet-laesst-sich-oefter-scheiden-129035237

[3] Auf Basis einer freien Spende, die ein hochqualitatives Beratungsangebot auch für sozial Schwächere ermöglicht.

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