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Demografischer Wandel: Wie er Kirche, Politik und Gesellschaft herausfordert

IEF, 23.12.2025 – Der demografische Wandel fordert auch die Kirche heraus, Formate für eine neue Kultur des Lebens und der Fürsorge mitzuentwickeln.

Der demografische Wandel zählt zu den prägenden Zukunftsthemen Österreichs und darüber hinaus. Er wirkt tief in zentrale Lebensbereiche hinein und beeinflusst damit unter anderem die Entwicklung von Arbeitsmarkt, Pflege, Bildung, sozialem Zusammenhalt sowie politischer Stabilität. Entsprechend rückt er zunehmend in den Fokus internationaler Organisationen, nationaler Regierungen und öffentlicher Debatten.

OSZE-Bericht und Resolution

Im Februar 2025 präsentierte die Sonderbeauftragte für demografischen Wandel und Sicherheit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Dr. Gudrun Kugler, den Bericht „Demografischer Wandel und Sicherheit in der OSZE-Region“. Darin wird der demografische Wandel ausdrücklich als gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer „Megatrend“ in der OSZE-Region beschrieben. Im Juli 2025 nahm die Parlamentarische Versammlung der OSZE die Resolution „Responding to the Demographic Winter“ einstimmig als konkrete politische Handlungsempfehlung in ihre Abschlusserklärung auf.

Zentrale Treiber des demografischen Wandels

Der OSZE-Bericht identifiziert unter anderen folgende zentrale Treiber des demografischen Wandels:

Sinkende Geburtenraten und wachsende ungeplante Kinderlosigkeit

In nahezu allen Ländern der OSZE-Region liegt die Geburtenrate deutlich unter dem Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern pro Frau. (Positive Ausnahmen sind zentralasiatische Länder wie Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan, Kirgisistan und Turkmenistan.) Am meisten hat dabei die Fruchtbarkeitsrate in den südlichen und nordischen Ländern Europas abgenommen – darunter in Spanien, Griechenland und Großbritannien.

Der Bericht betont, dass der Geburtenrückgang nicht nur auf kleinere Familien zurückzuführen sei, sondern auch auf eine wachsende Anzahl kinderloser Menschen, die trotz Kinderwunsch keine Kinder bekommen. Die zentrale Frage laute dabei nicht: „Warum haben die Menschen so wenige Kinder?“, sondern: „Warum haben so wenige Menschen überhaupt Kinder?“. Als zentrale Ursachen werden genannt:

  • fehlende passende Partnerschaften
  • spätere Familiengründung infolge langer Ausbildungswege, beruflicher Unsicherheit oder prekärer Arbeitsverhältnisse
  • wirtschaftliche Belastungen
  • unzureichendes Wissen über Fruchtbarkeit und biologische Grenzen

Auch aktuelle nationale Daten spiegeln diese Entwicklung wider: In Österreich kamen 2024 77.238 Kinder zur Welt, während 88.486 Menschen verstarben – die Geburtenbilanz ist damit klar negativ. Laut Statistik Austria werde die Geburtenrate 2025 voraussichtlich einen weiteren Tiefpunkt erreichen.

Eine alternde Bevölkerung

Die steigende Lebenserwartung sei laut Bericht klar als Erfolg moderner Gesellschaften zu sehen. Gleichzeitig führe sie zu einer strukturellen Verschiebung: Immer weniger junge Menschen stehen einer wachsenden älteren Bevölkerung gegenüber. Damit verschiebt sich auch das Verhältnis zwischen erwerbstätigen Menschen und Menschen im Pensionsalter.  Am Beispiel Österreichs heißt dies: Während heute rund drei Erwerbstätige auf eine pensionierte Person kommen, wird dieses Verhältnis bis 2042 voraussichtlich auf etwa zwei zu eins sinken.

Wirtschaftliche, soziale und sicherheitspolitische Folgen

Die Folgen dieser Entwicklungen sind weitreichend. Der OSZE-Bericht nennt unter anderem:

  • zunehmender Fachkräftemangel
  • sinkende Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit
  • steigende öffentliche Ausgaben bei gleichzeitig schrumpfender Steuerbasis
  • wachsender Druck auf Pflege- und Gesundheitssysteme

Hinzu kommen soziale Folgen wie Vereinsamung sowie politische bzw. gesellschaftliche Spannungen, zum Beispiel in Form von „Gerontokratien“, weil ältere Bevölkerungsgruppen politische Entscheidungen dominieren.

Kulturelle und anthropologische Dimension: „Ohne Menschen haben die Dinge keinen Sinn“

Während einige der Veränderungen, die der demografische Wandel mit sich gebracht hat, als „unumkehrbar“ eingeschätzt werden würden, seien andere veränderbar. Laut Bericht sei Folgendes klar: „Wir können Autobahnen, Gebäude und Fabriken errichten, doch ohne Menschen haben sie keinen Wert. Eine demografische Rezession ist schlimmer als eine wirtschaftliche Rezession. Deshalb muss es unsere absolute Priorität sein, den demografischen Wandel ernst zu nehmen. Die Lage ist zu ernst, um sie nur im begrenzten Zeithorizont einer Legislaturperiode zu betrachten. Langfristig notwendige Maßnahmen müssen Vorrang vor kurzfristigen Erfolgen und Wahltaktik haben“.

Ebenso geht aus dem Bericht hervor, dass demografische Entwicklungen und deren Folgen nicht isoliert betrachtet werden können. Geburtenrückgang, Alterung, „Pandemien der Einsamkeit“ verweisen auf tieferliegende kulturelle und anthropologische Fragen, wie die Folgenden: Was macht ein Leben lebenswert? Welche Rolle spielen Familie, Beziehungen und intergenerationale Solidarität im persönlichen Leben sowie in der Gesellschaft? Welche Werte können eine Gesellschaft langfristig tragen und erhalten?

Erste Lösungsansätze in der OSZE-Resolution weisen darauf hin, eine „Sorgewirtschaft“ bzw. eine „Sorgekultur“ zu etablieren. Damit ist eine wirtschaftliche und politische Ausrichtung gemeint, die Pflege-, Betreuungs- und Erziehungsarbeit nicht als nachgeordneten Kostenfaktor, sondern als zentrale Voraussetzung gesellschaftlicher Stabilität versteht und eine gesellschaftliche Grundhaltung, in der Fürsorge, Beziehung und Verantwortung zwischen den Generationen als wesentliche Werte anerkannt und gefördert werden.

Als konkrete Maßnahmen werden dabei eine familienfreundliche Steuer- und Sozialpolitik, Maßnahmen zur Förderung der intergenerationalen Solidarität sowie eine bessere Qualität in der Pflege erwähnt.

Pastorale Perspektiven: Auftrag und Verantwortung der Kirche

Der demografische Wandel fordert auch die pastorale Arbeit der Kirche heraus, neue Zugänge und Formate zu entwickeln, um an einer Kultur des Lebens und der Fürsorge mitzuwirken. Dabei geht es darum, den unverfügbaren Wert des menschlichen Lebens in allen Phasen sichtbar zu machen und christliche Haltungen des „Für-einander-Da-Seins“ zu stärken.

Diese Perspektive wird auch im jüngst ins Deutsche übersetzten Dokument >>„Das Leben ist immer ein kostbares Gut“ des Dikasteriums für die Laien, die Familie und das Leben hervorgehoben.

Veranstaltungshinweis: Kirche im Dialog

Die im Artikel dargestellten Analysen bilden auch den inhaltlichen Rahmen der Veranstaltung „Familie als Zukunftsprojekt – Kirche im Gespräch zum demografischen Wandel“, die am 24. Februar 2026 in Wien stattfindet.

In Impulsvorträgen und einem anschließenden Podiumsgespräch wird der Frage nachgegangen, wie auf diese Entwicklungen verantwortungsvoll reagiert werden kann und welche Rolle Familie dabei spielt – nicht nur als Antwort auf eine gesellschaftliche Krise, sondern als Ort gelebter Beziehung, Verantwortung und Hoffnung.

Mehr Infos >>hier.

Um Anmeldung wird gebeten unter anmeldung@ief.at.

(SM)

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