Kinderlosigkeit
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DE / Familie: Was mit dem „Kinderfrei“-Trend Hand in Hand geht

IEF, 14.11.2022 – Eine neue Studie untersuchte die Gründe für bewusste Kinderlosigkeit bei Frauen und kommt zum Ergebnis: „Freizeit statt Kinder“.

Etwa jede fünfte Frau bleibt in Deutschland kinderlos, auch weil zunehmend mehr Frauen sich ganz bewusst für ein Leben ohne Kind entscheiden. Die Duale Hochschule in Gera hat in einer Studie mit rund 1.100 gewollt kinderlosen Frauen das Thema untersucht. Welche Auswirkungen die persönliche und bewusste Entscheidung zur Kinderlosigkeit in unserer Gesellschaft haben kann und welche Rolle die persönlichen Beweggründe spielen, wird im Folgenden aufgezeigt.

Neue Studie revidiert bisherigen Forschungsstand

Wie Studienleiterin Prof. Dr. Claudia Rahnfeld dem Mitteldeutschen Rundfunk gegenüber sagt, revidiere die Studie den bisherigen Forschungsstand: „Wir sind bisher in der Forschung davon ausgegangen, dass die Rahmenbedingungen schuld daran sind, dass sich Frauen gegen Kinder entscheiden.“ Stattdessen zeige die Studie, dass die Entscheidung „intrapersonell“, also vorwiegend auf die individuellen Überzeugungen der jeweiligen Frau zurückzuführen sei. „Es herrscht ein großes Bewusstsein dafür, dass Kinder viel Raum, Zeit und Energie einnehmen“, führt Rahnfeld weiter aus. Die Studie zeige, dass sich Frauen deshalb ganz bewusst gegen Kinder entscheiden würden.

Freizeit, Geld, Selbstverwirklichung und keine Verantwortung für Kindererziehung

Die Studie befragte die Frauen zu den konkreten Ursachen und Beweggründen ihres nicht vorhandenen Kinderwunsches beziehungsweise der bewussten Entscheidung, kinderlos bleiben zu wollen: „Der primäre Grund ist die zusätzliche Freizeit, die individuell gestaltet werden kann“, sagt Annkatrin Heuschkel, die die Studie verfasst hat. Mehr Freizeit war für 82,4 Prozent der befragten Frauen ein relevantes Kriterium, gefolgt von der größeren Chance auf Selbstverwirklichung (80 Prozent) und dem Wunsch, keine Verantwortung für die Versorgung und Erziehung eines Kindes übernehmen zu müssen (73,4 Prozent). 52 Prozent gaben die Sorge vor Überforderung an, während 42 Prozent ihre elterlichen Fähigkeiten bezweifelten. Die bisherige Annahme, dass die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf (40,2 Prozent) und eine kinderfeindliche Gesellschaft (21,4 Prozent) hauptursächlich seien, bestätigte die Studie nicht. Lediglich die finanziellen Vorteile (63,8 Prozent), die ein kinderloses Leben bedeutet, waren für mehr als die Hälfte der befragten Frauen ein Grund. Auch das stetige Bevölkerungswachstum (53 Prozent) und der ökologische Fußabdruck (47 Prozent) spielten für viele Frauen eine Rolle. Dass Kinderkriegen negative Auswirkungen auf die Karriere habe, sei laut Rahnfeld völlig klar: „Die Geburt eines Kindes bedeutet ausschließlich Nachteile für die Karriere einer Frau.“ Auf den Karriereverlauf des Mannes habe es laut Statistik hingegen keine Auswirkungen.

Entscheidung wird früh gefällt

Die Wissenschaftler untersuchten auch den Zeitpunkt der Entscheidung, keine Kinder haben zu wollen. 42 Prozent der Frauen gaben an, bereits unter 18 Jahren die Entscheidung gegen Kinder getroffen zu haben. 37 Prozent hätten sich zwischen 18 und 30 Jahren dazu entschieden. Die Studie zeigt also, dass Frauen sich häufig schon früh entscheiden, keine Kinder bekommen zu wollen: Jede zweite entscheidet das bis zum 21. Lebensjahr und acht von zehn Frauen haben sich bis zum Alter von 30 Jahren entschieden.

Rechtfertigungsdruck und Vorurteile

Laut der Geraer Studie fühlen 68 Prozent aller gewollt kinderlosen Frauen einen Rechtfertigungsdruck gegenüber Außenstehenden. „Gesellschaftlich verknüpft ist das Stigma, dass die kinderlose Frau allein ist oder in wilden Partnerschaften lebt und überhaupt keine Beziehungen eingehen will“, so Rahnfeld. Der Studie zufolge leben aber 80 Prozent der gewollt kinderlosen Frauen in gelingenden Partnerschaften. Ein weiteres weit verbreitetes Klischee besagt, dass gewollt kinderlose Frauen selbstbezogen und egoistisch seien. Auch wenn die Studienergebnisse dies zunächst zu bestätigen scheinen, widersprechen die Wissenschaftlerinnen: „Man muss einen wesentlichen Grund mit einbeziehen: den Kinderwunsch. Mehr als 70 Prozent der Frauen haben nie in ihrem Leben, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart, den Wunsch verspürt, eine Familie zu gründen“, führt Heuschkel aus. „Es wäre also überraschender, wenn die betreffende Frau wider ihren eigenen Willen handelt und ein Kind bekommt.“

Reproduktionsmedizinische Maßnahmen als Lösung

Eine andere Umfrage aus dem Jahr 2020 befragte 1.004 Frauen in Deutschland im Alter von 18 bis 50 Jahren, welche Gründe sie dazu bewegten, auf eine Schwangerschaft zu verzichten oder diese „zu vertagen“. Hierbei gaben zwei Drittel der Frauen an, „moderne medizinische Möglichkeiten“ in Erwägung zu ziehen, um „später schwanger zu werden“. 37 Prozent der Frauen zwischen 30 und 39 Jahren könnten sich vorstellen, eine künstliche Befruchtung durchzuführen. Die Tendenz, den „Kinderwunsch später zu verwirklichen“ und zuerst Karriere zu machen, bestätigen sowohl das steigende Alter bei der ersten Geburt (2009 28,8 Jahre, 2019 30,1 Jahre) als auch die steigende Inanspruchnahme von reproduktionsmedizinischen Maßnahmen (IEF Bericht). Mit dem zunehmenden Alter beim ersten Kind in Verbindung steht wiederum die Anzahl der Kinder pro Frau: Wie das Statistische Bundesamt im Juli 2020 mitteilte, nahm die Geburtenziffer 2019 (1,54 Kinder pro Frau) in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr (2018: 1,57 Kinder) erneut ab. Die Umfrageergebnisse erwecken den Eindruck, dass einerseits die Risiken der reproduktionsmedizinischen Maßnahmen für Frauen und Kinder wenig bekannt zu sein scheinen oder nicht ernst genommen werden (IEF-Bericht). Andererseits scheint Aufklärungsbedarf zu bestehen, dass auch reproduktionsmedizinische Maßnahmen mit zunehmendem Alter der Frau weniger „erfolgsversprechend“ sind.

IEF-Kommentar:

Weiterer Blick auf Mutterschaft

Die Beweggründe der Frauen gegen Kinder erwecken den Eindruck, dass ein Leben mit Kindern in erster Linie Verzicht bedeutet. Dass Kinder bekommen, pflegen und erziehen, Mütter (und Väter auf andere Weise) sowohl körperlich, emotional, psychisch und finanziell „viel kostet“, ist hinlänglich bekannt. Wie die Ergebnisse der Studie aber auch deutlich machen, ist viel zu wenig bekannt, wie bereichernd Kinder haben und Familie leben sein kann. Auf individueller Ebene betrachtet, bietet Mutterschaft (Elternschaft) die Möglichkeit des persönlichen Wachstums in verschiedensten Bereichen, wie es vermutlich wenige Karrieren ermöglichen würden. Muttersein ist auch ein Beruf. Vermehrte Angebote für Müttercoaching und Familienmanagement sowie Forderungen nach einem staatlichen Gehalt für die Leistung von Müttern zeigen, dass das Bewusstsein für das „Berufsbild“ Mutter steigt. Aus einer weiteren Sicht heraus hat Mutterschaft Auswirkungen auf die Gesellschaft, denn durch die Entscheidung zu Mutter- und Vaterschaft entstehen Familien. In der Familie können deren Mitglieder und auch Außenstehende Gemeinschaft, Halt, Unterstützung und Wärme erfahren. Diese Erfahrungen in Familien sind wiederum wesentliche Bausteine einer funktionierenden und solidarischen Gesellschaft. Andererseits gibt es auch Männer und Frauen, die keine Kinder haben möchten, um sich auf eine andere Art und Weise für die Gesellschaft einsetzen zu können. Hier unterscheiden sich die Beweggründe für die Kinderlosigkeit.

Generationenvertrag – Verantwortung für die Gesellschaft

Der Wohlstand unserer Gesellschaft ist unter anderem dem sogenannten Generationenvertrag zu verdanken. Die Idee des Generationenvertrags besteht darin, dass die junge, erwerbstätige Generation für Erziehung und Unterhalt der Kinder (Folgegeneration) sorgt und gleichzeitig durch Pflichtbeiträge die laufenden Renten der älteren Generation, die bereits aus dem Arbeitsleben ausgeschieden ist, finanziert. Nachdem die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten immer älter wird, während gleichzeitig die Geburtenrate zurückgeht, wird der Generationenvertrag in Zukunft nicht mehr wie ursprünglich gedacht funktionieren können. Forderungen, die von unterschiedlichen Familienverbänden erhoben werden, verlangen daher einen höheren Beitrag zur Rentenversicherung für Kinderlose im Sinne einer finanziellen Gerechtigkeit. Der Generationenvertrag macht in seiner Dimension deutlich, dass jeder Mensch notwendig für die Gesellschaft ist und eine Verantwortung für sie trägt.

Einsamkeit im Alter und „Sterbehilfe“

Eine Realität in unserer Gesellschaft ist die zunehmende Einsamkeit im Alter. Welche die Beweggründe für die Entscheidung gegen Kinder und Familie gewesen sind, spielt in höherem Alter keine Rolle mehr. So sind alte Menschen, die in sozialer Isolation leben, beispielsweise größeren gesundheitlichen Risiken wie Immobilität oder Sturzgefahr ausgesetzt (Studie Springer). Aus der Isolation erwachsende Einsamkeit kann aber auch zu Depressionen und Suizidalität führen. Bei Umfragen gaben Menschen als Grund für einen Todeswunsch immer wieder Einsamkeit, die Sorge, zur Last zu fallen oder Geldsorgen an (IEF-Bericht). In einer Gesellschaft, in der die Suizidassistenz straffrei ist und der Suizid als Akt der Selbstbestimmung („Freitod“) verherrlicht wird, sollte die steigende Einsamkeit im Alter vor diesem Hintergrund Sorge bereiten. Denkbar wäre auch, dass sich (alte) Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, in den Suizid gedrängt fühlen könnten, um Kosten und Ressourcen zu sparen, wie das errechnete „Einsparungspotenzial“ durch „Sterbehilfe“ in Kanada zeigt (IEF-Bericht). Im Leben und besonders im Altern und Sterben zeigt sich letztlich, dass der Mensch keine Insel, sondern Teil einer Gemeinschaft ist.

Grenze der Machbarkeit – ein Kind „um jeden Preis“

Während es Frauen/Paare gibt, die bewusst keine Kinder möchten, nimmt die Unfruchtbarkeit bei Frauen und Männern zu. Die Gründe hierfür sind teilweise unklar, die Wissenschaft geht davon aus, dass etwa der Lebensstil (Ernährung, Stress etc.) eine Rolle spielen könnte. Kinderlosigkeit kann für ungewollt kinderlose Frauen/Paare oft einen großen Schmerz darstellen und die Suche nach Linderung ist verständlich. Gleichzeitig zeigen die reproduktionsmedizinischen Entwicklungen, dass die unbedingte Erfüllung des Kinderwunsches zu Lasten der Kinder und Frauen gehen kann. Abgesehen von den körperlichen Risiken, die durch reproduktionsmedizinische Maßnahmen für Mutter und Kind in Kauf genommen werden müssen, kann etwa durch Samen-, Eizellspende und Leihmutterschaft auch das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung und auf Aufwachsen bei seinen leiblichen Eltern verletzt werden. Während Frauen, die als Leihmutter tätig werden, meist ihre Selbstbestimmung im Prozess der Leihmutterschaft aufgeben, indem sie sich etwa an Ernährungspläne halten oder medizinische Untersuchungen durchführen lassen müssen, werden Kinder gegen Geld gehandelt. Obwohl die Reproduktionsmedizin mittlerweile den Anschein erweckt, vielfältige Wünsche nach dem eigenen Kind erfüllen zu können, zeigt die Realität, dass der Machbarkeit Grenzen gesetzt sind. (TSG)

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