
DDr. Alfried Längle: Ich will, dass du bist und dass du wirst
IEF, 23.06.2026 – Freiheit, Begegnung und die Entscheidung, dem anderen Gutes zu wollen. Existenzanalytiker Alfried Längle beleuchtet die psychologischen Grundlagen „personaler Liebe“.
Liebe zwischen Sehnsucht und Unsicherheit
Längle eröffnete seinen Vortrag im Rahmen des IEF-Dialog-Abends „Für immer Du“ mit einem alten mittelhochdeutschen Liebesgedicht:
Dû bist mîn, ich bin dîn,
des solt dû gewis sîn.
Dû bist beslozzen in mînem herzen,
verlorn ist daz sluzzelîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn
Dessen sollst du gewiss sein.
Du bist eingeschlossen
in meinem Herzen,
verloren ist das Schlüssellein:
Du musst auch für immer darin bleiben.“]
Doch so einfach sei die Wirklichkeit nicht. Menschliches Leben bleibe brüchig und unsicher. „Es gibt keine Sicherheit“, so Längle.
Gerade deshalb entstehe in Beziehungen oft eine tiefe Sehnsucht nach Stabilität. Menschen hoffen, in der Liebe einen Ort zu finden, der bleibt. Doch Verbindlichkeit werde nicht aus vermeintlicher Sicherheit entstehen. Sie könne sich vielmehr inmitten der Unsicherheit des Lebens bewähren, indem Menschen bewusst zu ihrem Leben und zueinander Stellung einnehmen.
Was Menschen in Beziehungen suchen
Aus psychologischer Sicht fragte Längle zunächst danach, was Menschen in Beziehungen eigentlich suchen. Geht es um Begegnung und Liebe? Um Geborgenheit und Aufgehobensein? Um Lebensfreude und Lust? Um eine transzendentale Dimension, in der Liebe auch als Weg zu Gott verstanden wird?
Damit machte der Psychotherapeut deutlich: Wer über Liebe spricht, muss zuerst verstehen, welche Bedürfnisse, Hoffnungen und inneren Motive Menschen in Beziehungen mitbringen. Nicht jede Beziehung lebt aus denselben Erwartungen und Sehnsüchten.
Liebe braucht Begegnung
Ein zentraler Gedanke seines Vortrags war die Unterscheidung zwischen Beziehung und Begegnung. Beziehung bedeute emotionale Verbundenheit, Vertrautheit, gemeinsames Leben. Doch allein von Beziehung könne Liebe nicht leben: „Wenn nur die Beziehung das Bett der Liebe wäre, dann würde sie vertrocknen“.
Liebe brauche immer wieder auch Momente der Begegnung. Begegnung entsteht dort, wo ein Ich einem Du gegenübertritt und sich vom Wesentlichen des anderen Menschen ansprechen lässt. Sie verändert beide Menschen und lässt die Beziehung wachsen.
Längle beschrieb diesen Prozess auch als Resonanzgeschehen. In der personalen Liebe „beginnt in mir etwas zu schwingen“. Der andere Mensch wird nicht nur wahrgenommen, sondern berührt durch sein Wesen etwas Inneres und Wesentliches in mir und verändert mich.
Personale Liebe: Den anderen in seinem Wesen erkennen
Im Zentrum von Längles Vortrag stand sein Verständnis „personaler Liebe“. Sie beginne mit einem Werterleben: Der andere Mensch wird als wertvoll erfahren, als jemand, zu dem eine besondere Zugehörigkeit entsteht. Liebe sei nicht Bedürfnisdruck, sondern ein freies Angesprochensein durch den anderen.
Dabei werde der andere nicht nur in seiner Gegenwart (in seinem Ist-Zustand) wahrgenommen, sondern auch in seinem Potenzial. Längle zitierte dazu Dostojewski: „Lieben heißt, den Menschen so sehen, wie Gott ihn gemeint hat.“ Wer liebt, sieht den anderen nicht nur so, wie er heute ist, sondern erkennt auch, wer er werden kann.
Ich will dir Gutes – die Haltung der Liebe
Liebe zeige sich nicht nur im Gefühl, sondern in einer Haltung. Wer liebt, möchte, dass es dem anderen gut geht. Er freut sich darüber, dass der andere da ist und will dessen Leben fördern.
Zu dieser Haltung gehört auch der Satz: „Gut, dass es dich gibt.“ Liebe will den anderen nicht besitzen, sondern ihn in seinem eigenen Werden unterstützen.
Liebe will Wirklichkeit und Zukunft
Personale Liebe möchte nicht bloß Vorstellung oder Gefühl bleiben. Sie will gelebt werden. Dies drückt sich aus in Aufmerksamkeit, Fürsorge, gemeinsamen Unternehmungen und Hingabe – auch in der Sexualität. Liebe will Wirklichkeit werden.
Zugleich ist Liebe auf Zukunft gerichtet. „Die Liebe will Dauer. Sie will Bestand“, betonte Längle. Wer liebt, möchte eine gemeinsame Perspektive. Liebe trägt eine schöpferische Kraft in sich: Sie will etwas hervorbringen, weitergeben und über sich hinauswachsen.
Liebe und Realität
Bei aller Tiefe und Schönheit dieses Verständnisses von Liebe warnte Längle vor romantischer Vereinfachung. Liebe allein garantiere noch kein gelingendes Zusammenleben: Persönlichkeitszüge, Ängste, Unsicherheiten, Verletzungen, Traumatisierungen, familiäre Prägungen oder unterschiedliche Überzeugungen können eine Partnerschaft stark beeinflussen.
Man heirate nie nur einen Menschen, so Längle sinngemäß, sondern immer auch dessen Geschichte und Familie. Deshalb könne selbst große Liebe an der Realität des Zusammenlebens leiden. „Liebe ist die Leidenschaft, die Leiden schafft“, formulierte er pointiert.
Freiheit, Entscheidung und Verbindlichkeit
Immer wieder führte Längle seine Gedanken auf die Frage der Verbindlichkeit zurück. Exklusive und dauerhafte Liebe könne nicht gefordert oder erzwungen werden. „Exklusive Liebe, das können wir nicht fordern. Das müssen wir wollen“, sagte er.
Gerade darin liege der Zusammenhang von Freiheit und Verbindlichkeit. Liebe werde erst dort verbindlich, wo Menschen sich frei füreinander entscheiden. Sie lebe von einem bewussten Ja zum anderen: „Ich will dir gut. Ich will, dass du bist und dass du wirst. Ich will mit dir Zukunft gestalten.“
Verbindliche Liebe erscheint damit nicht als Gegensatz zu Freiheit und Selbstverwirklichung. Im Gegenteil: Sie wächst dort, wo Menschen ihre Freiheit nutzen, um sich immer wieder neu füreinander zu entscheiden und in dieser Beziehung einen Wert sowie einen Weg persönlicher Reifung entdecken.
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(SM)


