Zwar kann man wie Watzlawick es sagte nicht nicht kommunizieren – in Beziehungen kann man anscheinend aber oft wirklich nicht. Zumindest nicht so, wie es sinnvoll wäre.

Was anfangs in der Beziehung noch fast wie von alleine gelingt, beginnt mit Abflauen der Verliebtheitsphase immer schwieriger zu werden. Das Gegenüber scheint allmählich in einer „anderen Sprache“ zu sprechen. Irgendwann versteht man sich nicht mehr, eines führt zum anderen und die Beziehung befindet sich auf der Zerreißprobe. Der Beziehungs- und Paarberater Gary Chapman entwickelte ein einfaches aber effektives Konzept, dass in dieser kritischen Phase hilfreich sein kann.

Die Sprache des anderen verstehen lernen

Treffen ein Chinese und ein Brite ohne Fremdsprachenkenntnisse aufeinander, wird die Kommunikation wahrscheinlich schwierig sein. Lernt der Brite nun chinesisch, weil ihm der Chinese sehr wichtig ist, wird die Kommunikation einfacher. In einer schwierigen Situation oder Krise wird der Brite vielleicht aber wieder in seine Muttersprache fallen und sich auch so ausdrücken und verstanden fühlen wollen. Für den Chinesen klingt das dann aber vielleicht spanisch. Er versteht ihn nicht mehr und er Brite fühlt sich natürlich auch nicht verstanden. Idealerweise geht es also um ein gegenseitiges Verstehen-Lernen der Sprache des anderen.

Chapman geht davon aus, dass so wie die Muttersprache gelernt wird, auch ein Verständnis davon gelernt wird, was Liebe für einen bedeutet. Oder besser: was geschehen muss, damit man sich geliebt fühlt. Vorstellen kann man sich das wie bei einem Zebra. An dem Punkt an den Vorderbeinen, an dem die horizontalen und vertikalen Streifen des Zebras zusammenlaufen, entsteht jeweils ein individuelles und einzigartiges Muster. Dieses Muster befindet sich etwa auf Augenhöhe des neu geborenen Zebras, das sich diese Stelle einprägt und so die Mutter immer wieder erkennen kann. Genauso lernen wir unbewusst schon als kleine Kinder, was sich richtig, gut und nach Liebe anfühlt. Ganz ohne Anstrengung und auch ohne es zu hinterfragen. Dabei spielen die engen Bezugspersonen (meist die Eltern) eine entscheidende Rolle. Wird ein Kind vielleicht häufig umarmt, wird oft auch Zweisamkeit oder Zärtlichkeit im Erwachsenenalter ein natürliches Gefühl von Geliebt-sein auslösen. Wird ein Kind eher gelobt, ist möglicherweise Anerkennung im späteren Leben die Quelle davon sich angenommen und geliebt zu fühlen, usw. Ist einem diese „Liebessprache“ des Gegenübers nicht bewusst, ist die Chance hoch, dass der Versuch Liebe auszudrücken, unverstanden bleibt. Gleichzeitig wird das Bemühen des Gegenübers vielleicht auch nicht berühren.

Chapmann hat fünf „Liebes-Sprachen“ definiert:

Zweisamkeit

Zeit die man bewusst zugewandt verbringt (Quality time). Gemeinsame Abende, Essen, Gespräche. Uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu gewissen Zeiten.

Lob und Anerkennung

Die richtigen Worte von Herzen aussprechen. Besonderes erkennen und hervorheben. Ehrliche Wertschätzung, Dankbarkeit und Liebe in Worten ausdrücken.

Hilfsbereitschaft

Etwas für den anderen tun. Bewusst mit Selbstverständlichkeit helfen und unterstützen. Dadurch wird anderen gezeigt, dass sie ihnen wichtig sind.

Geschenke, die von Herzen kommen

Hier wird durch Aufmerksamkeiten oder Geschenke die Liebe ausgedrückt. Nicht der materielle Wert spielt die entscheidende Rolle, sondern die Gedanken dahinter, das Erkennen der vielleicht unausgesprochenen Wünsche und Bedürfnisse des anderen.

Zärtlichkeit

Umarmungen und Berührungen als Liebesakt und -beweis zählen hier mehr als Worte. Dabei ist der Liebesakt aber nur eine von vielen Formen Zärtlichkeiten auszutauschen und sich geliebt zu fühlen.

Vermutlich wird man nicht nur eine dieser Sprachen sprechen. Und sogar wenn man sich in mehreren Sprachen daheim fühlt und gut einzusetzen weiß, wird doch eine davon die natürlichste sein. Das Konzept gilt übrigens nicht nur für Liebesbeziehungen, sondern prinzipiell für jede tiefergehende zwischenmenschliche Begegnung. Sollte man von Haus aus nicht dieselbe Sprache seines Gegenübers sprechen, gibt es dennoch Hoffnung: Sprachen kann man lernen. Da die Sprachen recht gleichmäßig über die Gesamtbevölkerung verteilt sind, zahlt sich das ohnehin aus.

Autor: Mag. Johannes Wunsch, 2019

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