IEF, 28.2.2018 – Die vom Berliner Senat finanzierte Broschüre „Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben“ sorgt seit einigen Tagen für Aufruhr. CDU, AfD und FDP fordern eine Überarbeitung und/oder einen Verteilungsstopp.

Auf 100 Seiten haben verschiedene Autoren unter der Leitung der Bildungsinitiative Queerformat eine Handreichung (besser: Broschüre) erstellt, die dabei helfen soll, Unsicherheiten bei der Thematisierung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der Kindertagesbetreuung im Rahmen frühkindlicher Pädagogik vorzubeugen. Ziel sei es, die Pädagogen „sachlich zu informieren und ihnen Empfehlungen für ein inklusiv pädagogisches Handeln im Umgang mit Geschlechtervielfalt und Familienvielfalt an die Hand zu geben“. Einleitend finden sich einige Grundlagentexte zu Themen wie sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in frühkindlicher Pädagogik oder auch Trans- und Intergeschlechtlichkeit im frühen Kindesalter. Daran schließen sich Praxishilfen und Empfehlungen von pädagogischen Materialien für die Kindertagesbetreuung an.

Kritik an Broschüre: Petition hat schon über 48.000 Unterstützer

Aus vielen Richtungen wurden schon kurz nach der Veröffentlichung der Broschüre Zweifel laut, ob sich diese auf angemessene Weise der sensiblen Thematik nähere. Eine unmittelbar gestartete Petition gegen die Materialien fand innerhalb von kürzester Zeit tausende Unterstützer. Bis heute wurde sie schon von über 48.000 Personen unterschrieben. Der Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, Peter Huth, kritisierte insbesondere den unterschwellig wahrnehmbaren Duktus der Unterlagen. In der Broschüre, die sich zu großen Teilen vor allem mit dem Thema Transgender auseinandersetzt, stimmten für ihn vor allem die Verhältnisse nicht mehr überein. Die Überbetonung mache aus sexueller und geschlechtlicher Orientierung eine Ideologie, warnt Huth: „Der Sonderfall wird zur erstrebenswerten Normalität erklärt, das Normale zum unentdeckten, weil unterdrückten Sonderfall.“

Tatsächlich scheinen die Verfasser der Broschüre neben ihrem Ideal wenig bis keine Alternativen zu sehen. So stehe die Frage, „ob die Themen Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung schon in die Kita-Praxis gehörten oder überhaupt mit Kindern darüber gesprochen werden darf“, ihrer Meinung nach nicht mehr zur Debatte. Eltern, die eine Thematisierung und Förderung von geschlechtlicher Vielfalt bereits im Kita-Alter (1-4 Jahre) aus verschiedensten Gründen ablehnten, sollten von der Betreuungseinrichtung überzeugt werden. Die Autoren bringen bei Unstimmigkeiten zwischen Eltern und Pädagogen immer wieder das Kindeswohl ins Spiel: „Verdeutlichen Sie, dass es wichtig ist, in der Kita für ein akzeptierendes Klima für Vielfalt zu sorgen, damit Kinder sich wohlfühlen und gut lernen können.“  Im Umkehrschluss würde dies jedoch bedeuten: Bei Zweifeln an Vorgehensweise und Inhalten schaden die Eltern ihrem Kind und vertreten obendrein laut den Autoren noch eine „heteronormative Geschlechterordnung“.

FDP möchte Anpassung, CDU und AfD fordern Verteilungsstopp

Die Gefahr einer solchen Dynamik sieht auch die FDP-Fraktion im Berliner Senat. Sie forderte in ihrem Antrag die „unterschiedlichen Familiensituationen der Kinder (zu) berücksichtigen und den vorrangigen Erziehungsauftrag der Eltern (zu) respektieren[.]“, im Zweifel auch dann, wenn die politischen Ziele des Senats davon abweichen würden. Eine einseitige Beeinflussung von Kleinkindern sollte aus ihrer Sicht vermieden werden. Eltern käme beim Thema sexuelle Vielfalt Erziehungsvorrang zu.

Größeren Handlungsbedarf sehen die Fraktionen von CDU  und AfD im Berliner Senat. Die CDU forderte in ihrem Antrag den sofortigen Verteilungsstopp der Broschüre. „Fragen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt gehören nicht in die Berliner Kindertagesstätten“, so die Begründung. Für die AfD hingegen sei sogar ein Verteilungsstopp zu wenig. Die Partei forderte vielmehr eine tiefgreifende Änderung der gesetzlichen Grundlage, auf die sich die Broschüre beziehe. Die Vorgabe schreibe fest, dass bereits in der Kita Themen wie geschlechtliche und sexuelle Vielfalt Gegenstand in der Erziehung sein sollten. Die AfD versperrt sich nicht der notwendigen Sensibilität, meint aber, dass über geschlechtliche Vielfalt „anlassbezogen …, nicht präventiv“ gesprochen werden sollte.

Prämisse: Fragen nach der sexuellen Orientierung und gelebten Sexualität schon im Kindergarten?

Überhaupt scheinen die Autoren davon überzeugt, dass Fragen nach der sexuellen Orientierung und gelebten  Sexualität dominante und wichtige Themen bereits in den ersten Lebensjahren seien. Völlig selbstverständlich wird davon gesprochen, dass Kinder in der Kindertagesstätte eine sexuelle Präferenz für ihre Spielkameraden entwickeln können und so „Verliebtheitsgefühle zu Kindern desselben Geschlechts (…) in der Kita eine Rolle spielen“. Dabei wird mit keinem Wort zwischen den hier beschriebenen kindlichen Gefühlen und dem erwachsenen sexuellen Begehren unterschieden. Die Broschüre vermittelt vielmehr den Eindruck: genauso wie Erwachsene empfänden Kinder bereits sexuelles Begehren und sollten darin beachtet und unterstützt werden.

Ähnlich wird über das Thema Transidentität gesprochen. Transidente Gefühle des Kindes sollen unterstützt und ernst genommen werden. Dass Transsexualität in der Medizin nach wie vor als eine „Störung der geschlechtlichen Identität“ bezeichnet wird, sei durch die „gewohnte Wahrnehmung von Geschlecht als scheinbar polare Kategorie“ verschuldet. Vielmehr sei „das Thema Transgeschlechtlichkeit allgegenwärtig“ und solle deshalb im pädagogischen Handeln immer mitgedacht werden. Und obwohl laut der eigens angeführten Statistik für den allergrößten Teil der Befragten das Thema sexuelle Orientierung überhaupt erst im Alter zwischen dem 10 und 14 Lebensjahr ins Bewusstsein trete, scheint für die „Experten“ eine inklusive Thematisierung sexueller Vielfalt schon in den ersten Lebensjahren notwendig.

Dass pädagogische Fachkräfte in diesem sensiblen Feld Angebote der Hilfestellung bräuchten, bezweifelt keiner der Kritiker. Denn dies sei wichtig, wenn in Einzelfällen Fachwissen benötigt werde. Fragen der “sexuellen Vielfalt”, transidenter Gefühle oder des Wunsches, in einem anderen Körper leben zu können, aktiv und in einem breiten Umfang in Betreuungseinrichtungen für Kinder zwischen eins und vier zu thematisieren, geht jedoch vielen Kritikern zu weit. In diesem Sinne schließt sich auch Mag. Johannes Reinprecht, Direktor des Instituts für Ehe und Familie (IEF) der Kritik am pädagogischen Ansatz der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt an. „Kindertagesstätten sollten Orte sein, bei denen individuell und altersgerecht auf die Bedürfnisse von Kindern eingegangen wird. Die bewährte Methode, gerade beim Thema der Sexualität im frühen Kindesalter nur auf konkrete Fragen der Kinder einzugehen und auch nur im gefragten Umfang, sollte hoch gehalten werden. Broschüren wie diese vermitteln jedoch eher den Eindruck, ideologische Strömungen und Weltanschauungen möglichst schon im Kleinkinderalter verankern zu wollen.” Dies sei sowohl eine bedenkliche Instrumentalisierung kindlicher Seelen, als auch ein nicht hinzunehmender Eingriff in die Erziehungsrechte der Eltern, betont Reinprecht kritisch. Es sei erfreulich, dass sowohl CDU und AFD, als auch die FDP dies erkannt zu haben scheinen, so der Direktor des IEF.

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