DE / Pränataldiagnostik: Abtreibung als die kostensparende Option

IEF, 15.07.2019 – Nur wenige Jahrzehnte nach der von den Nationalsozialisten propagierten Eugenik fand in den 70er Jahren die Kosten-Nutzen-Analyse in Bezug auf Menschen mit Behinderung Eingang in die öffentlichen Debatte rund um Pränataldiagnostik.

Wie der Bayerische Rundfunk berichtet, sollen den Genetikern in Deutschland Ende der 70er Jahre die finanziellen Mittel für ihre Forschung ausgegangen sein. In der Not hätten sich die Wissenschaftler an die Politik mit dem Argument einer beträchtlichen Kostenersparnis durch pränatale Diagnostik gewandt. In diversen Schreiben, Büchern und Reden sollen die Humangenetiker den zuständigen Forschungs- und Gesundheitsministern, Gesundheitspolitikern und einflussreichen Wissenschaftlern vorgerechnet haben, wieviel die lebenslange Versorgung behinderter Menschen kosten würde und wieviel Geld sich durch die Abtreibung dieser Personen einsparen ließe.

“1977 war die Kosten-Nutzen-Rhetorik erfolgreich, um die Übernahme der Pränataldiagnostik in die Haushalte der Länder vielfach zu erwirken und eine größere ethische Debatte, ob dies möglicherweise problematisch sei, gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht,” so Birgit Nemec, Historikerin an der Universität Heidelberg.

Kostenrechnungen seien auch von den Politikern selbst angestellt worden. So würde sich laut Bayerischem Rundfunk in einer Vorlage des Berliner Senats von 1978 ein Hinweis auf die von behinderten Kindern verursachten Kosten in Millionenhöhe finden. Der entscheidende Beitrag der Humangenetik zur Kostendämpfung soll im selben Jahr auch von der Hamburger Gesundheitsbehörde hervorgehoben worden sein.

Laut Jan Murken, dem damaligen Leiter der genetischen Beratungsstelle der Kinderpoliklinik in München, die in den 70ern ebenfalls in einer Finanzierungskrise steckte, soll der Kosten-Nutzen-Vergleich von den Politikern forciert worden sein. Diese monetären Überlegungen seien jedoch nicht in die Beratung von Eltern eingeflossen.

Von wem die Kostenrechnung letztendlich ausgegangen ist, ließe sich heute nicht mehr eindeutig feststellen. Belegt sei jedoch, dass der vorhin genannte Jan Murken beim Ärztetag in Mannheim die von seinen Kollegen errechneten „monetären Nutzen“ von Schwangerschaftsabbrüchen bei Down-Syndrom-Kindern zitiert haben soll. Es soll damals um kolportierte 16 Millionen DM gegangen sein, die man mit der Abtreibung von 172 Kindern mit Trisomie 21 „einsparen“ könnte.

Nachdem in den 1980er Jahren die Finanzierung der Humangenetik gesichert war, verschwand laut Beitrag des BR das Kostenargument aus der öffentlichen Debatte. Aus dem (Unter-)Bewusstsein aber wohl eher nicht, wie Dr. Stephanie Merckens vom Institut für Ehe und Familie (IEF) und langjährige Beobachterin der Entwicklung pränataler Diagnostik kritisch bemerkt. Gerade die Diskussion um den Spätabbruch wegen Behinderung in Österreich oder auch die Frage nach der Kostentragung von pränatalen Tests in Deutschland würden laufend vor Augen führen, wie sehr die Kostenfrage unterschwellig die biopolitische Meinungsbildung präge. (AH)

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