Geschlechtswechsel
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CH_INT / Gender: Geschlechtswechsel oft nicht die Lösung des Problems

IEF, 10.02.2022 – Spätestens seitdem die neue deutsche Bundesregierung, eine Koalition aus SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen (die sogenannte Ampel-Koalition) in ihrem Koalitionsvertrag erklärt hat, dass sie den Geschlechtswechsel in Deutschland erleichtern möchte (das IEF hat berichtet), ist das Thema wieder ein wenig in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Geplant ist hier unter anderem die Möglichkeit eines Geschlechtswechsels durch Selbsterklärung. Außerdem soll der Wechsel für Minderjährige erleichtert werden. Erstmals mehren sich allerdings auch kritische Berichte. Mehr dazu erfahren Sie in diesem Artikel.

Trans-Hype in Medien kann Entwicklung von Jugendlichen beeinflussen

So veröffentlichte die schweizerische NZZ im Januar einen Artikel unter dem Titel „Warum wollen immer mehr Frauen Männer werden?“, der sich vor allem mit der Frage auseinandersetzt, ob eine frühzeitige Geschlechtsumwandlung während der Pubertät sinnvoll ist. Der Artikel lässt unter anderem Nadia Brönimann zu Wort kommen, eine schweizerische Buchautorin, die selber als Mann geboren wurde und seit ca. 25 Jahren als Frau lebt. Sie weist in dem Artikel darauf hin, dass es aktuell einen „Trans-Hype“ gebe, der sich aus einer „enormen Präsens von Transidentität“ in den Medien ergebe und der in der Lage sei „die Entwicklung von Jugendlichen von vornherein zu beeinflussen“.

Brönimann warnt davor die „schwierigen Seiten“ einer Geschlechtsumwandlung zu übersehen. Sie selbst sagt gegenüber der NZZ, dass ihre Motivation für den Geschlechtswechsel jene war, dass sie als Kind unglücklich gewesen und von ihren Eltern vernachlässigt worden sei und „raus aus ihrer Haut“ wollte. Rückblickend glaubt sie nicht mehr, dass der Geschlechtswechsel die Lösung ihrer Probleme gewesen sei. Hätte sie damals eine Psychotherapie gemacht, die ihr gelehrt hätte, „sich mit sich selbst wohler zu fühlen“, wäre sie wahrscheinlich „heute noch körperlich ein Mann“.

Dass Brönimann mit dieser Erfahrung nicht alleine dasteht, weiß sie aus Gesprächen mit anderen Transpersonen. Viele würden sich schwer tun mit dem Eingeständnis, dass ihre Entscheidung zum Geschlechtswechsel doch nicht nur positiv gewesen sei. Einige würden ihre negativen Erfahrungen auch nicht mitteilen wollen, aus Angst als transfeindlich abgestempelt zu werden. Brönimann gibt selbst zu, dass sie mit den Folgen ihrer geschlechtsumwandelnden Operationen bis dato zu kämpfen hat. Heute sehe sie „die Unversehrtheit des eigenen Körpers als höchstes Gut an, das man nicht leichtfertig riskieren sollte“.

Von ähnlichen enttäuschten Hoffnungen erzählte auch bereits im Sommer 2020 ein vielbeachteter Artikel in der Zeitschrift EMMA, in welchem drei junge Frauen von ihrem Geschlechtswechsel und den dazugehörigen Behandlungen berichteten, sowie von den Schwierigkeiten mit der Rückkehr zum weiblichen Geschlecht (das IEF hat berichtet).

Explosion der Behandlungszahlen um 4500 Prozent

Der NZZ-Artikel verweist außerdem auch auf einen starken prozentualen Überhang an jungen Frauen die ihr Geschlecht wechseln wollen und nennt hier 80 Prozent – eine Zahl die sich aus den Behandlungszahlen einer schwedischen und einer britischen Klink ableiten lassen. In der britischen Klinik sind die Behandlungen von Minderjährigen laut NZZ im Zeitraum von 2009 bis 2016 um ganze 4500 Prozent angestiegen. In der schwedischen Karolinska-Klinik in Stockholm nahm die Zahl der weiblichen Jugendlichen, die sich als junge Männer identifizierten, in der Zeit von 2008 bis 2019 von 80 auf 1190 Prozent zu. Jedoch hat die Klinik die Behandlung von Minderjährigen im Herbst des Jahres 2021, wegen der unklaren Vorteile einer Behandlung für die Betroffenen, eingestellt (das IEF hat berichtet).

Circa 80% der betroffenen Jugendlichen sind weiblich

Die genauere Untersuchung dieses Trends weist verschiedene, bedenkliche Aspekte auf. So zitiert die NZZ den Kinder- und Jugendpsychologen Alexander Korte, der vor allem den erhöhten Anteil an Mädchen mit einer vermuteten Geschlechtsdysphorie „höchst bedenklich“ findet. Korte sieht eine der Ursachen in der Pubertät, zumal das Erreichen der Geschlechtsreife für weibliche Jugendliche oftmals „verwirrend und schmerzhaft“ sein könne. Männliche Jugendliche nähmen im Gegensatz dazu nur zu 4 Prozent gemischte Gefühle wahr. Daraus folgert er, dass eine Geschlechtsdysphorie bei Jugendlichen „ein Ausdruck des Scheiterns an den Herausforderungen der Pubertät“ sei.

Darauf, dass nicht das Unbehagen am eigenen Körper die eigentliche Ursache von Geschlechtsdysphorie sei, deutet auch eine Studie der amerikanischen Ärztin Lisa Littmann aus dem Jahr 2018 hin. Die Studie befasst sich mit der Auswertung von 256 Fragebögen, die Eltern von Transgender-Kindern, von denen 82 Prozent als Mädchen geboren wurden, ausgefüllt hatten. Es zeigte sich, dass häufig eine psychische Erkrankung bei den Minderjährigen vorlag. Bei 62,5 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen waren schon vor dem Auftreten der Geschlechtsdysphorie, psychische Störungen wie Depressionen oder neurologische Entwicklungsstörungen wie Autismus diagnostiziert worden. Damit sei die Diagnose einer Geschlechtsdysphorie immer wieder „ein naheliegendes und sozial akzeptiertes Etikett für verschiedene Schwierigkeiten“, „die ihren Ursprung woanders haben“, so die NZZ die Studienergebnisse kommentierend.

Die Behandlung der Geschlechtsdysphorie durch die Ermöglichung eines Geschlechtswechsel ist damit meist keine erfolgversprechende Lösung des Problems. Wie das IEF berichtete, musste beispielsweise eine schwedische Studie zu Operationen bei Transgenderpersonen ihre Hauptaussage zurücknehmen, wonach die Operationen eine Verbesserung der psychischen Gesundheit nach sich ziehen würden, nachdem diese einer Überprüfung nicht standhielten. Auch diverse andere Studien zu Transgenderbehandlungen würden an ähnlichen systematischen Fehlern leiden (das IEF hat berichtet).

Bei einem Großteil der Betroffenen löst sich Geschlechtsdysphorie wieder auf

Der Artikel der NZZ verweist darüber hinaus auf zwei weitere Studien, deren Ergebnisse beachtenswert sind. Zum einen zeigen die Studien, das sich bei jeweils 88 Prozent der untersuchten minderjährigen Betroffenen die Symptome der Geschlechtsdysphorie wieder auflösten. Dieses gilt jedoch nur, solange keine geschlechtsändernden Maßnahmen wie zum Beispiel der Einsatz von Pubertätsblockern oder eine gegengeschlechtliche Hormontherapie eingesetzt wurden. Ist das der Fall, würde die Zahl jener, die Symptome einer Geschlechtsdysphorie auch nach Jahren aufweisen, laut einer niederländischen Studie auf 50 Prozent ansteigen.

Dieser Umstand ist besonders vor dem Hintergrund bedenklich, dass es internationale Bestrebungen gibt, die einen Zugang zu Transgenderbehandlungen vor allem für Minderjährige erleichtern sollen (das IEF hat berichtet). Dieses wird vor allem in einem Leitfaden mit europäischen „best practice“ Beispielen deutlich, der unter anderem Tipps gibt, wie NGOs auf nationaler Ebene durch politischen Druck den Zugang zum Geschlechtswechsel und zu Behandlungen erleichtern können. Der Psychologe Korte weist im NZZ-Artikel in dem Zusammenhang auch auf den Vorstoß der Grünen in Deutschland hin, die Kindern und Jugendlichen ab 10 oder 11 Jahren die Geschlechtsänderung mittels Selbstdeklaration auch gegen den Willen der Eltern erlauben wollen. Er bemängelt außerdem, dass die Behandlung bei einer vermuteten Geschlechtsdysphorie bereits heute affirmativ sein müsse. Das heißt, dass Ärzte den Wunsch nach einer Geschlechtsänderung nicht in Frage stellen dürften.

Der Mensch als Einheit und die Geschlechterrolle als Ergebnis eines Reifungsprozesses

Korte verortet in der im Mainstream oft verbreiteten Aussage in Zusammenhang mit einer Transidentität, „man sei im falschen Körper geboren“, auch „eine Art parareligiöse Körper-Seele-Dualismus“. Wissenschaftlich gesehen, sei der Mensch jedoch eine Einheit aus Körper und Psyche. Er plädiert daher dafür, Mann und Frau nicht als abgegrenzte Kategorien zu betrachten, sondern die individuelle Ausgestaltung der Geschlechterrolle als das Ergebnis eines psychischen Reifungsprozesses zu sehen.

Vermehrte Sorgen über Transgender-Jugendliche beschäftigen europäische Gerichte

Indes beschäftigen sich die Gerichte weltweit und vor allem in Europa bereits häufiger mit den Fragestellungen rund um eine Behandlung von Transgender-Jugendlichen. Besonders der Fall der britischen Staatsbürgerin Keira Bell (teilweise auch unter dem Namen Quincy Bell bekannt), die mittlerweile wieder als Frau lebt, hat hohe Wellen geschlagen und beschäftigt die Gerichte des Königreichs bereits seit Jahren (das IEF hat berichtet). Im Alter von 15 Jahren wurden Bell Pubertätsblocker verschrieben und das nach nur drei Therapiesitzungen. Der High Court hatte Bell recht gegeben und die Behandlung von Minderjährigen zuerst gestoppt und von der Zustimmung eines Gerichts abhängig gemacht. Jedoch sind Teile des Urteils mittlerweile durch den Court of Appeals aufgehoben worden (auch darüber hat das IEF berichtet).

Angeheizt wurde diese Diskussion zuletzt durch eine Metastudie des National Institute of Health and Care Excellence (Nice), einem Teil des britischen Gesundheitssystems. Wie das IEF berichtete, zeigte die Metastudie eine sehr geringe Qualität aller Untersuchungen zur Wirksamkeit von Pubertätsblockern. (MM)

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