IEF, 5.12.2017 – In seinem vor kurzem erschienenen Buch „Die Seele Europas – Von Sinn und Sendung des Abendlandes“ zeigt der Sachbuchautor und Journalist Stephan Baier auf, dass Europa eine Zukunft hat. Dann nämlich, wenn es erkennt, dass alle seine Krisen in einer tieferen Identitätskrise wurzeln. Papst Johannes Paul II. hat die Europäer einst aufgerufen, die „Seele Europas“ wiederzuentdecken. Diese Spurensuche ist zugleich der Weg aus der Krise Europas.

Das Institut für Ehe und Familie (IEF) stellte dem Autor und Journalisten einige Fragen zu seinem neuen Buch und gibt einen Vorgeschmack auf seine Lösungsansätze und Zukunftsperspektiven.

IEF: Sie haben schon mehrere Bücher über Europa geschrieben und sind Europaexperte. Was hat Sie dazu bewegt, Ihr vor kurzem veröffentlichtes Buch „Die Seele Europas“ zu schreiben?

Baier: Europa scheint von Krise zu Krise zu taumeln: Verfassungskrise, Finanzkrise, Schuldenkrise, Migrationskrise. Der Rest der Welt wundert sich über uns depressive Europäer, die wir trotz vergleichsweise hohem Wohlstand, Frieden, sozialer Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit einfach nicht aus dem Krisenmodus herausfinden. Ich bin überzeugt, dass alle unsere Krisen eine gemeinsame Wurzel haben: Europa hängt in einer Identitätskrise fest! Nur wenn wir die überwinden, wenn wir uns als Europäer neu entdecken, wenn wir uns – wie Papst Johannes Paul II. forderte – auf die Suche nach der Seele Europas machen, kann Europa zukunftsfähig werden.

IEF: Im fünften Kapitel „Kinderloser Kontinent – Europa in der demographischen Falle“ zeigen Sie auf, dass der Kindermangel in Europa immer deutlicher zum größten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Problem avanciert und gleichzeitig Kinderreichtum zum größten finanziellen Risiko für die Eltern wird. Welche familienpolitischen Maßnahmen sind notwendig, um aus der „demographischen Falle“ herauszukommen?

Baier: Die ganze Menschheitsgeschichte über galten Kinder als Segen! In unseren sogenannten Sozialstaaten sind Kinder aber zur finanziellen Last und zum Karriere-Risiko geworden. Familienbildung ist heute eine Armutsfalle, weil die Kosten für Kinder privatisiert, ihr Nutzen aber sozialisiert ist. Die Folge ist, dass Europa hochgeschwindig vergreist und die Kosten für Pflege, Pensionen und Gesundheit der alten Generation explodieren. Wenn die letzten Babyboom-Jahrgänge ins Pensionsalter kommen, kollabiert dieses System. Wir brauchen eine neue Wertschätzung für Mütter und Väter, für kinderreiche Familien – nicht nur, aber auch finanziell. Nur wenn Erziehungsarbeit als echte, sozialversicherte und honorierte Arbeit anerkannt wird, gibt es echte Wahlfreiheit für junge Paare, eine wirkliche Durchlässigkeit zwischen Familien- und Erwerbsarbeit und schließlich auch wieder mehr Bereitschaft zu – wenn möglich vielen – Kindern!

IEF: Welchen Mehrwehrt können Vater- und Mutterschaft und stabile Beziehungen aus Ihrer Sicht der Gesellschaft bieten?

Baier: Vereinsamung und Altersarmut werden zu Massenphänomenen inmitten einer hektischen Konsumgesellschaft. Wie die Hauptarbeit bei der Erziehung von Kindern auf den Schultern von Müttern und Vätern ruht, findet auch der Großteil der Pflege von betagten Angehörigen durch Familienmitglieder statt. Der Staat kann nur subsidiär helfen. Aber er muss jene entlasten und fördern, die den Zusammenhalt in der Gesellschaft garantieren und sich um die kümmern, die noch nicht oder nicht mehr Leistungsträger und Steuerzahler sind. Mütter und Väter schenken ihren Kindern, was kein Staat ihnen geben kann: Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit. Nur so werden Kinder später zu verantwortungsbewussten und leistungsbereiten Erwachsenen. Wer in der Familie selbstlose Liebe erfährt, wird ein Bewusstsein für Gemeinwohl entwickeln. Genau davon lebt unser Sozial- wie unser Rechtsstaat.

IEF: Sie stellen die Frage, ob ein demographisch im Sinkflug befindliches Europa der Welt noch etwas zu geben habe. Was könnte und sollte Europa der Welt geben?

Baier: Durch die einzigartige Verbindung von christlichem Menschenbild, griechischem Personalismus und römischer Staatsphilosophie ist in Europa die Idee des Rechtsstaates gewachsen: Die Vorstellung, dass keiner über dem Recht steht und keiner außerhalb des Rechts, dass der Staat selbst sich vor dem Recht zu verantworten hat, ist im globalen Kontext keineswegs selbstverständlich. Auch wenn der christliche Glaube in Europa leider dünn geworden ist, stecken uns die Grundideen der christlichen Soziallehre noch in Mark und Bein: die Solidarität mit den Schwachen, die subsidiär gegliederte Ordnung der Gesellschaft, die Würde der Person und das Streben nach Gemeinwohl sind die Ideale Europas. Und die müssen wir exportieren, denn sie könnten auch die Probleme anderer Gesellschaften lösen, welche heute an Clan-Denken, Rassismus, Kastensystemen, Korruption und Staatskriminalität leiden. Doch die demographische Schwäche der europäischen Gesellschaften schwächt Europas Stimme auf der globalen Bühne.

IEF: Sie sprechen von der Orientierungslosigkeit der Erwachsenenwelt, die Kinderkriegen für immer weniger vertretbar hält und zitieren Papst Benedikt XVI. mit den Worten „Der Mensch von heute ist der Zukunft unsicher.“ Wie kann Zukunft wieder als sicher erlebt werden und unter welchen Umständen kann eine demographische Wende stattfinden?

Baier: Letztlich nur mit Gottvertrauen! Denn rein weltlich betrachtet leben wir in hochgefährlichen Zeiten: Unser Frieden, unser Wohlstand, unsere soziale Sicherheit sind vielfach bedroht – durch gefährliche Nachbarn, durch den blutigen Krieg, der auf vielen Schauplätzen innerhalb der islamischen Welt tobt, durch gesellschaftliche Zentrifugalkräfte, durch die Schwäche unserer Staaten. Die Globalisierung hat zudem zwei negative Effekte: Sie beschleunigt die Dynamik von Krisen, und sie spült die Krisen ferner Länder zu uns herein. Gottvertrauen schenkt die Zuversicht, dass unser Leben einen Sinn hat, der größer ist als wir selbst. Wer eine Perspektive über den eigenen Lebenshorizont hinaus hat, ist auch bereit, Kindern das Leben zu schenken – und damit der Gesellschaft eine Zukunft.

 

Die Seele Europas: Von Sinn und Sendung des Abendlandes

von Stephan Baier

196 Seiten, fe-medienvlg; Auflage: 1 (15. November 2017)

ISBN-10: 3863571940

ISBN-13: 978-3863571948

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