AT / Familienpolitik: Barcelona-Ziel zur Bewertung der Betreuungsquoten unzulässig

IEF, 24.3.2017 – In einem Working Paper zum internationalen Vergleich der Familienleistungen und Kinderbetreuung  untersuchten die Autoren Andreas Baierl und Markus Kaindl vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) die Angebote von Dänemark, Frankreich, Schweden und Österreich und kommen zu interessanten Schlüssen:

So weise Österreich auch nach Berücksichtigung differenziert erfasster Parameter die niedrigsten Ausgaben für Familienleistungen insgesamt auf, darin aber die höchsten Ausgaben für Geldleistungen.

Im Hinblick auf die Angaben im Bereich der Kinderbetreuung gehen die Autoren mit dem oftmals zitierten Barcelona-Ziel scharf ins Gericht. Vergleiche damit seien für die Bewertung der Betreuungsquoten unzulässig. Das im Jahr 2003 festgelegte Barcelona-Ziel sei rein wirtschaftspolitisch ausgerichtet gewesen und sollte dazu dienen, die Erwerbschancen von Frauen zu erhöhen. Die Höhe der im Barcelona-Ziel festgelegten Prozentsätze von 33% (unter 3-Jährigen) bzw. 90% (3-Jährige bis Schuleintritt) werde dabei inhaltlich an keiner Stelle begründet. Bei der vom Barcelona-Ziel geforderten Quote handle es sich zudem um eine reine Angebotsquote ohne Berücksichtigung der lokalen Verteilung. Zur Bewertung der Betreuungssituation müssten aber die tatsächlichen Nutzungsquoten herangezogen werden. Diese zeigten am Erhebungsstichtag der österreichischen Kindertagesheimstatistik (15. Oktober), dass viele Einrichtungen nicht vollkommen ausgelastet waren. Gleichzeitig hätte eine Erhebung ergeben, dass der Anstieg der institutionellen Betreuungsquote bei den unter 3-Jährigen im Vergleichszeitraum wesentlich höher war, als der Anteil aktiv erwerbstätiger Mütter.

Die Autoren unterstreichen, dass auch die Betreuungsquote nur sehr wenig über die Bedarfsgerechtigkeit der Angebote für Eltern aussage, etwa in Bezug auf Kosten, Öffnungs- und Ferienzeiten. Nur anhand der Quote ließen sich somit keine Aussagen über die reale Situation der Eltern treffen. So seien in Frankreich zwar die Betreuungsquoten bei den 3- bis unter 6-Jährigen höher als in Österreich, die täglichen Öffnungszeiten aber kürzer und die Ferienzeiten länger als in Österreich. Es sei daher durchaus fraglich, ob die Angebote für Eltern von Kindern in dieser Altersgruppe in Frankreich tatsächlich besser seien als in Österreich.

Auch die für Kinder relevanten Kriterien, wie etwa die Gruppengröße oder der Betreuungsschlüssel, würde in den Betreuungsquoten nicht abgebildet werden. Auch hierbei sei die Situation in Österreich besser als in Frankreich: die Gruppen in Österreich seien im Schnitt kleiner als in Frankreich und es kämen weniger Kinder auf eine pädagogische Fachkraft.

Nicht erfasst von der Betreuungsquote seien in Österreich zudem die Betreuung durch Tagesmütter oder auch die weitverbreitete Einbindung der Großeltern. Diese sind jedoch wie zuletzt die OÖN berichteten und wie auch Dr. Stephanie Merckens vom Institut für Ehe und Familie (IEF) aus eigener Wahrnehmung bestätigen kann, eine zentrale Stütze der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Zusammenfassend resümieren Baierl und Kaindl daher, dass viele zentrale Kriterien der Kinderbetreuungsangebote bei einer ausschließlichen Quotenorientierung ausgeblendet seien. Die im Bereich der Kinderbetreuung vorrangige bis ausschließliche Fokussierung auf die Betreuungsquoten beim Ländervergleich sollte daher grundlegend überdacht werden, die Quanität der Angebote sollte dabei nicht wichtiger sein als die Qualität der Angebote.

Die Autoren des ÖIF Papiers bestätigen damit erhellend, dass das Barcelona-Ziel zum Einen rein wirtschaftspolitisch motiviert war und zum Anderen kein aussagekräftiger Parameter für den tatsächlichen Bedarf der Familien sein kann, unterstreicht Merckens. Aber auch wenn man Kriterien wie Gruppengröße und Betreuungsschlüssel einbezöge, hätte man noch keine Aussagen über die Auswirkung frühkindlicher Fremdbetreuung auf die Kinder. Umso mehr wäre eine stärkere Einbindung entwicklungspsychologischer Aspekte im Bezug auf die Kinder, aber auch kulturpolitischer Aspekte im Bezug auf die Rolle der Eltern im öffentlichen Diskurs wünschenswert, so Merckens.

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