Väter
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AT_DE / Erziehung: „Auf die Väter kommt es an“

IEF, 23.06.2023 – Die Psychologieprofessorin Liselotte Ahnert betont in ihrem Buch die besondere Rolle des Vaters in der Erziehung.

Was macht einen guten Vater aus? Welche Rolle spielt er bei der Entwicklung seines Kindes? Eine ganz besondere, hat die emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie des Instituts für Psychologie der Universität Wien und Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin Lieselotte Ahnert herausgefunden. In ihrem Buch enthüllt die Psychologin erstmals wesentliche Erkenntnisse aus ihrer eigenen und der internationalen Väterforschung.

Väterliche Wirkung auf Kinder ist von unschätzbarem Wert

Ahnert hat in ihrem neuen Buch genau hingeschaut, was Väter anders machen als Mütter – und warum es für den Nachwuchs wichtig ist, beides zu haben. Was machen Väter anders als Mütter? Was können nur sie leisten und welchen Effekt hat das auf die Kinder? Ahnert weist nach, dass Väter viele Facetten der kindlichen Entwicklung bereichern. So haben sie großen Einfluss darauf, wie gut Kinder mit Stress umgehen und wie sich ihre Neugier entwickelt. Ihr Fazit: Väter sind keinesfalls wichtiger als Mütter, aber ihre Wirkung auf die Kinder ist von unschätzbarem Wert.

Unterschiedliche Herangehensweise

Die Psychologin arbeitet Unterschiede heraus, etwa in den Verhaltensweisen und Zugängen der Eltern, die in der frühkindlichen Entwicklung der Kinder in Kombination besonders positiv sind. Ahnert zitiert beispielsweise die Forschungsergebnisse der Harvard-Psycholinguistin Meredith Rowe, die die Reaktionen von Vätern und Müttern auf die Sprache ihres Kindes untersucht hat. Mütter neigten dazu, unvollständige oder falsche Sätze aufzugreifen und richtig zu wiederholen. Auf „Mama, sau mal, Puppe Milla nass!“ reagiert die Mutter korrigierend mit „Oh ja, ich schaue schon. Die Puppe von Camilla ist nass!“. Anders die Reaktion des Vaters, fand Rowe heraus: Je weiter fortgeschritten das Kind in seiner Sprachkompetenz war, desto weniger bis gar nicht, wiederholten Väter das Gesagte, zeigten die Gesprächsanalysen der Psycholinguistin. Hatte sich das Kind halbwegs verständlich mitgeteilt, war der Vater zufrieden oder tat zumindest so, auch wenn er kein Wort verstanden hatte. Dies hatte einen ganz anderen, aber nicht minderen Lerneffekt, als das geduldig korrigierende Wiederholen der Mutter. „Hier lernt das Kind etwas über Kommunikation. Nämlich, wie es ist, von einem anderen akzeptiert zu werden, der zugewandt und geduldig bleibt und sich darum bemüht, den anderen zu verstehen, und sich mit ihm austauschen will“, schreibt Ahnert. In den Momenten, in denen der Vater entspannt zuhöre und abwarte, fühle sich das Kind angenommen und bestätigt. Es gewinne Vertrauen in die eigenen sprachlichen Fähigkeiten – eine Voraussetzung dafür, dass es Lust am Sprechen entwickle.

Väterspiele: Raufen und Toben

Auch auf einem anderen Gebiet sorgt die väterliche Herangehensweise für das Ausbilden besonderer Fähigkeiten. Beim Herumtoben und Raufen oder dem berühmten In-die-Luft-werfen-und-wieder-Auffangen des Nachwuchses. Tatsächlich ist diese Spielart nicht ungefährlich – und das spürt auch das Kind. Genau das hat einen komplexen Lerneffekt, wie Ahnert schreibt. „Es besteht daher kein Zweifel, dass Väter mit Rauf- und Tobespielen wirksam zur sozialen Entwicklung ihrer Kinder beitragen“, so die Psychologin. „So haben diese Spiele ihre ganz eigene Dynamik, die nicht zuletzt die Beziehung zwischen Vater und Kind stärken können. Allen voran sind viele Wissenschaftler jedoch davon überzeugt, dass die wilden Spiele gut für die Entwicklung des kindlichen Emotionssystems sind. Mit ihnen werden die Kinder sicher durch ein Wechselbad der Gefühle geführt. Sie erleben unterschiedliche Emotionen – Freude und Respekt, Lust und Angst – und erfahren gleichzeitig, dass sich diese Gefühle regulieren lassen, selbst wenn sie für einen Moment so stark auflodern, dass sie kaum auszuhalten sind.“

Ahnert räumt mit Klischees auf

Das von Ahnert gegründete Netzwerk Cenof (Central European Network on Fatherhood) untersuchte in einer eigenen Forschungsreihe das immer wieder zitierte Sinken des Testosteronspiegels bei engagierten Vätern. Bei dieser Studie wurden unter anderem die Speichelproben von über 300 Vätern ausgewertet und die Hormonwerte bei unterschiedlichen Interaktionen gemessen. Die Ergebnisse bestätigten durchaus, dass der Testosteronspiegel der Väter beim Kuscheln oder Schlafen in unmittelbarer Nähe mit den Kindern stärker zurückging, je enger die emotionale Bindung zu ihnen war. Aber im Gegenzug dann wieder stieg, wenn gemeinsam gerauft und getobt wurde, wobei zusätzlich Cortisol ausgeschüttet wurde. Das zeigt, dass engagierte Väter also keinesfalls ihre „testosterone Männlichkeit“ einbüßen, sondern Hormone lediglich anlassbezogen ausschütten. Auch andere interessante physiologische Veränderungen im männlichen Körper – etwa während der Schwangerschaft der Partnerin oder kurz nach der Entbindung – gehören zu den Fakten, die das Buch nüchtern und wissenschaftlich vermittelt.

Kein „besser“, sondern ergänzend

Mit vielen Beispielen zeigt Liselotte Ahnert auf, dass involvierte Väter nicht nur ein „Mehr“ an Elternschaft bedeuten, sondern wichtige eigene Beiträge zur Entwicklung ihrer Kinder leisten. Dass sie vieles nicht nur „genauso gut“ können wie Mütter, sondern auch ergänzen, weil sie es eben anders machen. (TSG)

Lieselotte Ahnert: „Auf die Väter kommt es an“

Ullstein-Verlag

ISBN-13: 978-3550202094

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