IVF-Versuche
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AT / Reproduktionsmedizin: Steigende IVF-Versuche und Unfruchtbarkeit der Männer

IEF, 04.10.2022 – Der IVF-Bericht 2021 dokumentiert steigende IVF-Versuche und überwiegende Unfruchtbarkeit der Männer als Indikation für IVF.

Bereits im Juni 2022 wurde der Jahresbericht 2021 des IVF-Registers veröffentlicht. Seit 1. Jänner 2000 ist das Bundesgesetz, mit dem ein Fonds zur Finanzierung der In‐vitro‐Fertilisation eingerichtet wurde (IVF‐Fonds‐Gesetz), in Kraft. Gegenstand dieses Gesetzes ist die Kostenübernahme der In‐vitro‐Fertilisation (IVF) durch den Bund. Das IVF‐Register dient unter anderem der Prüfung der Anspruchsberechtigung der Kinderwunschpaare sowie der Abrechnung des IVF‐Fonds mit den IVF‐Zentren. Das Register dokumentiert darüber hinaus etwa die vorgenommenen IVF-Versuche, die Ursachen für die Inanspruchnahme von IVF, die Anzahl der Embryonentransfers, die Schwangerschaftsrate sowie die sogenannte Baby-Take-home-Rate.

Anstieg der Versuche

Laut Jahresbericht gab es im Jahr 2021 12.218 IVF-Versuche bei 7.609 Paaren. Bei 9.657 Versuchen fand ein Embryotransfer statt, der in 3.354 Fällen zu einer Schwangerschaft führte. Im Vergleich zum Jahr 2020 stiegen die IVF-Versuche damit um 16,2 Prozent. Erklärt werden könne der Anstieg laut Bericht durch den vorherigen Rückgang der Versuche im Jahr 2020, der Folge von Lockdowns aufgrund der COVID‐19‐Pandemie gewesen sei.

Rückgang der Baby-Take-home-Rate

Obwohl die Schwangerschaftsrate (Eintritt einer Schwangerschaft pro Transfer) insgesamt auf 34,7 Prozent anstieg (plus 0,1 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr) ging die Baby-Take-home-Rate (gemeldete Geburt pro Transfer) zurück. Lag die Baby-Take-home-Rate für 2018 bei 29,7 Prozent, 2019 bei 28,5 Prozent, 2020 bei 28,4 Prozent, so erreichte sie 2021 27,6 Prozent. Eine Antwort hierfür gibt das IVF-Register nicht. Auf die Nachfrage des Instituts für Ehe und Familie (IEF) bei der zuständigen Stelle gab es bislang keine Rückmeldung.

Auffällig ist darüber hinaus die rapide Abnahme der Schwangerschaftsrate bei Frauen ab 36 Jahren. Während auch im Rahmen der natürlichen Fortpflanzung die Fruchtbarkeit der Frau in diesem Alter stark abnimmt, scheint das Alter auch bei künstlicher Befruchtung eine ausschlaggebende Rolle für den Eintritt einer Schwangerschaft zu spielen.

In Anbetracht der Tatsache, dass IVF erhebliche Risiken sowohl für die behandelte Frau als auch für die geborenen Kinder bergen kann, wäre es im Sinne der Transparenz und Entscheidungsgrundlage für Frauen und Paare wünschenswert, Informationen über die Erfolgschancen der angewandten Techniken zu erforschen und aufzuzeigen.

IVF: Risiken für Frauen und Kinder

Das IEF berichtet regelmäßig über Risiken und negative Auswirkungen von IVF-Behandlungen für Frauen, wie Komplikationen bei der Schwangerschaft, Geburtskomplikationen oder das Hyperovulationssyndrom. In der Vergangenheit konnte außerdem immer wieder ein wesentlich erhöhtes gesundheitliches Risiko für künstlich gezeugte Kinder festgestellt werden, das angefangen von einem geringeren Geburtsgewicht bis hin zu Gefäßproblemen reicht.

Eine vor kurzem veröffentlichte Studie aus Skandinavien untersuchte die Häufigkeit von Krebserkrankungen bei Kindern. Die Ergebnisse sind beunruhigend. So konnte festgestellt werden, dass Kinder, die mittels IVF zur Welt kamen und sich aus tiefgefrorenen (kryokonservierten) und dann aufgetauten Embryonen entwickelt hatten (Frozen-thawed Embryo Transfer – FET), ein erhöhtes Krebsrisiko aufwiesen. Die Häufigkeit der Kinder bis 18 Jahre nach FET an Krebs zu erkranken, lag bei 30,1 zu 100.000. Beim Embryotransfer ohne Kryokonservierung lag die Häufigkeit im Vergleich dazu bei 18,8 zu 100.000, bei natürlich gezeugten Kindern bei 16,7 zu 100.000. Das Wiener Bioethikinstitut IMABE erklärt die Ergebnisse der Studie detailliert.

Mehr als die Hälfte der Indikationen sind beim Mann zu verorten

Wurden in der Vergangenheit die Gründe der Unfruchtbarkeit überwiegend bei der Frau vermutet oder zumindest gesellschaftlich so wahrgenommen, liefert der IVF-Bericht eine andere Datenlage. Bei mehr als der Hälfte der IVF‐Versuche (55,6 Prozent bzw. 6.796 von 12.218) liegt die „IVF‐Fonds‐Indikation“, etwa ein „schlechtes Spermiogramm“, nämlich ausschließlich beim Mann. Nur wenn eine entsprechende Indikation vorliegt, dürfen künstliche Fortpflanzungsmethoden angewendet und vom IVF-Fonds (mit)finanziert werden. 15,3 Prozent der Versuche (1.865 von 12.218) wurden aufgrund einer Indikation vorgenommen, die ausschließlich die Frau betraf. Bei den verbleibenden 3.557 Versuchen (29,1 Prozent) lagen bei beiden Geschlechtern „IVF‐Fonds‐taugliche Indikationen“ vor. Das PCO‐Syndrom ist mit 2.135 Versuchen (39,4 Prozent) die häufigste „IVF‐Fonds‐Indikation“ der Frauen, gefolgt von der Endometriose mit 28,1 Prozent und dem Tubenfaktor mit 24,1 Prozent.

Während der Bericht die Indikationen der Frauen benennt und nach Häufigkeit aufschlüsselt, gibt er keine weiteren Informationen über die Indikationen seitens der Männer. Auf die Nachfrage des IEF gab es auch zu diesem Punkt noch keine Rückmeldung.

Ein Ansatz, der aus der hohen Unfruchtbarkeitsrate der Männer folgen sollte, wäre die andrologische Abklärung, Untersuchung und Beratung der betroffenen Männer. Wie der Urologe Prim. Univ.-Doz. Dr. Eugen Plas in einem Kommentar des Journals für Urologie und Urogynäkologie bereits vor Jahren kritisierte, werde die Andrologie („Lehre vom Mann“) in Zusammenhang mit IVF vernachlässigt. Die Versuche der Österreichischen Gesellschaft für Urologie, sich beim Thema Reproduktionsmedizin einzubringen, seien laut Plas durchgehend gescheitert. Selbst in den Gesetzgebungsprozessen zum IVF-Fond-Gesetz wie auch bei der Novellierung des Fortpflanzungsmedizingesetzes seien Stimmen, die sich für eine stärkere Beachtung der Rolle des Mannes bei Unfruchtbarkeit einsetzten, überhört worden. In Anbetracht der hohen Unfruchtbarkeitsrate der Männer sei es unverständlich, die männlichen Indikationen nicht wahrzunehmen, zu therapieren oder zumindest zu dokumentieren. Anhand der bekannten Fakten könnte man das Potenzial der Andrologie für die IVF oder bereits vor Inanspruchnahme der IVF zur Diagnose und Behandlung der Unfruchtbarkeit nutzen.

Zunahme des Single-Embryo-Transfers

Laut Bericht wurde ein leichter Rückgang bei Zwillings- und Mehrlingsschwangerschaften verzeichnet. Da sie mit erhöhtem Risiko für Mutter und Kinder verbunden seien, werde laut Bericht meist der Single-Embryo-Transfer angestrebt, also nur ein Embryo eingesetzt. Die Zahl der Versuche mit zwei transferierten Embryonen sank laut IVF-Fonds von 1.771 im Jahr 2020 auf 1.637 im Jahr 2021. Von den 3.354 dokumentierten Schwangerschaften im Jahr 2021 waren 93,9 Prozent Einlingsschwangerschaften, sechs Prozent Zwillingsschwangerschaften und 0,1 Prozent Drillingsschwangerschaften. Im Vergleich zu 2020 sank die Anzahl der Zwillingsschwangerschaften um 0,6 Prozentpunkte.

Da Mehrlingsschwangerschaften rechtlich aufgrund des Gesundheitsrisikos für die Mutter auf Zwillingsschwangerschaften „reduziert“ werden können, indem die darüber hinauszählenden Ungeborenen mittels Fetozid im Mutterleib getötet werden und bis zur Geburt bei ihren lebenden Geschwistern im Mutterleib verbleiben, stellt die Zunahme der Single-Embryo-Transfers eine positive Entwicklung dar. Auch wenn diese Entwicklung positiv ist, löst sie dennoch nicht die Problematik der „überzähligen“ Embryonen, die für den Fall eines weiteren Fortpflanzungswunsches produziert werden und die je nach Qualität und Zeit „entsorgt“ werden. Die Verletzung der Würde des Menschen von seinem Beginn an, ist eine Realität der IVF, die nicht unter den Teppich gekehrt werden darf. (TSG)

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