Familienleistungen
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AT / Familienpolitik: WIFO-Studie analysiert Wirkung von Familienleistungen

IEF, 23.11.2023 – Studien weisen darauf hin, dass (junge) Familien es trotz hoher Familienleistungen finanziell schwer haben

Ende Oktober veröffentlichte das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) eine umfassende Analyse über die Auswirkungen des Sozialstaates in Österreich. Die Analyse, die auf Daten der letzten Konsumerhebung beruht, untersucht unter anderem die Verteilungswirkung von Familienleistungen im Zeitraum zwischen 2005 und 2019 und geht folgenden Fragen nach: Inwieweit wirken familienpolitische Leistungen tatsächlich umverteilend? Inwieweit beeinflussen sie den Wohlstand von Familien?

Familienpolitische Leistungen in Österreich

Laut der Studie sei das „übergeordnete Ziel“ von Familienpolitik ein sogenannter „horizontaler Lastenausgleich“ zwischen kinderlosen Haushalten und Haushalten mit Kindern. Weitere Ziele seien das Verhindern von Kinderarmut, die Förderung der frühkindlichen Entwicklung sowie die Förderung der Beschäftigungsmöglichkeiten von Eltern.

Zu den familienpolitischen Leistungen in Österreich zählen direkte Geldleistungen (zum Beispiel die Familienbeihilfe, das Wochengeld und das Kinderbetreuungsgeld), steuerliche Begünstigungen (wie der Kinderfreibetrag oder der Familienbonus Plus) sowie Sachleistungen wie eine institutionelle Kinderbetreuung und Schüler- und Lehrlingsfreifahrten.

Struktur der öffentlichen Ausgaben für Familien hat sich gewandelt

Während es traditionellerweise die direkten Geldleistungen sind, die „das Rückgrat der Familienpolitik“ bilden, da sie unabhängig vom Einkommen eine horizontale Umverteilung ermöglichen, ist eine wichtige Erkenntnis der Analyse die folgende: Die Struktur der öffentlichen Ausgaben für Familien hat sich gewandelt, und zwar von einkommensunabhängigen Universalleistungen hin zu Steuererleichterungen.

2019 beliefen sich die Aufwendungen der öffentlichen Hand für Familien auf insgesamt 12,332 Milliarden, eine Steigerung von 24,5 Prozent im Vergleich zu 2015. Dabei setzten sich die Leistungen zu rund der Hälfte aus direkten Geldleistungen, zu 31 Prozent aus Sachleistungen und zu 18 Prozent aus Steuerbegünstigungen zusammen. Damit haben sich die realen Ausgaben für direkte Geldleistungen zwischen 2005 und 2019 um elf Prozent verringert, während sich die realen Ausgaben für Kinderbetreuungseinrichtungen verdoppelt haben und sich das Volumen steuerlicher Begünstigungen verdreifacht hat.

Keine verteilungsneutrale Wirkung

Insgesamt könne man festhalten, dass die stärkere Abhängigkeit der Familienleistungen vom Einkommenssteuersystem keine verteilungsneutrale Wirkung habe, sondern vor allem Familien im mittleren und oberen Einkommensdrittel begünstige. (Dies ist zum Beispiel deswegen der Fall, weil nur Besserverdiener den Familienbonus Plus voll abrufen können.)

Auch der seit 2006 steigende Ausgabenanteil für institutionelle Kinderbetreuung habe keine verteilungsneutrale Wirkung, da Kinder aus Haushalten des oberen Einkommensdrittel institutionelle Bildungseinrichtungen in einem deutlich höheren Ausmaß nutzten als andere Kinder. (73,2 Prozent der 1- bis 3-Jährigen aus Familien im oberen Einkommensdrittel besuchten 2019 institutionelle Kindertagesheime, im unteren Einkommensdrittel waren es knappe 50 Prozent.)

Dies sei vor allem vor dem Hintergrund der hohen Konzentration an Kindern mit Migrationshintergrund im unteren Einkommensdrittel problematisch. Eine ungleiche Verteilung der Möglichkeit frühkindlicher Förderung im Vorschulalter, lege nämlich die Grundlage für soziale Bildungs- und Chancenungleichheit. Besonders problematisch sei dieser Befund, wenn er dem Umstand geschuldet sei, dass einkommensärmere Kinder es schwerer haben, Zugang zu institutioneller Kinderbetreuung zu haben. Dies ist zum Beispiel in Wien der Fall, wo Doppelverdienende-Haushalte bei der Vergabe eines Betreuungsplatzes bevorzugt werden.

„Menschen bis 35 werden zunehmend in puncto Einkünfte abgehängt“

Eine zweite „ernüchternde Botschaft“ der WIFO-Studie, sei, so der Standard, die folgende: „Menschen bis 35, zum Teil sogar bis Mitte 40 werden zunehmend abgehängt in puncto Einkünfte, vor allem dann, wenn sie ein Kind oder mehrere Kinder haben“.

Tatsächlich scheint jungen Menschen bis 35 mit Kind (unter Berücksichtigung staatlicher Transferleistungen real drei Prozent weniger Einkommen zur Verfügung zu stehen. Während sich 2005 46 Prozent der Menschen bis 35 mit Kind im untersten Drittel des verfügbaren Einkommens befanden, waren es 2019 58 Prozent also über zehn Prozent mehr.

Ebenso ist die Armutsgefährdung bei Personen in jungen Haushalten (Hauptverdienende bis 35) mit Kind um 4,6 Prozentpunkte auf 25 Prozent gestiegen. Der Anteil armutsgefährdeter Kinder in jungen Haushalten war 2019 in Vergleich zu 2005 fast dreimal so hoch, in Haushalten mittleren Alters (Hauptverdienende zwischen 36 und 45 Jahren) doppelt so hoch wie in Haushalten, in denen die hauptverdienende Person zwischen 46 und 65 Jahren alt ist.

Laut der Volkswirtin und Forschungsautorin Silvia Rocha-Akis dürften sich mit der Valorisierung der Geldleistungen seit diesem Jahr (das Institut für Ehe und Familie hat berichtet) diese Entwicklungen etwas abschwächen. Ebenso könnten eine „Beseitigung der Zugangsbarrieren zu Kinderbetreuung für einkommensschwache Haushalte und ausreichende Mittel für entgeltlose bzw. leistbare Krippen- und Kindergartenplätze“ sowohl den Umverteilungsbeitrag als auch die soziale Mobilität erhöhen.

Finanzielle Einschätzung deckt sich mit Ergebnissen der Standard Studie

Die Erkenntnis der WIFO-Studie, dass vor allem für jüngere Haushalte, Kinder schwerer leistbar seien, deckt sich mit den Ergebnissen einer Umfrage vom Linzer-Market Institut, die vom Standard in Auftrag gegeben wurde. Im Rahmen der Umfrage wurden Menschen darüber befragt, was sie heute beim Leben mit Kindern als leichter bzw. besser  wahrnehmen im Vergleich zur eigenen Kindheit.

Tatsächlich sehen sechs von zehn Befragten Verbesserungen bei der Familienbeihilfe und im Steuerrecht. Trotzdem sind 49 Prozent der Meinung, dass Kinder früher leichter leistbar waren. Verbesserungen habe es vor allem bei den Urlaubsmöglichkeiten, den Angeboten an kindgerechter Ernährung, Berufs- und Karrierechancen, sowie bei dem Angebot an schulischer Bildung gegeben. Unter den jüngeren Befragten gäbe es, so der Standard, jedoch eine große Gruppe, die die heutige Kinderbetreuung als schlechter einschätze als die eigene vor wenigen Jahrzehnten. 66 Prozent seien der Meinung, dass Großfamilien früher eine höhere Akzeptanz genossen als heute. Auch die Integration von Kindern mit Behinderungen habe vor zehn Jahren mehr Zustimmung gefunden. (SM)

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