Familie und Demokratie
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AT / Familie: Familie und Demokratie brauchen „hörende Herzen“

IEF, 07.03.2024 – Worin liegt das Potenzial der Familie für unsere Zukunft als demokratische Gesellschaft?

Im Rahmen der 50. Sitzung der Familienkommission betonte Familienbischof Hermann Glettler, dass die Institution Familie „einen immensen Beitrag zum Funktionieren der pluralen Gesellschaft“ leiste. Denn in der Familie lerne man demokratiefähig zu sein.

Doch was ist Demokratiefähigkeit? Und worin liegt das Potenzial der Familie als Hauskirche für unsere Zukunft als demokratische Gesellschaft?

Im Spiegel-Bestseller „Demokratie braucht Religion“ des renommierten Soziologen Hartmut Rosa finden sich Ansatzpunkte, um diese Fragen zu beantworten.

Warum man „Demokratiefähigkeit“ vor dem Fernseher lernen kann

Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, kennt vermutlich die folgende Situation: Man hat gemeinsam zu Abend gegessen und will den Tag vor dem Fernseher gemütlich ausklingen lassen. Doch schon bahnt sich ein Streit an: der eine will das Fußballspiel anschauen, die andere die letzte Folge der neuen Staffel und der Dritte zum fünften Mal denselben Zeichentrickfilm. Kann der Abend gelingen?

Es sind genau solche, familienalltägliche Situationen, die das trainieren, was Bischof Glettler, unsere „Demokratiefähigkeit“ bezeichnet. Dazu zählt er unser „Interesse und die Freude am Anderssein des Anderen“ sowie eine gewisse Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit und Kompromissbereitschaft. Anders gesagt: Eine offene Haltung gegenüber dem Andersdenkenden sowie die Fähigkeit, eine mögliche Auseinandersetzung durch Dialog konstruktiv zu bewältigen.

Zurück ins Wohnzimmer: Lässt man sich darauf ein, die The Chosen Folge auf das nächste Wochenende zu verschieben, um dem Fußballspiel Vorrang zu geben, macht man vielleicht doch die Erfahrung, dass Fußball spannend sein kann. Und selbst wenn „Fußball langweilig bleibt“, teilt man eine Erfahrung, die miteinander ins Gespräch kommen lässt und vielleicht zu einem gemeinsamen Filmvorschlag für das übernächste Wochenende führt.

„Dialogpartner“ werden zu „ekelerregenden Feinden“

Doch was zu Hause gelingen mag, gestaltet sich in unserer „modernen Gesellschaft“ oft schwieriger, so Rosas Beobachtung in „Demokratie braucht Religion“.

Wie der Soziologe erklärt: Das Beunruhigende im Hinblick auf Demokratien sei, dass sich die politische Kultur wandle. Der politisch Andersdenkende werde nicht mehr einfach als Dialogpartner gesehen, sondern als ekelerregender Feind, den man zum Schweigen bringen müsse. Und in der Tat: Wie oft stempeln wir die andere Seite als „FaschistenKommunisten oder als ideologisch-Verblendete ab, letzten Endes nur, um nicht zuhören zu müssen.

Mensch und demokratische Gesellschaft im „Aggressionsmodus“

Laut Rosa resultiere diese Haltung, die er als Agressionsmodus benennt, aus einem permanenten Steigerungszwang, dem wir als Individuen und als Gesellschaft ausgesetzt sind.

Doch während das Steigerungsprogramm der Moderne („immer besser, immer schneller, immer effizienter) durchaus in Vergangenheit Fortschritt und Wohlstand hervorgebracht habe, hätten wir heutzutage nicht mehr das Gefühl, wir gingen auf eine verheißungsvolle Zukunft zu. Im Gegenteil: Wir müssten immer schneller sein, um von einem Abgrund wegzulaufen, der uns von hinten einholt. Im persönlichen Leben äußere sich dieses Aggressionsverhältnis zur Welt unter anderem in Form von explodierenden To-do-Listen, die es abzuarbeiten gelte.

„Demokratie ist das zentrale Glaubensbekenntnis unserer Gesellschaft, aber sie erfordert eben Stimmen, Ohren und hörende Herzen“

Dort wo Andersdenkende Feinde sind, die „das Maul halten sollen“, könne kein Dialog entstehen und damit weder Gemeinschaft noch Demokratie gelingen.

Eine erste Voraussetzung für Demokratie sei also die, unterschiedliche Stimmen überhaupt hörbar zu machen. Eine zweite, den Willen zu haben, sich von dem Andersdenkenden erreichen zu lassen. Kurz: Demokratie brauche „hörende Herzen“, welche empfangen und antworten wollen.

Familie als Resonanz-Raum

Demokratiekrise, Burnout-Epidemie und sogar Glaubenskrise hätten laut Rosa eines gemeinsam: Sie beruhen auf einer allgemeinen „Krise der Anrufbarkeit“. Es fehle uns zunehmend an der Fähigkeit vom anderen erreicht, berührt und dadurch verwandelt zu werden. Durch wechselseitiges Erreichen passiere wechselseitige Transformation. Und durch wechselseitige Transformation werde Neues in die Welt gesetzt.

Die These in „Demokratie braucht Religion“ lautet: Religion stellt Räume bereit, die uns aus dem „Aggressionsmodus“ ziehen und den Sinn dafür öffnen, was es bedeutet, mit der Umwelt und mit dem anderen in Resonanz zu stehen. Wenn wir ein Kreuzzeichen machen, die Fingerspitze ins Weihwasser tauchen, in der Heiligen Messe mitsingen und beten, stellen wir eine Verbindung zur Welt und zu einem Anderen her. „Etwas berührt mich und löst in mir eine transformatorische Wirkung aus, das ist die Vorstellung, die da geteilt und erfahrbar wird.“ Die moderne Gesellschaft brauche also die Rückbesinnung auf die menschliche Fähigkeit der „Anrufbarkeit“ und die „Erfahrung der entsprechenden ergebnisoffenen Selbstwirksamkeit“.

Und genau hierin liege laut Sabrina Montanari, Redakteurin am IEF, das Potenzial der Familie als „Hauskirche“ für unsere Zukunft als demokratische Gesellschaft. In der Familie wird eine Haltung des Hören- und Antworten-Wollens, weg von der Steigerungslogik des „Was will ich noch erreichen? Was kann ich kontrollieren?“ hin zu einer Haltung des Liebens („des unentgeltlichen Schenkens“, wie Papst Johannes Paul II in Familiaris Consortio schreibt)  erlernt und mit anderen geteilt. Im Wohnzimmer lerne ich dem anderen zuzuhören und mich von ihm berühren zu lassen. Diese Erfahrung, mich auf etwas Unerwartetes, einzulassen und zu merken, dass ich darauf reagieren kann, verändert mich und verändert uns als Familie. (SM)

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