Jugendsuizide
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AT / Beratung: Neue Studie beschäftigt sich mit starkem Anstieg von Suiziden bei Kindern und Jugendlichen

IEF, 31.10.2023 – Anlässlich der stark gestiegenen Zahlen von Jugendsuiziden sehen Experten großen Handlungsbedarf.

Dass die Coronakrise teilweise verheerende Auswirkungen auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen hatte, ist bekannt. Mit dem Ende der Pandemie hoffte man auf Verbesserungen der psychischen Gesundheit junger Menschen. Die österreichische Suizidstatistik zeigt jedoch alarmierende Zahlen. Eine neue Studie des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP) hat sich die Zahlen näher angeschaut und ist der Frage nachgegangen, was die Jugend von heute so sehr belastet. Dabei wurden Fragebögen an Kinder- und Jugendpsychotherapeuten ausgeschickt, in denen die Psychotherapeuten zur Situation ihrer Patienten befragt wurden. Die Befragung der in Behandlung befindlichen Patienten selbst sei aus ethischen Gründen kaum möglich gewesen, so der Vizepräsident des ÖBVP und Psychotherapeut Peter Stippl.

Kein Ende der Pandemiefolgen in Sicht

Bereits ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (ÖGKJP) ergab, dass sich die Zahl der Jugendlichen, die nach einem Suizidversuch im Krankenhaus landeten, im Vergleich zum Vorpandemieniveau verdreifacht hat. Konnte man in den Jahren vor der Coronapandemie österreichweit sinkende Suizidzahlen beobachten, so stieg auch die Suizidrate im Jahr 2022 erstmals wieder um 12 Prozent verglichen mit dem Jahr 2021. Bei den unter 20-Jährigen ergab sich sogar ein Anstieg von 57 Prozent auf insgesamt 36 Fälle. Die im Rahmen der ÖBVP-Studie befragten Psychotherapeuten gaben zudem an, dass bei 71 Prozent der Patienten in den vergangenen zwölf Monaten eine höhere psychische Belastung festgestellt wurde als noch im Jahr zuvor. Laut den Psychotherapeuten sprachen 37 Prozent ihrer Patienten über Suizidversuche und bei 31 Prozent bestand vonseiten der Psychotherapeuten die konkrete Sorge, dass Suizidversuche vorgenommen werden könnten. „In unserer täglichen Praxis bekommen wir den Anstieg der Belastungen bei Kindern und Jugendlichen hautnah mit: Schlafstörungen, Alkohol- und Substanzmissbrauch sowie auch ein eklatanter Anstieg von Essstörungen und die Zunahme bei Suizidgedanken oft mehrmals täglich“, berichtete ÖBVP-Präsidentin Barbara Haid anlässlich der Vorstellung der Studie. Die Annahme, dass sich mit Ende der Pandemie die psychische Gesundheit der jungen Menschen verbessern würde, stellte sich folglich als falsch heraus, so Markus Böckle vom ÖBVP.

Was belastet unsere Jungen?

Anlässlich der erschreckenden Zahlen wollten die Autoren der Studie insbesondere wissen, was die Auslöser für die Verschlechterung der psychischen Gesundheit junger Menschen seien. Die befragten Psychotherapeuten gaben dabei an, dass die häufigsten Ursachen die Coronapandemie (42 Prozent) und schulische Probleme (41 Prozent) sowie der allgemeine Anstieg psychischer Erkrankungen (40 Prozent) seien. Zudem würden viele junge Menschen familiäre Probleme (36 Prozent), Cybermobbing und Mobbing (28 Prozent) und die mangelnde Versorgung psychischer Probleme (26 Prozent) belasten. Auch der nicht allzu weit entfernte Ukrainekrieg und die Klimakrise würden die jungen Menschen nachdenklich und ängstlich stimmen, so Böckle und Stippl. Zudem habe sich die Fähigkeit zur Krisenbewältigung verschlechtert, was unter anderem am problematischen Umgang mit den Sozialen Medien liege, die das Selbstvertrauen schwächen und Zukunftsängsten und Pessimismus mehr Raum geben würden.

Aufstockung von Betreuungsangeboten gefordert

Ziel der Studie sei es unter anderem, ein Problembewusstsein zu schaffen, um eine „Kultur der Bewältigung“ zu entfalten, so Stippl. Außerdem brauche es dringend eine Aufstockung des Behandlungsangebotes sowie öffentlich finanzierte Psychotherapie für Kinder und Jugendliche ohne Einschränkung der Dauer und Anzahl der Patienten, so Haid. Es gebe zwar bereits Beratungsangebote wie „fit4school“ oder „Gesund aus der Krise“. Die dort angebotenen 15 kostenlosen Therapiestunden würden für 15 Prozent der Patienten allerdings nicht ausreichen.

Schule als wichtiger Anknüpfungspunkt

Eine besonders wichtige Schnittstelle sei die Schule, da junge Menschen dort sehr viel Zeit verbringen würden, so Haid. Die Einführung eines Schulfaches Gesundheitskompetenz oder die schlichte Integration dieses Themas in verschiedenen Fächern wäre etwa eine Option. „Schule ist für viele Kinder der einzige Ort, an dem sie noch Struktur erleben – besonders wenn sie aus dysfunktionalen Familien kommen, in denen die Eltern wenig Zeit haben, sich um die Kinder zu kümmern.“ unterstrich auch Roland Bernhard, Professor an der KPH Wien/Krems, die Wichtigkeit der Schulen und Hochschulen. Viele engagierte Lehrpersonen würden jedoch mit der psychischen Unterstützung oft an ihre Grenzen kommen. Eine Kooperation mit „Gesund aus der Krise“ würde sich daher anbieten, so Bernhard.

Familie und außerschulische Aktivitäten wichtig

Bernhard sprach sich auch für die Implementierung von Konzepten zur Charakterbildung für Kinder aus. „Charakterbildung hat Zukunft. Dabei geht es darum, bei Kindern gezielt Stärken wie Mut, Resilienz, Ehrlichkeit, Respekt und Dankbarkeit zu fördern, was auch ihrem psychischen Wohlbefinden und Glück zugutekommt und sie aufblühen lässt“, so der Professor. Idealerweise geschehe die Steigerung des Selbstwertes in der Familie, so Stippl. Auch ehrenamtliches Engagement, etwa bei der Nachwuchs-Arbeit des Roten Kreuzes oder der Freiwilligen Feuerwehr sowie Sport oder das Erlernen eines Musikinstruments würde vielen jungen Menschen helfen, Selbstvertrauen zu entwickeln und zu lernen, wie mit Herausforderungen und Problemen umgegangen werden könne. In einem Interview mit der Tagespost unterstrich Haid abermals die Wichtigkeit der Familie. Kinder bräuchten die Hilfe von Erwachsenen. „Wir sind gut beraten, den Jugendlichen ehrlich zu sagen, wenn wir selbst keine Lösung oder Antworten haben“. Erwachsene müssten aber trotzdem Ruhe bewahren und zu einem inneren Gleichgewicht beitragen, denn in einer Zeit objektiver Unsicherheit müssten Kinder und Jugendliche in ihrem engsten Umfeld, der Familie und den Freunden, Halt finden können, so Haid.

Das IEF-Beratungsteam ist für Sie da!

Wenn Sie oder Ihre Verwandten, Freunde oder Bekannten Hilfe suchen, können Sie sich an das IEF-Beratungsteam wenden. Das Beratungsteam des Instituts für Ehe und Familie (IEF) bietet professionelle und kostenfreie Krisenberatung in methodisch geführten, persönlichen Gesprächen. Bei Bedarf empfehlen wir Fachleute unseres Vertrauens aus den Bereichen Familienrecht, Psychologie, Psychotherapie, Sozialarbeit, Seelsorge, Mediation, Pädagogik, Schwerpunktberatung (z.B. Migration, Sucht) und Medizin. Sie erreichen uns unter dem IEF-Krisentelefon 01/34 84 777, mittels Videotelefonie sowie per E-Mail unter beratung@ief.at oder finden mittels moderner Onlineberatungstools unter http://www.ief.at/onlineberatung kostenfreie Soforthilfe. (TS)

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