INT / Lebensende: Assistierte Suizide nehmen durch Corona zu

IEF, 11.12.2020 – Einsamkeit und Verlassenheit lassen den Lebenswillen enden.

Einsamkeit hat fatale Folgen

Wie unter anderem der ORF berichtet, kann nun durch eine Studie der Universität Innsbruck in Zusammenarbeit mit der Gesundheitsschmiede Tirol belegt werden, was viele Psychotherapeuten und Pflegemitarbeiter bereits geahnt haben. Das Zutrittsverbot in den Senioren- und Pflegeheimen während des ersten Lockdowns hatte fatale Auswirkungen auf die betroffenen Bewohner. Wenn „die Ehefrau nicht mehr zu Besuch kommen durfte und die Enkelkinder nicht umarmt werden konnten“, schlug sich das laut Studienautorin Bianca Plangger merklich auf die Psyche. Im Rahmen der Studie wurden 49 Heimbewohner aus fünf Pflegeheimen untersucht. Das Ergebnis: In der Isolationsphase sei die kognitive Leistung massiv eingebrochen, Ängstlichkeit und Depressionen bei den Bewohnern hätten extrem zugenommen, die Lebenszufriedenheit sei stark gesunken, so Plangger. Im November 2019 waren die Studienteilnehmer zum ersten Mal getestet worden, ein weiteres Mal kurz vor dem Lockdown im März 2020. Zu diesem Zeitpunkt konnte kein massiver Abbau der kognitiven Fähigkeiten festgestellt werden Die Testergebnisse im Juni 2020 – nach dem Lockdown – lieferten eindeutige Ergebnisse: Bedingt durch den Lockdown habe man einen „extremen Abfall der kognitiven Fähigkeiten“ feststellen müssen, so Plangger.

Depression und Ängstlichkeit weichen menschlicher Nähe

Während der Isolation habe sich der Zustand der Teilnehmer um bis zu ein Drittel verschlechtert. Gesunde seien teilweise dement geworden, eine bereits bestehende Demenz habe sich verschlechtert. Ebenso aufschlussreich sind die Testergebnisse, die sechs Wochen nach Ende der Beschränkungen erhoben wurden: Depression, Ängstlichkeit und Lebenszufriedenheit hätten in dieser Zeit beinahe wieder das Ausgangsniveau erreicht, nachhaltig sei hingegen der kognitive Abbau gewesen. Die Studie zeige also deutlich, wie wichtig regelmäßiger Besuch sei. 

Merckens: Lebensbejahendes Umfeld schaffen

Als aufschlussreich können die Studienergebnisse auch im Hinblick auf die derzeitige, durch das Urteil des Verfassungsgerichtshofes neu entfachte, öffentliche Debatte rund um die Beihilfe zum Suizid gesehen werden. „Die Studie zeigt besonders deutlich, wie wichtig menschliche Nähe am Lebensende ist und welchen Einfluss sie auf die Einstellung zum Leben hat“, so Bioethikerin Stephanie Merckens vom IEF. „Zuspruch, Trost und menschliche Sorge schaffen das Umfeld für eine lebensbejahende Haltung.“

Wer in einer existentiellen Krisensituation wie Krankheit und Lebensmüdigkeit einen Sterbewunsch äußere, brauche keine Hilfe zur Selbsttötung, „sondern menschliche Nähe, Schmerzlinderung, Zuwendung und Beistand.“, betont etwa auch Christoph Kardinal Schönborn in einem Statement auf Lebensende.at.

Lieber sterben als verlassen werden

Die Kanadierin Nancy Russell zog den Tod der Isolation aufgrund von Covid-19-Beschränkungen vor. Anstatt die Einsamkeit durch einen zweiten Lockdown zu ertragen entschied sich die 90-jährige Bewohnerin eines Seniorenheims in Toronto (Kanada), auf Grundlage des kanadischen Gesetzes zur ärztlich assistierten Selbsttötung eine „Medical Assistance in Dying“ (MAID) in Anspruch zu nehmen. Sie sei aufgrund der Isolation „einfach zusammengebrochen“, so Russells Tochter. Der Kontakt mit Menschen sei wie „Nahrung“ für sie gewesen, „wie Sauerstoff“. Voraussetzung für den assistierten Suizid ist es nach kanadischem Recht nicht, sich in einem tödlichen oder unheilbaren Zustand zu befinden. Der Zustand muss lediglich „schwer“ sein und der Antragsteller muss sich in einem „fortgeschrittenen Stadium des irreversiblen Verfalls“ befinden, „geistige oder körperliche Leiden zu ertragen haben, die nicht gelindert werden können“ und an einem Punkt sein, an dem „der natürliche Tod vernünftigerweise absehbar geworden ist“, so Health Canada. Zunächst habe der Arzt Russells Antrag abgelehnt, nachdem sich ihr Zustand durch die Isolation jedoch verschlechtert habe, sei es Russell gelungen, einen Arzt zu finden, der ihren Wunsch erfüllte. Sie starb am 20. Oktober. Wie CTV News berichtet, habe die Anzahl der älteren Menschen, die sich nach der Praxis „Medical Assistance in Dying“ erkundigen, während der Pandemie-Beschränkungen zugenommen.

Einsamkeit nicht erst durch die Pandemie

Dass ältere Menschen sich jedoch auch abseits der Pandemie oftmals alleine gelassen fühlen und unter Versorgungsdefiziten zu leiden haben, zeigen Untersuchungsergebnisse einer staatlichen Untersuchungskommission in Schweden, die aus Anlass der hohen Sterblichkeitsrate bei Älteren bedingt durch Covid-19-Infektionen durchgeführt wurde. Einige Patienten seien ohne jede Untersuchung bis zum Tod ihrem Schicksal überlassen geblieben, heißt es in dem jüngst veröffentlichten Bericht der Aufsichtsbehörde IVO. Die „schweren Mängel“ könnten jedoch nicht nur auf die Krise selbst zurückgeführt werden, sie bestünden auch unabhängig von der Pandemie, heißt es weiter.

Tod Älterer aufgrund von „schlechtem Krisenmanagement“ 

Fast die Hälfte der 6.500 Todesfälle im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie entfällt in Schweden auf Seniorenheimbewohner, ein weiteres Viertel auf ältere Menschen, die Zuhause versorgt wurden. Von März bis einschließlich Juni habe es für ein Fünftel aller CoV-Patienten in Seniorenheimen keine ärztliche Untersuchung gegeben. Ärztliche Beratungen erfolgten – wenn überhaupt – am Telefon, nur weniger als zehn Prozent der Patienten seien tatsächlich direkt untersucht worden. Die hohe Zahl an Todesfällen bei Heimbewohnern hatte in Schweden zu heftigen Diskussionen geführt. Die Regierung in Stockholm musste schließlich das schlechte Krisenmanagement in Seniorenheimen eingestehen. „Es bleibt zu hoffen, dass das aus Anlass der Pandemie aufgedeckte und größer werdende gesellschaftliche Problem des Verdrängens und Vergessens von alten oder hilfsbedürftigen Menschen nicht zu einem Zuwachs Sterbewilliger führt, sondern zu einer Zunahme der Solidarität.“, so Merckens. Ein Weg, der durch den Entscheid des Verfassungsgerichtshofs nicht gerade erleichtert wurde. (KL) 

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