IEF
Lesezeit: 5,6 Minuten

Am Anfang war das Wort – leichte Sprache ein gesamtgesellschaftliches Anliegen

IEF, 26.11.2025 – Leichte Sprache im Fokus: Barrieren abbauen, Inklusion fördern, verständliche Infos für alle ermöglichen

„Leichte Sprache sollte ein gesamtgesellschaftliches Anliegen sein“, waren sich alle ReferentInnen bei dem Fachgespräch „Leichte Sprache“ des Instituts für Ehe und Familie (IEF), einer Einrichtung der Österreichischen Bischofskonferenz, in Wien einig. Das IEF bietet im Rahmen der geförderten Familienberatung mit dem Team FiLO juristische Beratung speziell für Familien an, die Kinder mit einer Behinderung haben.

Bei dem Fachgespräch ging es vor allem auch darum, aufzuzeigen, wo es noch Stolpersteine in der Kommunikation mit Menschen mit Behinderung und deren Helfer gibt und wo schon Erfolge zu verzeichnen sind.

Familienbischof Herrmann Glettler dankte in seinen Grußworten dem Team FiLO und betonte im Hinblick auf das Thema der Fachtagung, dass Sprache den Menschen entgegenkommen müsse. Eine wertschätzende Kommunikation bedeute, dass die Sprache so gewählt werde, dass diese auch verstanden wird. Das gelte vor allem für behördliche Informationen und Ansuchen. Die Fachtagung möge ein Signal an die Gesellschaft senden, dass einfache Sprache selbstverständlich wird, so der Familienbischof.

PatientInnen wie Könige behandeln

Primaria Bernadette Dornigg vom LK Melk leitet seit 2013 im Rahmen der internistischen Abteilung die Medinklusions-Ambulanz „MIA“. Ziel dieser Ambulanz ist es, eine „optimale und barrierefrei zugängliche Regelversorgung von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung zu ermöglichen“. Somit umfasst das Leistungsspektrum grundsätzlich ambulante, tagesklinische, diagnostische und therapeutische Maßnahmen der Anästhesie, Chirurgie, Gynäkologie, Inneren Medizin sowie Radiologie, erörtert Dornigg. Ergänzend dazu, besteht für die Medinklusions-Ambulanz gleichermaßen die Möglichkeit, auf konsiliarärztliche Begutachtungen und Therapien. Dies umfasst routinemäßig die Bereiche HNO, Urologie und Dermatologie und Neurologie. Nach der Behandlung im LK Melk wird durch die MIA noch der Befund sowie Arztbrief erstellt und an PatientInnen weitergegeben. Sofern die Zustimmung durch PatientInnen bzw. dazu berechtigte Personen gegeben wurde, werden diese Informationen auch an die Hausärzte übermittelt inklusive einer Behandlungsempfehlungen oder entsprechende Kontrolltermine in der MIA, so Dornigg.  MIA ist die einzige derartige Ambulanz österreichweit und sollte als Vorbild „Schule machen“.

Einfache Sprache geht alle an

Doris Becker-Machreich von der Firma capito, die sich auf das „Übersetzen“ von komplexen Texten in einfache Sprache spezialisiert hat, meinte, dass leichte Sprache für alle Menschen gut sei. Es sei wichtig, schon in diversen Ausbildungen auch das Thema der leichten Sprache zu integrieren, besonders für den medizinischen Bereich.  Sie nannte in der Folge einige Kriterien der einfachen Sprache wie zum Beispiel, dass Wortwiederholungen sehr wichtig seien, dass ein Satz eine Botschaft transportieren sollte und dass die einfache Sprache für Erwachsene leicht verständlich, aber nicht kindlich geprägt sein soll.

Judith Platter, Senior Lecturer im Zentrum für Translationswissenschaft an der Universität Wien, sieht in der Kommunikation viele Barrieren, eine davon sei die Fachsprachenbarriere, die sie in ihrem Universitätsinstitut mit ihren rund 3000 StudentInnen beforscht. Für Platter gelingt Barrierefreiheit am Ende nur, wenn diese in allen Teilen der Gesellschaft selbstverständlich gelebt werde. Es gehe darum, Menschen mit Behinderungen nicht zu bevormunden, sondern eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen. Sie sehe da schon durchwegs Erfolge wie zum Beispiel durch die Schulung von ExpertInnen „in eigener Sache“ und die damit verbundene Möglichkeit der Übernahme eigenverantwortlichen Handelns.

Recht auf verständliche Information

Für die Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen, Christine Steger, bedeutet das Fehlen „leichter“ Sprache eine Kulturbarriere, die es zu überwinden gelte. Mit leichter Sprache könne man weniger „herumeiern“ und sich hinter schwerverständlicher Sprache mit komplexen Inhalten verstecken. Es gebe, so die Behindertenanwältin, kein Recht auf leichte Sprache, aber das Fehlen leichter Sprache kann den Tatbestand der Diskriminierung erfüllen. Jeder Mensch habe das Recht auf verständliche Information. Wie Steger weiter berichtet, haben die Bundesländer Tirol und Oberösterreich bereits Übersetzungen von Bescheiden in leichte Sprache. Sie lege aber Wert auf die Tatsache, dass schlechte Alphabetisierung in Österreich nicht immer mit einem Migrationshintergrund zu begründen sei. Zurzeit sei ein „Werkzeugkoffer“ in Ausarbeitung für die Übersetzung von rechtlichen Unterlagen in leichte Sprache. Sie plädierte dafür, dass nicht nur Behörden sich dieses Koffers bedienen sollten, sondern auch Unternehmen.

Der Leiter der Barrierefreiheit und Inklusion im ORF, Robert Ziegler, stellte fest, dass der ORF einen gesetzlichen Auftrag gemäß ORF-Gesetz habe, einmal täglich Nachrichten in einfacher Sprache anzubieten. Gestartet hat der ORF 2017 im Rahmen des ORF Teletextes, wo Nachrichten für die Sprachstufe B1 und für die Sprachstufe A2 nach wie vor auf bestimmten Seiten zu finden sind. Für Ziegler sind für alle verständliche Nachrichten wesentlich für den demokratischen Diskurs und das gesellschaftliche Zusammenleben. Angesichts der Tatsache, dass bei etwa 30 Prozent der Menschen in Österreich eine sinkende Lesekompetenz festzustellen ist, werde das Angebot der Nachrichten in leichter Sprache immer wichtiger. Er sei mit einigen Herausforderungen konfrontiert, wie etwa das fehlende Verständnis beim Publikum, weil einfache Sprache ungewohnt klinge. In diesem Zusammenhang forderte Ziegler eine verstärkte Information über die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit auf breiter Basis.

Die Expertin vom Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien (MA 53), Eva Gassner, berichtete, dass die Beschäftigung mit leicht verständlicher Sprache bei der MA 53 seit 2016 stattfinde. Seit 2018 gebe es dazu bereits Schulungen und Beratungen.  Es sei eine nicht zu leugnende Tatsache, dass das Sprachniveau bei Veröffentlichungen von Behörden und Unternehmen oft sehr viel höher als das Sprachniveau der Bevölkerung ist. Dies bewirke, dass Lesende ihre Rechte nicht wahrnehmen können, weil sie diese nicht verstehen und damit auch von demokratischen Prozessen ausgeschlossen sind.

Angebote in leicht verständlicher Sprache hätten, so Gassner, nicht nur Vorteile für die Lesenden, sondern auch für die MitarbeiterInnen der Stadt Wien, die sich mit weniger Problemen bei der Kommunikation konfrontiert sehen. Zur Erklärung dazu: Die leicht verständliche Sprache ist schriftliches Deutsch, das sich an der gesprochenen Sprache orientiert. Wichtig dabei sei die Reduktion auf das Wesentliche. Die Inhalte sind, so Gassner, inhaltlich und formal korrekt, vollständig und unmissverständlich formuliert. Die MA 53 leiste bei den MitarbeiterInnen ständig Überzeugungsarbeit, damit es zu einer Haltungsänderung komme. Schulungen und ein Leitfaden „Leicht verständliche Sprache“ haben dabei oberste Priorität.

Ivana Veznikova vom Fonds Soziales Wien erläuterte, dass der Fonds Soziales Wien 15200 KundInnen mit Behinderungen betreut – da sei die einfache Sprache ein großes Thema. Auch Menschen, die erhöhtem Stress ausgesetzt seien, bringe die einfache Sprache großen Nutzen. Ebenso können Bilder und Grafiken sehr hilfreich sein.

Die Veranstaltung gab einen praxisnahen Einblick in den täglichen Gebrauch der einfachen Sprache und deren Herausforderungen für die Zukunft. Dazu dienten auch die Vernetzungsgespräche der vielen ExpertInnen. (APR)

Diesen Artikel teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Nach oben