IEF, 28.01.2020 – Forscher rufen dazu auf, überalterte und unsachgemäße Annahmen zum Schmerzempfinden bei Ungeborenen zu überdenken.

Neurowissenschaftliche Argumente für ein sehr frühes Schmerzempfinden

Psychologieprofessor Stuart Derbyshire von der National Univerity of Singapore und der medizinische Fachangestellte John Bockmann von der Conner Troop Medical Clinic in New York hinterfragen in einem kürzlich im Journal of Medical Ethics (JME) veröffentlichten Artikel die überkommene Annahme, wonach ungeborene Kinder erst ab der 24. Schwangerschaftswoche Schmerzen empfinden könnten. Zumindest aus neurowissenschaftlicher Sicht sei diese Behauptung nicht haltbar.

Die Autoren geben dabei zu bedenken, dass zu keiner Zeit Konsens darüber bestand, dass ein Schmerzempfinden beim Ungeborenen vor der 24. Schwangerschaftswoche ausgeschlossen sei. Viele Arbeiten gingen von einem Schmerzempfinden bereits vor der 20. Schwangerschaftswoche aus. Einige neuere Forschungsergebnisse würden sogar zu dem Ergebnis kommen, dass ein Schmerzempfinden beim Fötus bereits ab der 12. Schwangerschaftswoche gegeben sei.

Ethische Implikationen

Das selbstreflektierte Schmerzempfinden eines Erwachsenen mag sich diametral von der unreflektierten „bloßen“ Empfindung eines Ungeborenen unterscheiden, doch auch diese sei laut den Wissenschaftlern aus moralischer Sicht von Bedeutung und sollte sich auf die einzelnen Abtreibungsverfahren auswirken. Denn auch wenn man wahrscheinlich nie herausfinden werde, wie ungeborene Kinder Schmerzen empfinden, grenze es doch an „moralischen Leichtsinn“ zu behaupten, man könnte mit Sicherheit behaupten, dass sie keine Schmerzen empfänden.

Die Autoren der Studie teilen in Sachen Abtreibung diametral unterschiedliche Positionen: Während der eine die Abtreibung grundsätzlich als einen gewalttätigen medizinischen Eingriff ablehnt, hält der andere sie unter dem Aspekt des Wohls und der Autonomie der Frau für gerechtfertigt. Die Studie führten sie jedoch unter der gemeinsamen These durch, dass es wichtig wäre, fötale Schmerztherapien bei späteren Abtreibungen in Erwägung zu ziehen.

Schmerzdefinition

Die Autoren argumentieren zudem, dass die zumeist herangezogene Definition von Schmerz, die auf die Internationale Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (IASP) zurückgeht, zu anspruchsvoll sei. Die IASP versteht unter dem Begriff Schmerz „ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit einer aktuellen oder potentiellen Gewebeschädigung einhergeht, oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird“. Das Schmerzempfinden basiere darin nicht nur auf phänomenologischen, sondern auch reflektierenden Aspekten und sei damit fast ausschließlich reifen Erwachsenen vorbehalten. Die Autoren plädieren daher für eine simplere Definition, die auf die unmittelbare und unreflektierte Erfahrung des Schmerzes abstellen würde.

Medizinische Eingriffe zur Erhaltung des Lebens und der Gesundheit des Fötus vs. Abtreibung

Die Autoren gehen basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen davon aus, dass ungeborene Kinder ab der 12. Schwangerschaftswoche sehr wahrscheinlich Schmerzen in irgendeiner Form empfinden können. Diese Erkenntnis ist für sie vor allem im Zusammenhang mit Abtreibungsverfahren von Bedeutung, da man bei allen anderen medizinischen Interventionen am Fötus schon jetzt analgetische und anästhetische Verfahren anwenden würde. Mediziner seien sich hierbei einig, dass Analgesie (Schmerztherapie) und Anästhesie die mütterliche und kindliche Herz-Kreislauf-Stabilität verbessern, für die nötige Unbeweglichkeit des Fötus sorgen und die gefährliche physiologische Stressreaktion des Kindes verhindern würden.

Obwohl die Schmerzerfahrung in den Fällen, in denen es um die Erhaltung des Lebens oder die Gewährleistung der Gesundheit des Kindes gehe, rechtfertigbar wäre, stelle sich die Situation – zumindest aus ethischer Sicht – bei der Abtreibung ganz anders dar. Hier würde nämlich für das Ungeborene kein Nutzen aus der Schmerzerfahrung entstehen.

Außerdem wären Ärzte im Rahmen von Abtreibungen meist nur auf das Wohl der Schwangeren bedacht. Die Autoren fordern daher, dass Ärzte und Schwangere auch das Kind in den Fokus nehmen und die Anwendung von Analgesie und Anästhesie während der Abtreibung, auch wenn diese ein Risiko für die Schwangere darstellen könnten, zumindest in Erwägung ziehen und eine Risikoabwägung vornehmen.

Schmerzempfinden und Abtreibungsgesetzgebung in den USA

Der Artikel weist auch auf die Zusammenhänge zwischen der Forschung hinsichtlich des fötalen Schmerzempfindens und der politischen Debatte rundum die Abtreibungsgesetzgebung hin. So forderte beispielsweise ein vom US-amerikanischen Repräsentantenhaus verabschiedeter Gesetzesvorschlag ein Abtreibungsverbot nach der 20. Schwangerschaftswoche und berief sich dabei auf die Annahme, dass ab diesem Zeitpunkt ein Schmerzempfinden beim Fötus vorliegen würde. (Das IEF hat berichtet). Erst letztes Jahr hat auch der US-Bundesstaat Utah die Abtreibung ab der 18. Schwangerschaftswoche per Gesetz verboten, da medizinische Hinweise dafür vorlägen, dass Ungeborene ab diesem Zeitpunkt Schmerzen empfinden können. (Das IEF hat berichtet). Es gibt also sehr unterschiedliche Reaktionen auf die immer gesichertere Erkenntnis, dass Kinder vor der Geburt bereits sehr früh Schmerzen empfinden können, kommentiert Dr. Stephanie Merckens die Studie. Während die einen die Fristen von Abtreibungen revidieren, überlegen die anderen, wie sie dem Ungeborenen den Tod schmerzfrei gestalten können. In letzterem Fall bleibe die Frage: Cui bono? mit schalem Nachgeschmack im Raum, so Merckens.  (AH)

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